Wickert versus "Tagesthemen": Die ARD wehrt sich

Freitag, 20. November 2009
Kai Gniffke, Chefredakteur von ARD-aktuell (Bild: NDR/Christian Stelling)
Kai Gniffke, Chefredakteur von ARD-aktuell (Bild: NDR/Christian Stelling)

Die Auseinandersetzung zwischen Ulrich Wickert und den öffentlich-rechtlichen Fernsehsendern geht in die nächste Runde: Kai Gniffke, der Chefredakteur von ARD-aktuell, nimmt im Blog der "Tagesschau" Stellung zu den Vorwürfen Wickerts. Der ehemalige "Tagesthemen"-Moderator hatte am Donnerstag in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" bemängelt, dass die öffentlich-rechtlichen Sender mit ihrer Nachrichtenberichterstattung dem Grundversorgungsauftrag nicht mehr gerecht werden würden. Neben der Nachrichtenauswahl bemängelte Wickert einen schlampigen Sprachstil und eine Bevorzugung von Unterhaltungsthemen vor Politik. Laut Wickert habe keine Nachrichtensendung im Ersten oder ZDF das neue Bundeskabinett in seiner Vollständigkeit vorgestellt. Gniffke jedoch weist diesen Vorwurf ebenso von sich wie die Aussage Wickerts, dass die Nachrichtenredaktionen aus einer "falsch verstandenen Chronistenpflicht" heraus ihr Programm gestalteten.

Statt am Abend des FDP-Parteitags den Koalitionsvertrag zum Aufmacherthema von "Tagesschau" und "Tagesthemen" zu machen, war ein Attentat im Irak die erste Meldung beider Sendungen gewesen. Wickert kritisierte, dass die Bedeutung solcher Anschläge für Deutschland wesentlich geringer sei als die innere politische Entwicklung. Gniffke jedoch sieht das anders und argumentiert damit, dass das Bombenattentat in Bagdad das schwerste der vergangenen zwei Jahre gewesen sei und es deshalb seinem Nachrichtenverständnis zufolge natürlich zu Beginn der Sendung gezeigt werden müsse.

"Mister Tagesthemen" Ulrich Wickert (Foto: WDR/NDR)
"Mister Tagesthemen" Ulrich Wickert (Foto: WDR/NDR)
Besonders überrascht zeigt sich Gniffke von der Aussage Wickerts, dass es dem Ersten „an einem Verständnis für die politische Grundversorgung" mangele. Eine solche Kritik sei ihm völlig fremd, stattdessen werde der Sender meist eher als „zu staatstragend" bezeichnet. Den Vorwurf Wickerts, die Berichterstattung über den zwanzigsten Jahrestag des Mauerfalls sei zu kurz geraten, wehrt Gniffke mit einem Hinweis auf die doppelt so lange Sendezeit der „Tagesschau" sowie auf die „Tagesthemen"-Ausgabe mit Themenschwerpunkt Mauerfall ab.

Auch die „sprachliche Verlotterung", die Wickert den Redaktionen vorwirft, weist Gniffke weit von sich. Seiner Meinung nach sind die Texte „sprachlich außerordentlich akkurat". Außerdem fände keine Abwanderung von Nachrichten auf das Internet statt, die Online-Angebote seien vielmehr eine Ergänzung des traditionellen Programms.

Nun sind die Zuschauer aufgefordert, ihre Meinung in den Kommentaren des „Tagesschau"-Blogs abzugeben. Es gibt bereits einige Beiträge, in denen Wickerts Position gestärkt wird und vermutlich wird sich „Mister Tagesthemen" auch noch einmal persönlich zu Wort melden. Um es mit einer der Floskeln zu sagen, die Wickert so verhasst sind: Wie es weitergeht, bleibt abzuwarten. hor
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