Wahlkampf: Parteien von Twitter völlig überfordert

Dienstag, 22. September 2009
Viele Politiker stehen mit Twitter auf Kriegsfuß
Viele Politiker stehen mit Twitter auf Kriegsfuß

Die deutschen Parteien tun sich mit Twitter schwer. Das zeigt eine Analyse der Münchner Agentur PR-COM. Danach ist eine strategische Nutzung der Microblogging-Plattform im Wahlkampf nicht erkennbar. Im Gegenteil: Wie die Untersuchung ergeben hat, präsentiert sich die Politik bei Twitter unübersichtlich, unstrukturiert und chaotisch. Vor allem an Absprachen mangelt es. So agieren Bundesparteien, Landesverbände, Fraktionen, Ortsverbände und Kandidaten weitgehend auf eigene Faust - und ohne gemeinsame Linie. Allen voran die oberste Polit-Prominenz kann hierzulande mit Twitter offenbar wenig anfangen: Anders als in den USA, wo Barack Obama über einen fälschungssicheren Twitter-Account einen Vorzeige-Wahlkampf geführt hat, sind die deutschen Spitzenpolitiker bei Twitter so gut wie gar nicht präsent. Und wenn doch, dann handelt es sich häufig um Fälschungen. Da sich die Wahlkampf-Strategen offenbar nur selten die Mühe gemacht haben, bei Twitter einen "Verified Account" zu sichern, verbergen sich hinter den meisten Namen Spaß- und Fake-Accounts - allein für Angela Merkel gibt es über ein Dutzend gefälschter Auftritte.

Auch die Einbindung der Social-Media-Aktivitäten auf den Webseiten der Parteien ist optimierungswürdig. So sind die vorhandenen Twitter-Accounts nur selten über die offiziellen Web-Seiten der Parteien und Kandidaten aufrufbar. Lediglich SPD und CSU haben Twitter und soziale Netze wie Facebook oder Xing an prominenter Stelle in ihren Internet-Auftritt integriert.

Die Quittung für den insgesamt chaotischen Auftritt bei Twitter sind Follower-Zahlen, die in Anbetracht der Bedeutung des Anlasses mehr als bescheiden sind. So erreichen die anscheinend echten Twitter-Accounts der Parteien nur wenige tausend Follower. Barack Obama, der als Vorbild für den Einsatz von Social Media im Wahlkampf gilt, kommt demgegenüber auf mehr als zwei Millionen Follower.

PR-COM-Geschäftsführer Alain Blaes sieht die dürftige Twitter-Bilanz mehr als kritisch. So komme dieser Technologie eine Leitfunktion zu, die die Politik hätte aufgreifen müssen. "So aber entsteht eine katastrophale Signalwirkung gerade für die Politik-verdrossene junge Generation. So oder so, der Twitter-Auftritt der Parteien für die anstehende Bundestagswahl ist für die Bürger wertlos", so Blaes.

Auch Professor Romy Fröhlich vom Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung an der Ludwig-Maximilians-Universität in München fordert die Parteien auf, das Thema ernst zu nehmen. "Ziel führend twittern - ohne dass es lächerlich und peinlich wird - kann man nicht zum Null-Tarif. Hierfür braucht es spezifische Expertise in einem strategisch und kontinuierlich auch über den Wahlkampf hinaus agierenden Mitarbeiter-Stab", so Fröhlich. "Wer nicht bereit ist, in Social Media zu investieren und stattdessen nur mit Bordmitteln auf den Zug aufspringen will oder kann, der sollte es lieber ganz lassen." mas
Meist gelesen
stats