Warum Thomas Gottschalk am Vorabend nicht funktionieren konnte

Donnerstag, 19. April 2012
"Gottschalk Live" war von Anfang an eine Baustelle. Nun wird sie endgültig geschlossen.
"Gottschalk Live" war von Anfang an eine Baustelle. Nun wird sie endgültig geschlossen.
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Thomas Gottschalk Korsett Michael Herbig ARD



Sicher: Hinterher ist man immer schlauer. Aber im Rückblick erscheint das Scheitern von "Gottschalk Live" geradezu vorprogrammiert. Das Konzept der Sendung hat dem Moderator ein allzu enges Korsett angelegt: Während er seine Stärken kaum ausspielen konnte, war ausgerechnet seine schwächste Disziplin die tragende Säule des Konzepts: Der Talk. Bereits der Auftakt im Januar ließ nichts Gutes erahnen: Thomas Gottschalk, der bei "Wetten, dass ..." die Sendezeit gerne mal um über eine Stunde überzog, wirkte in dem eng duchgetakteten 30-Minuten-Format wie ein Tiger im Käfig: nervös, fahrig, gehetzt. Das Timing stimmte vorne und hinten nicht. Ständig wurde er von den Werbepausen überrumpelt, oft suchten seine Augen nach der Kamera, die ihn umkreiste, die Konzentration fiel ihm sichtlich schwer.

Die Gespräche mit seinen Gästen wurden durch die häufigen Werbeunterbrechungen noch weiter erschwert. "So Bully, jetzt zügig", mahnte er den irritiert dreinblickenden Michael Herbig in einer Sendung zur Eile, weil der nächste Werbeblock nahte. Vernünftige Gespräche kamen so nur selten zustande.

Überhaupt fragte man sich von Anfang, warum die Produktion ausgerechnet dem Element Talk so viel Raum gegeben hat. Schon bei "Wetten, dass ...?" hatte man nicht selten das Gefühl, dass die Gespräche mit seinen Gästen für Gottschalk vor allem eine lästige Pflicht waren. Neuer Film, neues Album, Haken dran, weiter im Text. Bei der ZDF-Show waren das Nebensache und schnell vergessen, bei "Gottschalk Live" aber ein zentrales Element, das nicht funktionierte.

Schon das Setting passte nicht: Gottschalk lümmelte meist tief zurückgelehnt in seinem Schreibtischstuhl und ging mit den von der Redaktion vorbereiteten Kärtchen um wie mit Spielkarten - eine nach der anderen flog auf den chromglänzenden Schreibtisch. Oft schien ihn zudem kaum zu interessieren, was seine prominenten Gäste zu erzählen hatten. Nicht selten flüchtete sich Gottschalk in Anekdoten und erzählte einfach von sich selbst, wenn er nicht mehr weiter wusste - einige Medien machten sich sogar einen Spaß daraus, nachzuzählen, wie oft Gottschalk pro Sendung "Ich" sagte.

Ein völliger Reinfall war auch das Idee, die Sendung irgendwie "interaktiv" zu gestalten und soziale Medien in die Sendung einzubeziehen. Gottschalk, immerhin bereits 61 Jahre alt, fremdelte sichtlich mit den Möglichkeiten der digitalen Kommunikation. Um den anschließenden Chat kümmerte sich in der Regel seine Redaktion.

Thomas Gottschalks große Stärke dagegen, die spontane Interaktion mit Menschen, das schnelle Reagieren auf unvorhergesehene Situationen, konnte er bei "Gottschalk Live" so gut wie nie ausspielen. Als die Produktion ihm Gäste ins Studio setzte, um tatsächlich ein wenig Live-Atmosphäre zu schaffen, blühte Gottschalk noch einmal ein wenig auf - an den grundsätzlichen Problemen des Formats konnte aber auch diese Maßnahme nichts mehr ändern. Im Gegenteil: Der Talkshow-Charakter wurde durch den Umbau sogar noch verstärkt.

Am 7. Juni ist nun endgültig Schluss. Die "Todeszone" hat ein weiteres Opfer gefordert. Die ARD will aber weiter mit dem Entertainer zusammenarbeiten. Man kann nur hoffen, dass sich Gottschalk nicht erneut in ein Korsett zwängen lässt, das ihm nicht passt. Denn um zu großer Form aufzulaufen, braucht Thomas Gottschalk vor allem eines: Seine Freiheit. dh
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