„Welt“: Springer legt Hamburger Lokalredaktion mit „Hamburger Abendblatt“ zusammen

Freitag, 26. Oktober 2012
Die Zeiten ändern sich: Springer-Zeitungsvorstand Jan Bayer
Die Zeiten ändern sich: Springer-Zeitungsvorstand Jan Bayer

Jetzt also doch: Vor drei Monaten zuletzt, im Juli, hat Axel Springers Zeitungsvorstand Jan Bayer im Gespräch mit HORIZONT die rituell gestellte Frage nach einer Zusammenlegung der „Welt"-Lokalredaktion in Hamburg mit der des „Hamburger Abendblatts" ebenso rituell verneint. Wie er und andere Verlagsleute es in den Monaten und Jahren zuvor immer wieder getan haben, wenn mit Verweis auf die Berliner Gemeinschaftsredaktion aus „Welt" und „Berliner Morgenpost" mal wieder Gerüchte auch für Hamburg aufkamen. Doch nun ist es soweit: Das "Abendblatt" schlüpft formal mit unter dieses Dach. Die größte Veränderung betrifft jedoch die Hamburger "Welt". Am heutigen Freitagvormittag wurden die Mitarbeiter über die Pläne informiert: Die Hamburger „Welt"-Lokalredaktion (über 20 Stellen) und die Redaktion des „Hamburger Abendblatts" (rund 170 Stellen) werden noch in diesem Jahr zusammengelegt, auch räumlich. Damit verliert die „Welt" nach Jahrzehnten ihre letzte eigene Redaktionseinheit; bereits vor zehn Jahren hatte Springer den Großteil der „Welt"-Redaktion mit der „Berliner Morgenpost" fusioniert.

Damit entsteht eine Redaktionsgemeinschaft für alle drei Titel, unter der Leitung einer gemeinsamen Chefredaktion. Im Newsroom des „Hamburger Abendblatts“ werden künftig alle Hamburg-Themen erarbeitet, auch für die Regionalteile von „Welt“ und „Welt am Sonntag“. Alle überregionalen Inhalte aller Titel entstehen unter Federführung der „Welt“-Gruppe in Berlin. Für das "Hamburger Abendblatt" bedeutet das, dass der bisherige Textpool von "Welt"/"Berliner Morgenpost", aus dem man sich für eigene überregionale Geschichten bedient hat, nun institutionalisiert wird. Die Themen aus der Hauptstadt werden weiter von der „Berliner Morgenpost“ entwickelt.

Jan-Eric Peters
Jan-Eric Peters
Jan-Eric Peters („Welt“), Carsten Erdmann („Berliner Morgenpost“) und Lars Haider („Hamburger Abendblatt“) bleiben im neuen Chefredakteursgremium für ihre jeweiligen Titel verantwortlich und berichten wie bisher an Vorstandschef Mathias Döpfner. Vorsitzender des Gremiums bleibt Jan-Eric Peters. Thomas Schmid, Herausgeber von „Welt“ und „Berliner Morgenpost“, wird auch Herausgeber des „Hamburger Abendblatts“. Jörn Lauterbach, bisher Redaktionsleiter der „Welt“-Gruppe in Hamburg, wird Mitglied der Chefredaktion des „Hamburger Abendblatts“ und bleibt verantwortlich für die Hamburg-Teile der „Welt“-Titel.

Die Hamburger „Welt"-Ausgabe hat für die Zeitung nicht nur historische Bedeutung. Über 61.000 Exemplare, ein Viertel seiner Gesamtauflage, verkauft das Blatt in der Hansestadt. Besonders in der Berichterstattung und den Kommentaren über lokale und regionale Politik, Wirtschaft und Kultur zeigt die „Welt" gegenüber dem „Hamburger Abendblatt" bisher eine eigene Handschrift. Es dürfte künftig nicht leichter werden, diese zu behaupten.

Springer dürfte sich von der Maßnahme, die zunächst nicht mit Stellenabbau verbunden sein soll (allerdings stehen auslaufende Pauschalistenverträge offenbar auf dem Prüfstand), Einsparungen durch weniger freie Mitarbeiter und Reisekosten dadurch versprechen, dass künftig eben nur noch eine Person für beide Titel Termine in und um Hamburg wahrnimmt. Dienstreisen über Hamburg hinaus sind für Springers Hamburger Lokalkräfte sowieso schon dadurch selten, dass sich auch das „Hamburger Abendblatt" bei überregionalen Geschichten in steigendem Maße aus dem Berliner Textpool bedient hat. "Notwendige Personalveränderungen sollen sozialverträglich umgesetzt werden", so der Verlag.

Auslöser für Bayers Meinungsumschwung seit Juli könnten die jüngsten Auflagenzahlen sein, die in Hamburg möglicherweise schlechter ausfielen als vorkalkuliert: Im 3. Quartal hat das „Hamburger Abendblatt" gegenüber dem Vorjahr im Einzelverkauf 12 Prozent und bei den Abos 5 Prozent verloren; nur durch deutliche Steigerungen der sonstigen und Bordverkäufe konnte der Gesamtabsatz bei 199.184 Exemplaren gehalten werden (minus 2,9 Prozent).

Auch bei der „Welt" steht in Hamburg ein dickes Minus (14,9 Prozent) im Einzelverkauf und ein weniger dickes Minus beim Abo (3,9 Prozent) in der Auflagenstatistik. Insgesamt sanken die „Welt"-Verkäufe in der Hansestadt um 4,3 Prozent. Hinzukommt, dass Springer die „Welt" seit einiger Zeit erkennbar als vor allem digitale Marke positioniert, inklusive Namensgebung, Bewegtbild und Paid Content. Eine einzelne kleine Print-Redaktion steht da strategisch nicht mehr so im Vordergrund. Eine interne Sonderstellung genießt die „Welt am Sonntag", deren Stellung als wöchentliches Print-Premiumprodukt ausgebaut werden soll. rp
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