Wie die Regionalzeitungen gegen den Auflagenschwund kämpfen

Donnerstag, 24. Mai 2012
Die Tageszeitungen stehen vor großen Herausforderungen
Die Tageszeitungen stehen vor großen Herausforderungen


Nie war das Geschäft der Regionalzeitungen so hart wie heute. Sinkende Auflagen-, Leser- und Anzeigenzahlen führen zu massivem Kostendruck. Gleichzeitig kommen ständig neue Kanäle und Plattformen hinzu. Diese müssen von Journalisten - neudeutsch: Contentlieferanten - bestückt werden. Entsprechend groß ist der Druck auf die Chefredakteure. Sie müssen Print stärken und Online ausbauen, im großen Weltgeschehen mitmischen und die Lokalkompetenz schärfen. Wer macht da wie das Rennen? Wann drohen Qualitätseinbußen und Bedeutungsverlust? Lesen Sie auf den folgenden Seiten, wie Walter Roller, Chefredakteur der "Augsburger Allgemeinen", Sven Gösmann, Chefredakteur der "Rheinischen Post" aus Düsseldorf, Lars Haider, Chefredakteur des "Hamburger Abendblatts" und Torsten Kleditzsch, Chefredakteur der Chemnitzer "Freie Presse" mit den Herausforderungen der Zukunft begegnen.

Der Deutsche Zeitungsgipfel 2012

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Am 26. Juni 2012 laden HORIZONT und The Conference Group zum 1. Deutschen Zeitungsgipfel nach Wiesbaden, um über die Zukunft der Zeitung zu diskutieren. Auf dem Podium sind Chefredakteure von führenden deutschen Regionalzeitungen (darunter die in diesem Beitrag zitierten) sowie Verleger, Vermarkter, Mediaagenturen und Werbungtreibende, namentlich unter anderem Tobias Trevisan (FAZ), Christian Nienhaus (WAZ), Sven Holsten (NBRZ), Joachim Meinhold (Saarbrücker Zeitung Verlag) und Laurence Mehl (Osnabrücker Zeitung). Unternehmensberater Rolf-Dieter Lafrenz präsentiert zudem eine exklusiv mit HORIZONT durchgeführte Paid-Content-Studie und Lukas Kircher (Kircher Burkhardt) zeigt das Zeitungslayout der Zukunft. Weitere Informationen und Anmeldungen unter Conferencegroup.de 

Walter Roller
Walter Roller

Walter Roller, Chefredakteur "Augsburger Allgemeine", Augsburg

Es bedürfte prophetischer Gaben, um die Frage, wie lange es regionale Tageszeitungen noch als Printmedium gibt, beantworten zu können. Bisher haben sich alle Nachrichten vom bevorstehenden Ende der gedruckten Zeitung jedenfalls als verfrüht erwiesen. Ich glaube: Es wird sie noch sehr, sehr lange geben - auch deshalb, weil die hochwertige, optisch ensprechende Zeitung ein ganz besonderes Leseerlebnis und Orientierung in der ausfransenden digitalen Welt bietet.

Im Lokalen und im Regionalen, wo für uns die Musik im Netz spielt, sind wir crossmedial aufgestellt. Die Redakteure produzieren sowohl für Print als auch für Online, was sich bewährt hat und ein Zusammenspiel auf den unterschiedlichen Plattformen gewährleistet.

Budget- und Redaktionsmanagement zählen heute zu den Kernkompetenzen eines Chefredakteurs. Jeder steht vor der Herausforderung, ein gutes Blatt so kostengünstig wie irgend möglich zu machen, und die Gefahr, dass in Zeiten sinkender Auflagenzahlen und Anzeigenerlöse durch Sparprogramme die Qualität beeinträchtigt wird, ist zweifellos gegeben. Andererseits ist das Bewusstsein, dass es heute im scharfen Wettbewerb mit anderen Medien mehr denn je auf Qualität ankommt, sehr stark ausgeprägt. Deshalb befürchte ich keinen breitflächigen Qualitätsverlust.

Die regionale Qualitätszeitung informiert gründlich, setzt Themen, erzählt Geschichten und unterhält. Bei der Themenwahl sollten "betriebswirtschaftliche Aspekte" keine Rolle spielen. Redaktionelle Unabhängigkeit und Glaubwürdigkeit sind unser wichtigstes Kapital."

Sven Gösmann
Sven Gösmann

Sven Gösmann, Chefredakteur "Rheinische Post", Düsseldorf

In unserem Düsseldorfer Doppel-Newsroom wachsen Print und Online derzeit noch stärker zusammen. Aber: Print finanziert auf absehbare Zeit die Investitionen in digitale Produkte, deshalb muss Print und seinen Anforderungen weiterhin besondere Aufmerksamkeit und auch Liebe im Detail gelten. Nur wenn wir uns weiter selbst so schlechtreden oder uns wehrlos schlechtreden lassen, droht eine Abwärtsspirale. Wenn wir aber um jeden Kunden kämpfen, muss das nicht sein.

Die regionale Tageszeitung wird es noch viele Jahre geben. Sie muss sich aber rascher als in der Vergangenheit verändern, sich noch stärker am Kundenwunsch orientieren. Um sich gegen die wachsende digitale Konkurrenz auch künftig erfolgreich zu behaupten, braucht es Exklusivität, Originalität, Emotionalität, Seriosität und Tiefe. Und es wird, wie in anderen Branchen längst geschehen, zu einem Konzentrationsprozess in der Medienlandschaft kommen: Jede Stadt braucht eine, besser mehrere Zeitungen, aber nicht jede Stadt braucht zwei, drei Druck- und Verlagshäuser mit den entsprechenden dahinterstehenden Kosten.

Natürlich sind die Erstellung eines den Aufgaben angemessenen Etats und dessen Einhaltung wichtige Fragen für jeden Chefredakteur. Es ist wichtiger geworden, die Möglichkeit redaktioneller Kooperationen mit anderen Verlagshäusern zu prüfen. Aber erst einmal bleibt der erfolgreiche Chefredakteur Journalist, dann erst ist er Kaufmann. Verleger müssen wissen, dass Qualität auch Personal meint. Wer Redaktionen als Kostenfaktor und nicht als Investition sieht, verliert auf lange Sicht das Rennen.

Lars Haider
Lars Haider

Lars Haider, Chefredakteur "Hamburger Abendblatt", Hamburg

Qualität ist im Journalismus sowohl heute als auch in Zukunft das entscheidende Kriterium für den Erfolg. Und dazu gehören: eine exakte, faire Recherche, hohe Glaubwürdigkeit, der Schutz von Persönlichkeitsrechten, eine klare und faszinierende Sprache, lange Texte statt Häppchen-Journalismus und eine insgesamt unaufgeregte Berichterstattung. Ich bin davon überzeugt, dass uns die gedruckte Zeitung noch lange erhalten bleibt, denn ihre Stärke ist einzigartig: Sie hat einen klaren Anfang und ein Ende, jeden Tag auch Überraschendes und Unerwartetes im Angebot.

Gerade Regionalzeitungen wie das "Hamburger Abendblatt" erfüllen dabei eine weitere wichtige Aufgabe: Sie sind gedrucktes Heimatgefühl und schaffen Orientierung - für unsere Stammleser ebenso wie für deren Kinder, die über die Zeitung oft schon früh mit der Marke "Hamburger Abendblatt" in Kontakt kommen. Natürlich sehen auch wir uns einer generell rückläufigen Auflagenentwicklung gegenüber.

Diese Herausforderung bedeutet für uns vor allem: Print so weit es geht stabil zu halten und gleichzeitig mit exzellenten digitalen Angeboten neue, kostenpflichtige Vertriebsmöglichkeiten zu etablieren. Das versuchen wir beim Hamburger Abendblatt im stationären und mobilen Internet seit einiger Zeit mit Erfolg, sind dabei aber noch relativ allein. Ich freue mich deshalb, wenn 2012 vielleicht endlich das Jahr wird, in dem viele weitere Zeitungshäuser auch in der digitalen Welt erkennen, dass ihre Inhalte wertvoll sind und ihren Preis haben müssen."

Torsten Kleditzsch
Torsten Kleditzsch

Torsten Kleditzsch, Chefredakteur "Freie Presse", Chemnitz

Wo soll redaktioneller Content herkommen, wenn ihn das Printprodukt nicht finanzieren kann? Derzeit gibt es darauf noch keine Antwort. Die Zeitungen waren noch nie so gut wie heute. Der Gefahr schwindender Qualität kann man begegnen, indem man sich in Zeiten schrumpfender Ressourcen auf seine Alleinstellungsmerkmale besinnt und klar Prioritäten setzt.

Qualitätsjournalismus hat den entscheidenden Stellenwert. Ohne Qualität ist jede Debatte über gedruckte oder digitale Vertriebswege die Zeit nicht wert, in der sie geführt wird. Qualität lässt sich dabei ganz traditionell formulieren: Das Produkt muss Glaubwürdigkeit und Kompetenz ausstrahlen. Das heißt: Inhalte, die wirklich bedeutsam und nicht nur vordergründig interessant sind, eine Sprache, die Lesevergnügen bereitet, eine Optik, die klar priorisiert, gliedert und zugleich immer wieder überrascht. Die Herausforderung heißt, hochwertige und damit tatsächlich relevante lokale und regionale Inhalte zu recherchieren und so zu präsentieren, dass sie den Qualitätsansprüchen einer besser gebildeten, vielseitig informierten und immer anspruchsvolleren Leserschicht entsprechen.

Wenn regionale Tageszeitungen klug agieren, können sie noch auf lange Sicht Bestandteil des Medienangebots bleiben. In unserem Newsdesk werden sowohl die Zeitung als auch die digitalen Angebote (Portal, Facebook-Auftritt, Twitter) erstellt, unsere Apps basieren auf dem E-Paper. Die Priorität liegt auf Print und Content, aber wenn es betriebswirtschaftlich sinnvoll ist, lässt sich in unserem System die crossmediale Verwertung der Inhalte schnell ausbauen.

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