Von wegen dezentral: G+J will offenbar Digitalgeschäfte bündeln

Donnerstag, 28. Juni 2012
Axel Wüstmann
Axel Wüstmann


Dezentral war gestern: Gruner + Jahr unternimmt wohl einen weiteren Schritt bei der Bündelung seines deutschen Digitalgeschäftes. Informationen von HORIZONT.NET bestätigten im Wesentlichen einen Bericht von Meedia.de. Danach plant das Verlagshaus offenbar, seinen drei Verlagsgruppen Agenda („Stern", „Eltern"), Life („Brigitte", „Gala") und Wirtschaftsmedien („FTD") die Verantwortung fürs digitale Business zu entziehen und im so genannten G+J Digital Center - einer Abteilung im Geschäftsführungsbereich Operations von Axel Wüstmann - zu zentralisieren. G+J will das Thema nicht kommentieren. Anlass dürfte die verschärfte Suche nach Effizienzen, Synergien und Ideenaustausch sein - vor dem Hintergrund, dass bei G+J wie anderswo die Online-Erlöse zwar oftmals steigen, die Rückgänge im traditionellen Print-Business aber meist nicht kompensieren können. Und manche Website des Hauses, darunter das Flaggschiff Stern.de, schreibt immer noch rote Zahlen. Genau deshalb hatte G+J Anfang 2011 sein Digital Center gegründet. Die Aufgaben: Wissen bündeln sowie Technik und Workflows synchronisieren, ebenso die Aktivitäten in Social Media, App-Konzeption, den Umgang mit Paid Content, Suchmaschinenoptimierung sowie den Einkauf und die Zusammenarbeit mit Dienstleistern.

Noch Anfang 2011 sagte Wüstmann im Interview mit HORIZONT (Ausgabe 4/2011): „Die Marken- und Produktverantwortung bleibt bei den Verlagsgeschäftsführern, die inhaltliche Verantwortung bei den Chefredakteuren. Hier entstehen die inhaltlichen Ideen nahe an den Marken, das ist auch richtig. Entsprechend bleibt G+J hier dezentral aufgestellt." Das scheint so nun bald nicht mehr zu gelten - was für verschärften Kosten- und Erlösdruck spricht.

Sollte G+J sein Digitalgeschäft wie beschrieben weiter zentralisieren (die Redaktionen sollen davon, zumindest bisher, nicht betroffen sein und weiter in den Verlagsgruppen verbleiben), wäre dies ein Machtverlust für die drei Verlagsgeschäftsführer Thomas Lindner (Agenda), Julia Jäkel (Life) und Ingrid Haas (Wirtschaftsmedien) samt ihren Digital-Chefs Christian Hasselbring (Agenda), Thomas Schmidt (Life) und Angela Broer (Wirtschaftsmedien) zugunsten des Verlagsgeschäftsführer-Kollegen Wüstmann und dessen Digital-Leiter Felix Menden, einem früheren Xing-Manager. Die Zukunft der Posten von Hasselbring, Schmidt und Broer dürfte dann als offen gelten.

Und sollte es so kommen, würde Europas größtes Zeitschriftenhaus damit seine dezentrale, nach den Medienmarken ausgerichtete Struktur im Deutschland-Geschäft noch weiter auflösen; Vertrieb und Vermarktung sind längst zentralisiert. In den vor kurzem von vier auf drei geschrumpften Verlagsgruppen würden noch weniger Aufgaben verbleiben. Damit ginge G+J den Weg, den auch andere Medienhäuser beschreiten. Vielleicht bald inklusive der Konzernmutter Bertelsmann - hier wäre G+J dann aber wohl einer der Leidtragenden. rp
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