Warum das ZDF an "Wetten, dass ...?" festhalten wird - und sollte

Dienstag, 08. November 2011
Die Couch ist bei Thomas Gottschalk das zentrale Element der Sendung
Die Couch ist bei Thomas Gottschalk das zentrale Element der Sendung


Mit der Absage von Hape Kerkeling als Nachfolger von Thomas Gottschalk hört mancher schon das Totenglöcklein von "Wetten, dass ...?" klingeln. Wer, wenn nicht das Multitalent Kerkeling sollte das Format weiterführen? Doch die Kommentatoren, die nun den Abgesang auf die letzte große Samstagabendshow im deutschen Fernsehen anstimmen, gehen von falschen Voraussetzungen aus. Gottschalk ist für "Wetten, dass ...?" in seiner jetzigen Form unersetzlich. Das ZDF muss - und wird - das Format neu erfinden. Der künftige Moderator wird dabei eine weit weniger zentrale Rolle spielen als Gottschalk. Schon einmal blieb bei "Wetten, dass ...?", vom Grundprinzip einmal abgesehen, nichts mehr wie es war. Erfinder Frank Elstner hatte die Sendung im Prinzip noch als klassische Spielshow angelegt. Die Gäste waren als Wettpaten dabei in erster Linie  prominente Zaungäste. Als Thomas Gottschalk die Sendung 1987 von Frank Elstner übernahm, machte der blonde Moderator aus der Spielshow eine lockere Plauderrunde, bei der die Wetten teilweise eher schmückendes Beiwerk als zentrales Element der Show waren. Die Prominenten wurden unter Gottschalk zunehmend zu den eigentlichen Akteuren und Stars der Show. Mit den Wettkandidaten selbst wusste Gottschalk oft erstaunlich wenig anzufangen. Mehr als ein paar kurze Sätze wechselte er mit ihnen selten. Gottschalk wurde damit zum unverzichtbaren Dreh- und Angelpunkt von "Wetten, dass ...?", über Erfolg oder Misserfolg einer Sendung entschied meist seine Tagesform und die Gästeliste.

Und so war die Leitfrage, die die Suche nach einem würdigen Nachfolger von Thomas Gottschalk bestimmte, stets dieselbe, im Kern aber falsche Frage: Wer kann Gottschalk ersetzen, damit der Bruch möglichst gering ausfällt? Wer kann mit Weltstars ebenso elegant und zwanglos parlieren wie der blonde Großmeister, ohne sich vor Angst in die Hosen zu machen oder vor Ehrfurcht zu erstarren? Die Antwort, so schien es, war klar: Pilawa kann es nicht, Kerner erst recht nicht, Lanz kann nur mit Köchen, Schmidt ist zu schnodderig, Jauch und Raab auf Jahre fest an andere Sender gebunden. Weibliche Kandidaten schienen gar nicht zur Debatte zu stehen. Eigentlich traute man nur Hape Kerkeling den nötigen Glamourfaktor und Small-Talk-Kompetenz auf Augenhöhe zu.

Doch "Wetten, dass ...?" ohne Thomas Gottschalk kann und wird nicht mehr die gleiche Sendung sein. Die Show war zu sehr auf seine Person zugeschnitten. Er ist für die Sendung in ihrer jetzigen Form unverzichtbar. Was also ist die Konsequenz aus dieser Erkenntnis? "Wetten, dass ...?" beerdigen? Die nach wie vor erfolgreichste TV-Show Europas, die immer noch, wenngleich zunehmend seltener, 10 Millionen Zuschauer vor dem Fernseher versammeln kann? Nein, das ZDF wird sein vielleicht wichtigstes Format nicht einfach sterben lassen, weil Kerkeling nicht mag.

Damit "Wetten, dass ...?" ohne Gottschalk weitergehen kann, müssen die Mainzer nun einen klaren Schnitt machen und die Show neu erfinden. Alles andere würde wohl zu einem schnellen Niedergang von "Wetten, dass ...?" führen. Der künftige Moderator darf und wird keine derart zentrale Rolle mehr spielen wie Gottschalk. Der eigentliche Kern der Show, die Wetten, werden wohl wieder stärker in den Mittelpunkt rücken. Am Ende wird es dann vielleicht ein Stück weit heißen: Back to the Roots. Und der Moderator wieder einfach Moderator sein, anstatt der Promi-Dompteur in der Manege. dh
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