"Wo ist die Bildopulenz?": Der neue "Stern" im Experten-Check

Mittwoch, 20. März 2013
"Düster": Das Titelbild des neuen "Stern" gefällt nicht jedem
"Düster": Das Titelbild des neuen "Stern" gefällt nicht jedem

Seit dem vergangenen Donnerstag liegt der neue "Stern" am Kiosk. Mit dem Relaunch will Gruner + Jahr sein Flaggschiff wieder auf Kurs bringen und die schleichende Erosion im Anzeigen- und Lesermarkt stoppen. HORIZONT.NET hat ausgewählte Media-Experten gefragt, wie Ihnen der neue "Stern" gefällt. Die Urteile fallen gemischt aus. "Bildgewaltiger, opulenter und klarer strukturiert. Ein echtes Kompliment an den neuen Macher Dominik Wichmann", lobt zum Beispiel Mindshare-Geschäftsführer Christof Baron und bekennt: "Mir, als Stammleser, hat der neue "Stern" jedenfalls sehr viel Spaß gemacht". Auch Andrea Malgara von Mediaplus findet lobende Worte: "Die bekannten Stärken des Stern, eine Prise SZ Magazin, ein Hauch Neon, und schon wirkt das Heft im Umfeld der aktuellen Magazine viel klarer positioniert. Es ist politischer geworden und dennoch nahbarer."

Andere Experten gehen kritischer mit dem neuen "Stern" ins Gericht: "Wo ist die Bildopulenz, für die der Titel so geschätzt wird?", fragt zum Beispiel Ina-Christin Schliep von Pilot Media. Auch Volker Neumann, Geschäftsführer von Jäschke Operational Media, gehen die Neuerungen nicht weit genug: "Ja natürlich, das Cover sieht aufgeräumter aus, das Layout im Heft etwas moderner und zeitgemäßer, aber wo bitte erfindet sich der 'Stern' hier neu, so wie es Chefredakteur Wichmann selbst forderte?" Insgesamt sehen die Media-Experten den "Stern" aber auf einem guten Weg: "Mut zur Innovation wird immer belohnt", ist Mediaplus-Mann Malgara sicher. dh

Ina-Christin Schliep, Leiterin Beratung Media, Pilot Hamburg

Ina-Christin Schliep, Leiterin Beratung Media, Pilot Hamburg
Die erste Ausgabe des neuen stern hatten wir insgesamt freundlicher und positiver erwartet. Das Titelthema ist zwar aktuell und an sich gewissermaßen tragisch, aber auf dem Titel so düster aufbereitet, dass das Motiv leider nicht besonders ansprechend ist. Auch wenn positiv auffällt, dass die Titelgestaltung deutlich cleaner ist als vorher.

Der Ausgabe fehlt die optische Umsetzung der groß angekündigten neuen "optimistischeren Grundeinstellung". Und: Wo ist die Bildopulenz, für die der Titel so geschätzt wird? Die Bilder zu den Reportagen sind zwar aufgeräumt und neuartig angeordnet, dafür aber unerwartet klein gehalten. Doppelseitige Bilder zum Geschehen sind gefühlt reduziert. Schade, denn die neuen kleinen Infografiken in den Textspalten wiegen das nicht wirklich auf.

Auf den ersten Blick fällt natürlich auch das neue Textlayout ins Auge. Die neue Schrift im Titel ist besonders, im Textfluss allerdings wohl nur für denjenigen, der genauer hinsieht, erkennbar anders. Die Spaltenverteilung ist überarbeitet: Linien grenzen diese voneinander ab, die Tanzspalten machen das Layout zwar lebendiger, den Artikel aber leider trotzdem nicht leichter zu lesen. Die Logo-Integration ist vergleichsweise stark reduziert, die Marke Stern also im Heft selbst insgesamt weniger präsent.

Thematisch tun wir uns mit dem etwas unaufgeräumten Einstieg und der neuen, gefühlt willkürlichen Aneinanderreihung von Themen im Journal etwas schwer. Das Inhaltsverzeichnis macht es dem Leser hier nicht gerade einfacher. Man wird lernen müssen, welches Thema in Zukunft wo zu finden ist. Stichwort: Ein DVD Tipp ("Weissensee") fällt in den Bereich "Unterhaltung", weitere Filme inkl. DVD Tipp werden in den Kulturtipps besprochen… "Auto/Mobil" und "Reise" laufen unter "Lebensart"… Nach wie vor sind die Themen gewohnt gut aufbereitet und die Erweiterung um unterschiedliche kurze Textstücke in der Rubrik "Diese Woche" gibt einen netten Überblick.

Wie sich die Haltung des Sterns tatsächlich verändert hat, wird sich erst nach mehreren Ausgaben nachvollziehen lassen. Ein angenehmer Begleiter durch die Woche war der Titel schon vorher und wird er auch in der neuen Aufmachung bleiben – auch wenn nicht alle Veränderungen auf den ersten Blick nachvollziehbar und teilweise anfangs doch eher verwirrend als stimmig sind.

Bewertung

Layout: 3 Punkte 

Struktur: 3 Punkte 

Inhalt: 4 Punkte 

Gesamturteil: 3 Punkte

Stefan Uhl, CEO Starcom MediaVest Group

Stefan Uhl, CEO Starcom MediaVest Group
Das Investment von GuJ in sein Flaggschiff ist sehr zu begrüßen. Ein wichtiges Signal in der Print-Landschaft und ein selbstbewusster Schritt heraus aus der Defensive! Die qualitativ hochwertigere Ausrichtung in Sachen Papierqualität und Typographie geht absolut in die richtige Richtung. Ein wenig schwer tue ich mich mit der optimistischen Grundausrichtung. Ich hoffe nicht, dass der Stern damit sein Profil als kritische Instanz verliert. Wäre ein "Wir haben abgetrieben"-Titelblatt, das in den 70ern für wichtige Diskussionen gesorgt hat, in dieser Ausrichtung noch möglich? Und diese Themen haben den Stern groß gemacht und differenzieren ihn gegen die vielen, vielen "Gute Laune"-Blättchen. Ich würde meinen kritischen „Stern“ vermissen.

Wir haben einen neuen Papst, ein Komet ist in Sibirien eingeschlagen, ein anderer Komet hat zeitgleich die Erde knapp verpasst, der Stern hat ein neues Konzept. Die Halbwertszeiten von Nachrichten hat eine unglaubliche Geschwindigkeit erreicht. Die Anzahl der Kollektionen von Modelabels in einem Jahr hat sich sehr beschleunigt. In wie weit die Zielgruppe daher überhaupt kurzfristig (!) wahrnimmt, dass beim "Stern" eine signifikante Veränderung stattgefunden hat, ist zweifelhaft. Sicher, das Layout ist frischer und jünger und es mag helfen, jüngere Leser heranzuführen. Dass wir einen signifikanten Shift in den Strukturdaten sehen werden, glaube ich nicht.

Der Relaunch eines Titels ist am Anzeigenmarkt immer dann attraktiv, wenn es gelingt, die Auflagen/Reichweitenzahlen zu stabilisieren bzw. zu erhöhen. Die Marken für die die Anmutung eines Titels eine stärkere Relevanz besitzt, sind typischerweise in anderen Titelsegmenten zu Hause.

Leider widersteht der "Stern" nicht dem süßen Gift der Preispromotion. Schade! Denn alle wissen es: Wer einmal mit dem niedrigen Preis zum Kauf verführt wird, kommt zum normalen Preis so schnell nicht wieder. Wenn es schon eine Promotion zum Relaunch sein soll, wäre eine Mechanik, die über "Mehrwert" statt über Preis arbeitet, vielleicht die nachhaltig erfolgreichere Variante.

Bewertung 

Layout: 4 Punkte

Inhalt: 4 Punkte

Gesamturteil: 4 Punkte

Julia Niggemann, Media Director Optimedia

Julia Niggemann, Media Director Optimedia
Die Überarbeitung ist auf jeden Fall ein Schritt in die richtige Richtung. Eine Modernisierung und Überarbeitung des "Stern" ist dringend notwendig, wenn man den Auflagenrückgang stoppen will. Der letzte Relaunch liegt bereits einige Jahre zurück. Der Ansatz mit neuer Typo und übersichtlicherer Struktur sowie Interaktionsmöglichkeiten mit dem Leser klingt vielversprechend. Ob diese Änderungen ausreichen, muss sich jedoch erst beweisen.

Die äußeren Rahmenbedingungen für die Ansprache neuer, jüngerer Zielgruppen sind durch die Überarbeitung zwar gegeben. Unklar ist jedoch, ob auch die inhaltliche Aufbereitung, d.h. die Auswahl der Themen und deren Aufbereitung, zur Ansprache neuer Zielgruppen in ausreichendem Maße überarbeitet wird.

Der Relaunch ist ein positives Zeichen für den Werbemarkt. Er räumt mit bestehenden Vorbehalten auf und gibt einen neuen Anstoß. Für eine dauerhafte Festigung der stärkeren Position des "Stern" im Werbemarkt müssen sich die Erwartungen durch Auflagensteigerungen bestätigen. Der Relaunch zum Schnupperpreis ist im zeitlich begrenzten Einsatz ein sinnvolles Mittel zur Gewinnung von Probierkäufern (vor allem in der jungen Zielgruppe) und damit zur Erweiterung der Leserschaft. Wichtig ist jedoch, die Balance zu halten zur Positionierung als Qualitäts-Magazin. Es soll dauerhaft eine gut gebildete, besserverdienende Zielgruppe angesprochen werden, die über Inhalte und nicht über einen Schnupperpreis aktiviert werden müssen.

Bewertung

Layout: 4 Punkte

Inhalt: 4 Punkte

Gesamturteil: 4 Punkte

Volker Neumann, Geschäftsführer JOM Jäschke Operational Media

Volker Neumann, Geschäftsführer JOM Jäschke Operational Media
Was sich beim ersten Blick in den neuen "Stern" zunächst einmal erklärt, sind die hohen Werbeinvestitionen, die der Verlag in den Relaunch investiert. Man fragt sich nämlich, wer die Veränderungen ansonsten überhaupt bemerkt hätte, ohne das Vorwort des Chefredakteurs zu lesen.

Ja natürlich, das Cover sieht aufgeräumter aus, das Layout im Heft etwas moderner und zeitgemäßer, aber wo bitte erfindet sich der "Stern" hier neu, so wie es Chefredakteur Wichmann selbst forderte? Ganz klar, die Heftstruktur wirkt durchdacht, leitet den Leser durch gute Fotostrecken, über kurze prägnante Neuigkeiten mit guten Infografiken zu dem in diesem Fall inhaltlich gut gelungenen Hauptteil. Das ist alles schön, gab es aber wenig anders vorher auch schon und schaffte es nicht, die Auflage des Titels zu stabilisieren.

Bleibt die Hoffnung, dass sich die Veränderungen im Bereich der Redaktionsstruktur positiv auf Themenwahl, journalistische Qualität und die Verbindung mit dem digital vorhandenen Content auswirken. Bei einer Zeitschrift, die sich der "anspruchsvollen Unterhaltung“ verschrieben hat, wird dies ganz sicher der Anker zu stärkeren Aktivierung von Gelegenheitslesern sein und vielleicht ja sogar zu dem ein oder anderen neuen Leser führen. Und irgendwie wünscht man sich insgeheim einen kleinen Angriff in Richtung "Spiegel", denn angesichts von Dschungelcamp & Co. scheint anspruchsvolle Unterhaltung allein aktuell nicht sehr angesagt zu sein.

Bewertung

Layout: 3 Punkte

Inhalt: 4 Punkte

Gesamturteil: 3 Punkte

Andrea Malgara, Mediaplus

Andrea Malgara, Mediaplus
Eine Marke muss sich verändern, um zu bleiben was sie ist.

Formelle und inhaltliche Relaunches sind im Fernsehen und in Online Standard. Aber viele Verlage sind bei ihren Flaggschiffen vorsichtig, da gerade Printmedien als "Paid Content Medien" hier deutlich mehr gefordert sind: Der Stern muss jede Woche aufs Neue seine Leser überzeugen, die aktuelle Ausgabe für immerhin 3,50 Euro zu kaufen.

Um den Auflagen- (minus zehn Prozent in zwei Jahren!) und den damit einhergehenden Anzeigenverlusten entgegenzuwirken, hat der Stern den richtigen Weg eingeschlagen – der deutlich zeitgemäßere Auftritt trägt klar die Handschrift von Dominik Wichmann. Die bekannten Stärken des Stern, eine Prise "SZ Magazin", ein Hauch "Neon", und schon wirkt das Heft im Umfeld der aktuellen Magazine viel klarer positioniert. Es ist politischer geworden und dennoch nahbarer. Das beste Beispiel ist die großartige Reportage über die Weltreise der Journalistin Meike Winnemuth, in der Fotos wirken, als wären sie auf dem heimischen Couchtisch ausgebreitet worden.

Jetzt müssen nur noch Konsumenten zum Heft geführt werden. Gerade bei Lesern der jüngeren Stern-Ableger "Nido" und "Neon" stehen die Chancen perspektivisch gut. Gewissheit werden aber erst Zahlen bringen. Denn Werbeinvestitionen folgen schlussendlich der Leistung und nicht der äußeren Form.

Das Ergebnis gefällt uns: Wir vergeben für Layout, Inhalt und als Gesamturteil jeweils vier Punkte und wünschen den Kollegen viel Erfolg. Denn wir bei Mediaplus stehen für Innovation und Mut zur Innovation wir immer belohnt.

Bewertung

Layout: 4 Punkte

Inhalt: 4 Punkte

Gesamturteil: 4 Punkte

Christof Baron, Geschäftsführer Mindshare

Christof Baron, Geschäftsführer Mindshare
Mein erstes Urteil über den neuen "Stern": Bildgewaltiger, opulenter und klarer strukturiert. Ein echtes Kompliment an den neuen Macher Dominik Wichmann, dem es gelungen ist – ohne die Seele des "Stern" zu verkaufen – den Titel zeitgemäßer, und ein gutes Stück aktueller, zu gestalten.

Die Titelstory hinsichtlich Leben und Liebe von katholischen Priestern, sensibel geschrieben und zeitgleich zur Wahl des neuen Papstes abgedruckt , ist sehr gut gewählt und beweist vielleicht – das muss die Zukunft zeigen – das große Ereignisse genutzt werden können, um Dinge auch einmal aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Die Fotostrecke "Es werde Licht" beweist Leadership im Bereich Bild, und auch die anderen Artikel zu den Wirtschaftsprüfungsgesellschaften und Gorbatschow sind inhaltlich und optisch hervorragend. Die Servicebereiche sind alle optisch einer Renovierung unterzogen worden, sind klarer und besser strukturiert. Ob der flüchtige Leser, oder Gelegenheitskäufer, allerdings all diese Veränderungen so wahrnimmt, ist fraglich. Muss er auch nicht: Er kauft den Titel, weil ihn die Geschichten interessieren, und weil er vielleicht dort Geschichten findet, die er woanders nicht geliefert bekommt.

Trotz alledem wird es kein einfacher Weg für die Macher des "Stern" die Auflage nach oben zu treiben, trotz aller Veränderungen. Um eine hohe Auflage zu erzielen, muss man zum einen viele Themen bedienen, zum anderen aber auch den Mainstream, der sich in Form der Titelstory auf dem Cover abspielt. Das ist das Gateway für neue Käufer, und dabei darf man die Stammleser nicht verprellen. Und den Mainstream wiederum so zu verpacken, neu zu deuten und ihn damit wiederum für viele spannend und unique zu machen, ist eine echte Herausforderung. Wenn dann noch die Auflagenzahlen stimmen, zieht auch der Werbemarkt entsprechend mit. Mir, als Stammleser, hat der neue "Stern" jedenfalls sehr viel Spaß gemacht zu lesen.

Bewertung

Layout: 5 Punkte

Inhalt: 4 Punkte

Gesamturteil: 4-5 Punkte

Christiane Linker, Head of Strategic Buying Print Media, Aegis Media

Christiane Linker, Head of Strategic Buying Print Media, Aegis Media
Den Schritt den "Stern" kritisch zu überarbeiten / zu modernisieren finde ich mutig, zeitgemäß und notwendig. Gerade altbewährte, etablierte Titel müssen sich den neuen Anforderungen im Markt stellen, um ihre Position zu verteidigen und zu halten. Die digitale Vernetzung im neuen "Stern" birgt Chancen neue Lesergruppen zu aktivieren und für den "Stern" zu begeistern. Extrem positiv gelungen finde ich die deutlich 'kräftigere' Bildsprache und den Hefteinstieg, das Titelthema polarisiert sicherlich.

Ob der "Stern" durch den Relaunch langfristig relevanter und attraktiver wird, wird sich zeigen, die Auflage wird sicherlich kurzfristig durch den Sonderpreis positiv unterstützt.

Bewertung

Layout: 4 Punkte

Inhalt: 3 Punkte

Gesamturteil: 3-4 Punkte
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