Wie eine türkische Game-Show der Zensur trotzte

Freitag, 07. Juni 2013
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Die Proteste für den Erhalt des Gezi-Parks in Istanbul, die sich zu einer landesweiten Revolte gegen den türkischen Präsidenten Erdogan ausgeweitet haben, sind Top-Thema in vielen Nachrichtensendungen der Welt. Allein, in der Türkei kehren die Medien die Protestbewegung weitgehend unter den Teppich, vermutlich auf staatlichen Druck. Eine türkische TV-Show schaffte es jedoch, das Thema unterschwellig zu platzieren. Bei der Sendung, die übersetzt "Das Wort-Spiel" heißt und bei Bloomberg TV gesendet wird, müssen die Kandidaten anhand von Umschreibungen Begriffe raten. In der am Montagabend ausgestrahlten Folge drehten sich alle Begriffe, die von den Teilnehmern identifiziert werden mussten, um die Massenproteste. So lautete eine Umschreibung etwa: "Eine Fahrt, die man unternimmt, um etwas zu sehen und Spaß zu haben." Die Antwort, Reise, heißt auf türkisch Gezi - genauso wie der Istanbuler Park, dessen geplanter Abriss die Proteste entfachte.

Weitere zu erratende Begriffe waren "Widerstand", "Pazifismus" oder "Zensur". Der türkischen Bloggerin Zenyep Tufekci zufolge hatten alle 70 Begriffe indirekt mit den Demonstrationen zu tun. Besonders die letzten beiden Rätsel, die Moderator Ali Ihsan Varol seinen Gästen aufgab, dürften direkt an das Staatsoberhaupt Recep Tayyip Erdogan gerichtet gewesen sein: Die gesuchten Worte waren "Rücktritt" und "Entschuldigung". Erdogan hatte auf die Proteste in Istanbul mit massivem Polizeieinsatz geantwortet. Eine Zusammenfassung der Sendung wurde von einem User bei Youtube hochgeladen (siehe Video oben).

Diversen Medienberichten zufolge sind Varol und seine Mitarbeiter bislang von Repressionen weitestgehend verschont geblieben. Die einzige Ansage an das Team lautete wohl, dass die folgende Episode von "Das Wort-Spiel" nicht live gesendet werden dürfe. Gegenüber der türkischen Tageszeitung "Hürriyet" bezeichnete Varol seine Situation laut "New York Times" als "igendwie kompliziert". ire
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