"WamS"-E-Mag im Format-Check: So könnte Onlinejournalimus auch aussehen

Montag, 23. November 2009
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An diesem Sonntag hat Axel Springer erstmals das angekündigte E-Mag der "Welt am Sonntag" unter die Leute gebracht, das ab Frühjahr 2010 als Digitalmagazin monatlich erscheinen wird. Auf der multimedialen Spielwiese zieht die Redaktion alle Register. Mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg. Eine der schönsten Rubriken in der "Welt am Sonntag" ist sicher die Kolumne "Stilfragen" von Adriano Sack. Die Rubrik bekommt in dem E-Mag endlich den Glanz, der ihr gebührt. "Sack and the City" - in Anlehnung an die Serie "Sex and the City" rund um vier New Yorker Freundinnen - gibt bunt abgemischte Einblicke in Sacks Treiben im Big Apple. Trashige Schriften, Farben und vor allem bewegte Bilder, schaffen den Rahmen für seinen Besuch beim Friseur oder dem Designer Siki Im. Doch über dem bunten Mix, den zu sehen Spass macht, textet Adriano Sack daher, als schlafe er gleich ein. Das Leiern des sonst so versiert mit Worten umgehenden Schreibers stellt Zuschauer  und -hörer auf eine harte Probe.

Auch ein wenig gewöhnungsbedürftig ist die Reportage von Jan Weilers elfjähriger Tochter. Sie filmt mehr das Mikrofon als ihren Vater, während sie dem Autor des launigen Erfolgsromans "Maria, ihm schmeckt's nicht", zahlreiche Fragen dazu stellt, wie witzig er wohl wirklich ist. Weiler dabei zuzusehen, wie er sich den vollen Becher über die Hose schüttet, während er auf seine Armbanduhr blickt oder gegen eine geschlossene Tür rennt, das wirkt alles bemüht und gestellt und vermag nur begrenzt Lacher zu erzeugen. Die Idee, Weiler in den eigenen vier Wänden von der Tochter inszenieren zu lassen, verdient jedoch Respekt.

Am meisten besicht das E-Mag genau dadurch: Geschichten wirklich aus einem anderen Blickwinkel zu erzählen. Dazu braucht es auch nicht immer den Einsatz von Bewegtbild. In der Rubrik "Sport" zeigt das E-Mag zum Beispiel eine Reportage über den Jäger Karl-Heinz Deppe. Er hat 1982 dem Fußballmanager Uli Hoeneß das Leben gerettet, nachdem dieser mit dem Flugzeug abgestürzt war. Autor Lars Wallrodt rekonsturiert die Geschichte und montiert sie in einer Art Fotoalbum mit Zeitungsartikeln, Bildern von Deppe, alten Unfallfotos und den Orten heute. Wer will, kann noch eine Landkarte mit eingezeichneter Absturtzstelle anklicken. Das wirkt jedoch eher wie gewollte Multimedialität.

Die Aufbereitung der Texte, die zum Großteil auch in der Ausgabe der "Welt am Sonntag" vom 22. November zu finden sind, folgt keinem Muster. Mal kommen mehr, mal weniger Elemente zum Einsatz. Gemeinsam haben die Textstücke jedoch, dass sie auf mehrere Seiten aufgefächert sind, so dass die Menge den Nutzer nicht erdrückt.

Im großen und ganzen verlängert das mit dem schwarzen Hintergrund hochwertig anmutende E-Mag die Printgeschichten jedoch auf wundervolle Weise ins Netz und zeigt: So könnte Onlinejournalismus doch auch aussehen. pap
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