Von wegen raus aus Facebook: Stern.de wird Inhalte-Lieferant

Donnerstag, 08. März 2012
Ab sofort kann man Stern-News auch bei Facebook lesen
Ab sofort kann man Stern-News auch bei Facebook lesen


Ein schöner, fast selbstloser Service für die Riesengemeinde der Facebook-Nutzer: Leser von Gruner + Jahrs Nachrichtenseite Stern.de müssen ab sofort nicht mehr auf die Site selber surfen, um deren Inhalte zu konsumieren. Die Redaktion wird zum Inhalte-Lieferanten für Facebook bei dessen Bestreben, zur all umfassenden Benutzeroberfläche im Netz zu werden. Denn als nach eigenen Angaben erste deutsche News-Website nutzt Stern.de die Möglichkeit, auf Facebook eine so genannte Social-Reader-App zu betreiben. Damit können Facebook-User aktuelle Beiträge von Stern.de innerhalb des sozialen Netzwerkes lesen und ihre tägliche Nachrichtenauswahl im Freundeskreis teilen. Die Texte, Bilder und Videos erfahren dadurch sicher eine größere Verbreitung - den erzeugten Traffic jedoch verbucht Facebook.

Und wo ist das Geschäftsmodell für Stern.de? Klar, Werbevermarktung, immer noch die große Heilshoffnung aller Free-Content-Anbieter. Tatsächlich hat das Vermarktungsteam von G+J die Möglichkeit, spezielle Display-Flächen (Logo-Integration, Superbanner, Rectangle) innerhalb der App zu vermarkten. Allerdings läuft das alles nach den Bedingungen (*) von Facebook; so gibt es etwa keinen automatisch startenden Flash.

Und unklar ist, ob Facebook nicht eines Tages auch eine Beteiligung an den In-App-Werbeerlösen verlangt - vielleicht dann, wenn genügend Nutzer davon entwöhnt sind, auf die Originalsites der Verlage zu surfen. Bisher gilt immerhin: Die Werbeerlöse aus der App gehen vollständig an G+J. Um die App herum gibt es natürlich weiterhin die üblichen, von Facebook vermarkteten Formate, die sich sicherlich über die Zusatzreichweiten durch Verlagsinhalte freuen.

Man wolle den „Stern.de-Radius erweitern", sagt Geschäftsführer Christian Hasselbring: „Denn auch Menschen abseits unserer bisherigen Zielgruppe im Web und auf Facebook können sehen, welche Themen Stern.de setzt und wer sie liest." So entstehe ein attraktives Werbeumfeld. „Außerdem wollen wir Kompetenz für Social News entwickeln und damit einen weiteren Baustein in unserem Geschäftsmodell", so Hasselbring. Stern.de-Chefredakteur Frank Thomsen ergänzt: „Journalismus im Netz bedeutet, nicht mehr nur zu senden, sondern Lesern Interaktion anzubieten, auch für den Umgang mit News. Mit der App gehen wir dorthin, wo sich ein immer größerer Teil gerade junger User aufhält und liefern den Gesprächsstoff gleichsam ‚frei Haus'."

Thomsen und Hasselbring nehmen damit den wohl teilweise auch ernst gemeinten Rat eines hochrangigen Print-Kollegen sichtlich nicht an: Hans-Ulrich Jörges, Mitglied der „Stern"-Chefredaktion, hatte im Januar mit einem markigen Statement für Aufsehen gesorgt: „Ich vertrete die Parole: Raus aus Facebook!" Jörges bezog seine Ansage auch auf klassische Medien und ihre Präsenz dort: „Facebook und Co ziehen die Werbegelder aus unseren Blättern und stehlen die Zeit unserer Leser. Und das umso stärker, je mehr wir Verlage unsere Inhaltewelt dort abbilden", so der „Stern"-Mann im Januar.

Im Social Reader können Nutzer sehen, welche Artikel ihre Freunde in der App lesen oder empfehlen - und umgekehrt zeigen, was sie selbst gerade lesen, je nachdem, für welchen Kreis sie ihre Aktivitäten freigegeben haben. Die Aktualisierung der Inhalte erfolgt dabei in Echtzeit. Als Vorreiter der im Herbst 2011 neu eingeführten Social-Reader-Technologie auf Facebook gelten „The Guardian", „Washington Post" und das „Wall Street Journal". rp

(*) In einer früheren Fassung des Textes war zu lesen, hierbei kämen auch die Server von Facebook zum Einsatz. Bei Stern.de betont man dagegen, Werbung und Inhalte würden über die Server von G+J EMS bzw. Stern.de gehostet.
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