WAZ: Gericht vertagt Entscheidung im Familienstreit

Mittwoch, 28. März 2007

Im Gerichtsverfahren zwischen den Mitgliedern der Funke Familien Gesellschaft (FFG), der die Hälfte der Essener WAZ Mediengruppe gehört, ist noch kein abschließendes Urteil gesprochen worden. Heute erließ das Oberlandesgericht (OLG) Hamm einen Beweisbeschluss, wonach Günther Grotkamp als Zeuge gehört werden soll. Der 80-Jährige ist der Ehemann von Petra Grotkamp, der Tochter des WAZ-Mitgründers Jakob Funke, und ehemaliger Geschäftsführer der WAZ Mediengruppe. Im Prozess geht es um die Frage, ob die Anteile an der Mediengruppe gesamthänderisch gebunden der FFG als Gesellschaft des bürgerlichen Rechts gehören oder ob die Eigentumsrechte bei den einzelnen Personen liegen. Schließt sich das Gericht der erstgenannten Auffassung an, dann wäre ein Verkauf an familienfremde Dritte oder eine Belastung der Anteile unwirksam. Petra Grotkamp hat zur Klärung des Sachverhalts eine Klage angestrengt, die in erster Instanz vor dem Landgericht Essen hinsichtlich der WAZ-Kerngesellschaften zugunsten der Grotkamp-Seite entschieden wurde und die sich inzwischen in der Berufung beim OLG Hamm befindet. Rechtsanwalt Andreas Urban, der die Interessen der Klägerin Petra Grotkamp vertritt, bewertet den Beweisbeschluss gegenüber Horizont als "positives Signal".

In einem weiteren Verfahren geht es darum, ob bei wichtigen strategischen und personellen Entscheidungen innerhalb der FFG das Einstimmigkeitsprinzip gilt oder die Mehrheit ausreicht. Darüber soll am 22. Mai vor dem Landgericht Essen entschieden werden. Ebenso über die Frage, ob die Ausschüttung von mehr als 400 Millionen Euro aus dem Verkauf der RTL-Anteile an Bertelsmann rechtens war.

Die FFG besteht aus den Familienstämmen der drei Funke-Töchter Petra Grotkamp, Gisela Holthoff (gemeinsam mit Sohn Frank) und Renate Schubries, die in Fragen zur Führung und künftigen Ausrichtung der WAZ Mediengruppe immer wieder uneins sind. Stephan Holthoff-Pförtner, einer von drei Bevollmächtigten der FFG und derzeit Sprecher des Holthoff-Stamms, misst dem Gerichtsentscheid hohe Bedeutung bei. Vom Urteil hänge "die Entscheidungsgeschwindigkeit und -qualität der WAZ Mediengruppe ab", sagte er vor kurzem in einem exklusiven HORIZONT-Interview (Ausgabe 9/2007).

Das Top-Management des zweitgrößten deutschen Zeitungskonzerns mit einem Jahresumsatz von rund 2 Milliarden besteht derzeit lediglich aus Bodo Hombach, der die Erbenfamilie des zweiten WAZ-Gründers Erich Brost vertritt. Brosts Adoptivsohn und Geschäftsführer Erich Schumann war am 21. Januar im Alter von 76 Jahren verstorben. Die beiden Geschäftsführungsposten der FFG-Seite sind vakant. Nach dem Weggang von Lutz Glandt im Herbst 2005 hat sich nun auch Detlef Haaks verabschiedet, der an die Spitze des Deutschen Sparkassenverlags in Stuttgart wechselt.

Eine Rückkehr von Günther Grotkamp an die Unternehmensspitze ist unterdessen vom Tisch. Weil die Funke-Familie in der aktiven Geschäftsführung nicht vertreten ist, hatte der FFG-Bevollmächtigte Andreas Urban ein Grotkamp-Comeback ins Gespräch gebracht. Grotkamp selbst hatte sich dazu auch bereit erklärt, doch die Gesellschafter-Familien Holthoff und Schubries haben den Vorschlag abgelehnt. In Sachen Personal sind die Eigentümer derweil nicht untätig: Nach Horizont-Informationen hat die Grotkamp-Seite zwei externe Manager zur Neubesetzung der WAZ-Führung vorgeschlagen, die Holthoff/Schubries-Seite hat einen Kandidaten benannt. rol

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