Wenn die App zum Alptraum wird oder: Verlage in der Apple-Falle

Freitag, 26. Februar 2010
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Apple Verlag Kalifornien Clinch Weltkonzern Alptraum iPhone


Die deutschen Verlage liegen zunehmend im Clinch mit Apple. Das ist gut so, man darf sich nicht alles vom Weltkonzern aus Kalifornien gefallen lassen. Als Mathias Döpfner und das Mobile-Team von Axel Springer Anfang Dezember 2009 deutschen Journalisten die „Bild"- und „Welt"-App vorstellte, war noch Friede, Freude, Eierkuchen mit Apple angesagt. Dass sich das „Bild"-Girl zwar schütteln, aber nicht ausziehen ließ, wurde achselzuckend-schmunzelnd zur Kenntnis genommen. Tenor: Wir Deutschen würden angesichts der bigotten „No-Nipples-Policy" von Steve Jobs zwar den aufgeklärten Kopf schütteln, aber zum Casus knaxus würde sich die merkwürdige Apple-Policy nicht entwickeln.

Drei Monate später sieht die Welt schon anders aus. Langsam dämmert es den Verlagen, dass sie sich voller Begeisterung, Tatendrang und Hoffnung auf neue Geschäftsfelder in die Apple-Falle begeben haben, man dabei ist, sich mit Gedeih und Verderb einem innovativen, gleichwohl proprietären Unternehmen auszuliefern. Apple entscheidet, wer wann mit seiner App freigeschaltet wird; Apple verfügt über die Daten der Nutzer; Apple verdient 30 Prozent an einer Applikation; Apple zensiert Inhalte, so siehe „Stern"-App. „Sex sells", heisst es in der Werbung. Würden Anzeigenmotive, die „zuviel" nackte Haut zeigen, noch geduldet? Darf HORIZONT.NET in seiner (demnächst freigeschalteten) App Unterwäschewerbung zeigen - oder müssen die iPhone-Leser dafür auf die mobile Website umschalten? Wenn Bilder geächtet werden, was ist mit Texten wie „Feuchtgebiete" oder „Axolotl Roadkill"? Erlauben die strengen kalifornischen Zensoren die eReader-Version auf iPhone und/oder iPad?

Nun will der Verband Deutscher Zeitschriftenverleger in die Offensive gehen, schreiben die „FAZ"-Autoren Michael Hanfeld und Edo Reents in einem  lesenswerten Beitrag und zitieren aus einem VDZ-Grundsatzpapier: „Wir kritisieren das Verhalten von Apple als unfair, willkürlich, geschäftsschädigend und für die Pressefreiheit gefährlich." Armer VDZ: Kaum hat der Verband es geschafft, dass gewisse Google-Praktiken EU-weit angezweifelt und untersucht werden, schon steht der nächste übermächtige Gegner ante portas. Wir meinen, der VDZ tut gut daran, von Apple Transparenz und Liberalität zu fordern.

Wichtiger noch als die Lobbyarbeit wird der praktische Schulterschluß möglichst vieler Medienhäuser sein. Eine gemeinsame Online-Shoppingplattform für Presse und Bücher ist eine Option - und dass Europas größter Medienkonzern, Bertelsmann, hier Vorreiter ist, sollte andere nicht hindern, mitzuziehen. Nur gemeinsam wird man einem Weltkonzern wie Apple Paroli bieten können. Und je geschlossener die Verlagsfront ist, desto größer ist für einzelne Verlage die Chance, mit seinen Apps nicht im digitalen Massengrab des iPhones und iPad begraben zu werden. Und dann lässt sich vielleicht irgendwann auch das „Bild"-Girl (für den, der es mag oder braucht) komplett frei schütteln. vs
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