Wie die Zeitungen mit der US-Wahl aufmachen, ohne den Sieger zu kennen

Mittwoch, 07. November 2012
Die "Bild" bietet ihren Lesern "Das Protokoll der verrückten Wahlnacht"
Die "Bild" bietet ihren Lesern "Das Protokoll der verrückten Wahlnacht"

Für die deutschen Tageszeitungen war das Timing denkbar schlecht: Als das Wahlergebnis der US-Wahlen am frühen Mittwochmorgen mitteleuropäischer Zeit feststand, war der Redaktionsschluss bereits vorbei und die Druckmaschinen längst angelaufen. Dennoch mussten sie die wichtigste Wahl des Jahres in irgendeiner Form auf der Titelseite thematisieren. HORIZONT.NET zeigt, wie sich die Zeitungen aus der Zwickmühle befreit haben. Wie macht man am Tag nach der US-Wahl auf, wenn das Wahlergebnis längst feststeht, man den Sieger wegen der Zeitverschiebung aber nicht mehr ins Blatt bekommt? Die meisten Tageszeitungen umschiffen das Problem recht elegant, indem sie mit Symbolbildern - zum Beispiel der amerikanischen Flagge oder Fotos von der Stimmabgabe - auf der Titelseite aufmachen. "Guten Morgen, Amerika" titelt beispielsweise die "Bild" und lieferte auf den Seiten 2 und 3 ein Protokoll der Wahlnacht und eine Bilanz der ersten Amtsszeit von Barack Obama. Den Amtsinhaber dabei auf Seite 2 groß abzubilden, während Herausforderer und Wahlverlierer Mitt Romney eher klein am unteren Rand auftaucht, war von der Redaktion dabei ein gut kalkuliertes Risiko, dass das wahrscheinlichere Ergebnis aber zumindest vorwegnimmt.

Am frühen Morgen gegen 5.30 Uhr wurde das Titelbild übrigens noch einmal aktualisiert. Die Ausgaben, die danach noch gedruckt wurden, erschienen bereits mit dem alten und neuen Präsidenten Obama auf der ersten Seite.

Die "FTD" verweist prominent auf seine Website FTD.de
Die "FTD" verweist prominent auf seine Website FTD.de
Ebenfalls gelungen umschifft die "Financial Times Deutschland" das Problem der Zeitverschiebung: Unter der Headline "Was nun, Amerika?" hob sie die Wahl groß auf den Titel, obwohl die Wahl im Blatt überhaupt nicht thematisiert wird. Stattdessen verweist die Zeitung auf ihren Online-Auftritt FTD.de.

Ähnlich löste auch die "Süddeutsche Zeitung" die Zwickmühle auf, die Wahl thematisieren zu müssen, ohne das konkrete Ergebnis verkünden zu können: Das Aufmacherbild vom Mittwoch zeigt Wähler in New Hampshire - dem traditionell ersten Bundesstaat, in dem die Wahllokale öffnen - und verweist auf die Website SZ.de und die morgens aktualisierte iPad-Ausgabe.

Das gleiche Foto findet sich auch in der "Frankfurter Rundschau" wieder, die die US-Wahl auf den Seiten 2 und 3 zum Thema des Tages gemacht hat und die größten Herausforderungen des künftigen Präsidenten analysiert. Auch hier darf natürlich der Verweis auf FR-Online.de nicht fehlen.

Recht trocken und staatstragend gibt sich die "Frankfurter Allgemeine" und zitiert auf der Titelseite Artikel II der amerikanischen Verfassung, der die Rechte des Präseidenten regelt und erklärt im Blatt die Geschichte des Weißen Hauses.

Leser der "Welt kompakt" können sich die Titelseite selber basteln
Leser der "Welt kompakt" können sich die Titelseite selber basteln
In der "Welt" aus dem traditionell amerikafreundlichen Verlag Axel Springer stimmt unter der Headline "Was für ein großes Land" Henryk M. Broder gar eine Lobeshymne auf das Land der unbegrenzten Möglichkeiten an und geht mit der eher US-kritischen Konkurrenz hart ins Gericht. Die Tabloid-Ausgabe "Welt kompakt" löst die Zwickmühle am kreativsten: Sie bietet unter der Headline "Hallo, Herr Präsident" eine Titelseite zum Selberbasteln. Die Leser können die Köpfe von Barack Obama und Mitt Romney ausschneiden und selbst aufkleben. dh
Meist gelesen
stats