Web TV vs. klassisches Fernsehen: Die Revolution lässt auf sich warten

Donnerstag, 25. Oktober 2012
KDG-Manager Nelson Killius (r.) bremste die Erwartungen an Video-on-Demand-Services
KDG-Manager Nelson Killius (r.) bremste die Erwartungen an Video-on-Demand-Services


Das Ende des klassischen Fernsehens wurde schon auf vielen Medienkongressen ausgerufen. Auch bei den Medientagen München kreisten viele Diskussionen um das Thema Web-TV und Video-on-Demand. In einem Punkt waren sich fast alle Experten einig: In naher Zukunft werden sich die klassischen Fernsehbetreiber noch keine existenziellen Sorgen machen müssen, auch wenn der Markt für zeit- und ortsunabhängige Angebote rasant wächst.
"Wenn das Fernsehen heute erfunden würde, wäre es mit Sicherheit kein lineares TV", sagte Thomas Heise, Vorsitzender der Geschäftsführung des Videoportals Maxdome bei den Medientagen München. Das ideale Fernsehen von heute wäre für den Manager eine riesige Video-Datenbank, verknüpft mit einer leistungsfähigen Suchmaschine. Tatsächlich sind die Zuwachsraten von Video-on-Demand-Angeboten beachtlich: Auch Ronald Fiedler, Vice President Commercial Distribution von Sky, berichtete von einer starken Zunahme der Nutzung von Sky Go mit knapp 7 Millionen Zugriffen im letzten Quartal. Klaus Goldhammer, Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Goldmedia, zeigte sich in Bezug auf die parallele Nutzung von Fernsehen und Second Screens wie dem Smartphone und dem Tablet gar "überrascht und geschockt, wie schnell das alles gegangen ist". Glänzende Aussichten also für Web-TV- und Video-on-Demand-Anbieter?

Nelson Killius vom Kabelnetzbetreiber Kabel Deutschland (KDG) übernahm die Rolle des Spielverderbers: "Ich muss leider ein wenig Wasser in den Wein gießen." Zwar sehe auch KDG "riesige Chancen" in Over-the-Top-Angeboten, die schöne neue TV-Welt werde aber nicht ganz so schnell kommen, wie die Anbieter glauben machen. Neben dem "exzellenten Free-TV-Angebot" in Deutschland gebe es im Gegensatz zu anderen Märkten wie den USA oder Großbritannien für deutsche Haushalte nur sehr geringe Einsparmöglichkeiten durch den Verzicht auf einen klassischen TV-Zugang wie einen Kabelanschluss.

Nicht ganz uneigennützig war freilich ein weiterer Einwand des KDG-Managers: Durch die Übertragung von Videoinhalten über das Internet, wie es von den meisten Anbietern derzeit favorisiert wird, entstünden enorme Kosten: "Das Internet ist die dümmste Technologie, um Videocontent zu distribuieren. Kapazität im Netz ist scheißteuer." Man solle vielmehr den jeweils effizientesten Übertagungsweg wählen - wie zum Beispiel die digitalen Kabelnetze. Außerdem sieht Killius durch neue Technologien wie HD eine "qualitätsgetriebene Renaissance von linearem Fernsehen", das eine "goldene Zukunft" habe. Auch Goldhammer relativierte, Over-the-Top werde das klassische Fernsehen "nicht überrollen". 

Einig waren sich die Teilnehmer der Diskussionsrunde indes, dass der noch junge Markt in den kommenden Jahren stark wachsen wird. Die Nutzung von Video-on-Demand-Diensten werde aber auf absehbare Zeit in erster Linie noch ergänzend zum klassischen Fensehen stattfinden. Die TV-Revolution lässt also weiter auf sich warten. dh
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