Wie Joachim Kosack den "schlafenden Riesen" Sat 1 wecken will

Donnerstag, 21. Juni 2012
Sat 1-Chef Joachim Kosack soll den "schlafenden Riesen" wecken
Sat 1-Chef Joachim Kosack soll den "schlafenden Riesen" wecken


Sat 1, ein schlafender Riese? In der Selbstwahrnehmung von Pro Sieben Sat 1 ist der Sender genau das. Schon mehrere Geschäftsführer scheiterten an der Aufgabe, den behäbigen Bären aus seinem seit Jahren andauernden Winterschlaf zu reißen. Der amtierende Senderchef Joachim Kosack setzt nun auf eine alte Stärke von Sat 1: Deutsche Fiction. Darüber hinaus blieben seine Ankündigungen auf der Programmpräsentation von Pro Sieben Sat 1 aber vage.
"Danni Lowinski" bescherte dem Sender gute Quoten, ebenso wie...
"Danni Lowinski" bescherte dem Sender gute Quoten, ebenso wie...
Immerhin hat man beim Sender die Gretchenfrage gestellt, die in den vergangenen Jahren eigentlich niemand so genau beantworten konnte: Wofür steht Sat 1 eigentlich? Kosack hatte gleich einen ganzen Strauß an Antworten parat: Lebensfreude, Emotionen, Charakter und Charakterköpfe, "Das Wir" – "Fernsehen, für alle, die Fernsehen gern sehen", versuchte der Senderchef das Ganze auf eine griffige Formel zu bringen. Derzeit wird übrigens auch mal wieder ein neuer Claim gesucht.

...die erste Staffel von "The Voice of Germany"
...die erste Staffel von "The Voice of Germany"
Zumindest hat man sich in Unterföhring auf deutsche Fiction als den Markenkern von Sat 1 besonnen. Beflügelt durch den Erfolg der Serien „Der letzte Bulle“ und „Danni Lowinski“ hat der Sender nun gleich vier neue Serien in der Pipeline, die im Herbst mit jeweils sechs Folgen getestet werden: In „Auf Herz und Nieren“ muss sich ein ungleiches Ärzteduo (u.a. Max von Pufendorf) wider Willen zusammenraufen. In „Es kommt noch dicker“ wacht Wolke Hegenbarth als Managerin eines Fitnesshotels auf einmal 40 Kilo schwerer wieder auf und versucht, ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen. In „Familie Undercover“ spielt Stephan Luca einen Top-Polizisten, der mit seiner Familie in ein Zeugenschutzprogramm gesteckt wird und sich auf einmal in der tiefsten Provinz wiederfindet. „Der Cop und der Snob“ folgt ebenfalls dem beliebten Muster des ungleichen Duos: In diesen Fall spielen Johannes Zirner und Marc Ben Puch zwei grundverschiedene Ermittler. „Der Cop und der Snob“ ist übrigens der Favorit von Pro Sieben Sat 1-Chef Thomas Ebeling. „Der letzte Bulle“ und „Danni Lowinski kehren im Frühjahr 2013 mit neuen Folgen auf den Bildschirm zurück.

Zuschauermarktanteile der TV-Sender im Mai 2012

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Ansonsten präsentierte Sat 1 in Hamburg erstaunlich wenig neues: Am Vorabend – die laut Geschäftsführer Kosack „größte Mission“ – werden in der Sommerpause eine Reihe neuer Formate getestet. Einen Schwerpunkt bilden außerdem Reality-Formate. Neben den am Sonntag bereits recht erfolgreich eingeführten Formaten „Julia Leischik sucht: Bitte melde Dich“ und „The Biggest Loser“ stehen mit „Mieter in Not“ mit Barbara Eligmann und dem Familien-Coaching „Alle an einen Tisch“ weitere Formate in den Startlöchern. Am Mittwoch setzt Sat 1 künftig auf Spielfilme und kündigt eine Reihe von Erstausstrahlungen an.

  Im Bereich Show hofft Sat 1 darauf, den Erfolg der ersten Staffel von „The Voice of Germany“ zu wiederholen. Die Voraussetzungen sind nicht schlecht: Der Sender konnte alle Mitglieder der Jury – Nena, Xavier Naidoo, Rea Garvey und The Boss Hoss – für eine weitere Staffel gewinnen. „Die perfekte Minute“ und „Mein Mann kann“ werden fortgesetzt, außerdem hat sich Sat 1 zwei neue Shows aus der Erfolgsschmiede von John de Mol („Big Brother“, „The Voice“) gesichert: In „Beat the Best“ treten „Ausnahmekünstler“ gegeneinander an, in „Dream Team“ kämpfen Prominente mit ihrem Team um den Sieg.

Mit TV-Events wie „Die Tore der Welt“, der Fortsetzung von Ken Folletts „Die Säulen der Erde“, dem dritten Teil der „Wanderhure“ mit Alexandra Neldel und dem von Tandem Communications („Die Nibelungen“) produzierten Zweiteiler „Labyrinth“ will Sat 1 im Bereich Fiction wieder Duftmarken setzen.

  Ob das ausreicht, um den schlafenden Riesen Sat 1 zu wecken und endlich Marktanteile jenseits der 10-Prozent-Mark zu erzielen, wird sich im zweiten Halbjahr zeigen. Vielleicht ist aber auch das Bild von Christoph Maria Herbst, der das Publikum bei der Programmpräsentation in seiner Paraderolle als Bernd Stromberg in Stimmung brachte, treffender: Er verglich den Sender in seiner unnachahmlichen Art mit einer einfachen Stulle: „Schön mit Leberwurst und Gürkchen“. Macht satt, aber nicht unbedingt glücklich. dh
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