"Viva": Lebensgefühl-Journalismus für gutsituierte Best-Ager

Donnerstag, 26. April 2012
"Viva" liegt ab dem heutigen Donnerstag am Kiosk
"Viva" liegt ab dem heutigen Donnerstag am Kiosk

"Neon" hat es vorgemacht: Das junge Magazin aus der Stern-Markenfamilie fängt das Lebensgefühl der 20- bis 35-Jährigen ein und hat damit seit mittlerweile zehn Jahren großen Erfolg. Mit "Viva" versucht Gruner + Jahr, das bewährte Konzept auf gutsituierte Best-Ager ab 50 zu übertragen. Die Frage ist nur, ob ausgerechnet diese Generation dafür ein eigenes Magazin zur Inspiration benötigt. "Stern-Chefredakteur Thomas Osterkorn, selbst 58 Jahre jung, ist sich natürlich sicher: "Die Zeit ist reif, für diese Generation ein eigenes Magazin zu machen. Neue Studien belegen, dass Menschen über 50 heute zu neugierig und interessiert sind, um sich mit Gesundheit, Golf und Glamour zu begnügen. Die Frage in dieser Lebensphase lautet vielmehr: 'Tue ich das, was mir tatsächlich wichtig ist?'"

Das Cover gibt die Richtung vor: Mit 50 darf man schon mal in Erinnerungen schwelgen, und die alten Fotos aus dem Keller holen. Aber es noch lange nicht zu spät für eine neue Liebe oder den Start in ein neues Leben. "Viva" wendet sich an Menschen, die aus dem Gröbsten raus sind: Beruflich so erfolgreich, dass sie schon kürzer treten können, gut situiert, mit Kindern, die aus dem Haus sind und auf eigenen Füßen stehen. Und die sich überlegen, was sie mit ihrer neu gewonnen Freiheit nun noch alles anstellen können.

Das erste und wohl wichtigste Ressorts trägt den Titel "Pläne & Träume": Es geht um Menschen, die noch einmal einen Neuanfang gewagt haben, um Aussteiger in Indien oder um einen Bayern, der mit einem umgebauten Trecker noch einmal auf große Tour geht.

Immer wieder schwingt in den Texten und Bildern die Sehnsucht mit, noch einmal etwas zu wagen. Hier und da hat sich ein wenig Wehmut und Nostalgie mit eingeschlichen und die Bilder bekommen einen sepiafarbenen Stich wie auf alten Fotos, etwa bei einem Porträt über den Schauspieler Axel Milberg ("Luxus ist, Nein sagen zu können"). Insgesamt überwiegt aber der selbstsichere Grundton der Nachkriegsgenerationen, die sich noch keine Sorgen um ihre Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt machen mussten und nicht selten bereits im Vorruhestand die Früchte ihrer Arbeit genießen können.

Es geht um Luxusreisen, Champagner, die kulturellen Höhepunkte des Sommers, den Spaß am eigenen Garten und wie man das Geld aus der Lebensversicherung am besten anlegt (vielleicht in einen Gasherd für knapp 7000 Euro?), aber auch um die Zipperlein, die der Zahn der Zeit mit sich bringt. Optisch bewegt sich das Heft durchweg auf dem hohen Niveau, das man von einem Titel aus der Stern-Markenfamilie erwartet: Großzügige Bilderstrecken, große Überschriften und Zwischentitel, ein ausreichender Zeilenabstand und ein gelungener Rhythmus aus langen und kürzeren Stücken ermöglichen eine entspannte Lektüre auch ohne Lesebrille.

Bleibt die Frage, ob die anvisierte Zielgruppe 50+, gut situiert, gereift und gefestigt in ihren Ansichten, mit dieser Art des Lebensgefühl-Journalismus etwas anfangen kann oder im Zweifelsfalls doch lieber zu "Feinschmecker", "Art" und "Gault Millau" greift. Gruner + Jahr scheint optimistisch zu sein: Die Druckauflage des 164 Seiten starken Heftes (Copypreis: 3,90 Euro) beträgt ambitionierte 250.000 Exemplare. Bei guter Resonanz und entsprechenden  Verkaufszahlen soll "Viva" regelmäßig erscheinen. dh
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