Verträge mit Behinderten? Sat 1 gerät zunehmend unter Druck

Freitag, 25. November 2011
Die Kuppelshow sorgt für Quote am Sonntagabend (Bild: Sat 1)
Die Kuppelshow sorgt für Quote am Sonntagabend (Bild: Sat 1)
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Sat.1 Sarah H. Rhein Kuppelshow Vertrag Kurt Beck Diana Schardt


Die Kritik an Sat 1 wächst: Dem Sender wird vorgeworfen, bei seiner Kuppelshow "Schwer verliebt" Kandidaten öffentlich bloßzustellen, ohne dass diese gewusst hätten, worauf sie sich bei der Teilnahme an der Sendung einlassen. Sarah H. hat sich bereits in der "Rhein Zeitung" ausführlich zu den Vertragsbedingungen geäußert, jetzt haben sich weitere Beteiligte gemeldet - und auch die Politik mischt sich ein. Einer der Kandidaten soll kognitiv beeinträchtigt sein und die Konsequenzen des von ihm unterschriebenen Vertrags nicht abschätzen können. Die "Rhein-Zeitung" zitiert die Mutter eines Kandidaten: Ihr Sohn habe einen Behindertenausweis und den Vertrag selbst unterschrieben - möglicherweise ohne sich über die vertraglichen Bedingungen im Klaren zu sein. Zwei weitere Männer, die an der Sendung teilgenommen haben, fühlen sich laut "Rhein-Zeitung" von Sat 1 ungerecht behandelt, einer der beiden soll sich sogar in einem Rechtsstreit mit der Produktionsfirma befinden.

Die Vorwürfe lassen auch die Politik nicht kalt: Bei der Landesmedienanstalt Rheinland-Pfalz sind bereits mehrere Beschwerden zum Format eingegangen. Kurt Beck, rheinland-pfälzischer Ministerpräsident und Vorsitzender der Rundfunkkommission der Länder, spricht sich für die Prüfung des Formats aus: "In manchen Sendungen werden Menschen, die offensichtlich gar nicht wissen, worauf sie sich da eingelassen haben, öffentlich bloßgestellt und gedemütigt." Er sei "sehr dafür, dass die zuständigen Medienaufsichten prüfen, ob die Grenzen des Zulässigen hier nicht überschritten werden." Die Jagd nach der Zuschauerquote dürfe nicht dazu führen, dass Laiendarsteller in entwürdigenden Situationen zur Schau gestellt werden, so Beck.

Sat 1 äußert sich zu den Vorwürfen mit einer offiziellen Stellungnahme: "Weder Sarah noch ein anderer Kandidat unseres Formats 'Schwer verliebt' ist zu Handlungen und Aussagen gedrängt worden", so Sat-1-Sprecherin Diana Schardt. "Ein Drehbuch lag bei 'Schwer verliebt' nicht vor." Sarah habe zu keiner Zeit Dinge tun müssen, die sie nicht tun wollte, so Schardt weiter. Im Gegenteil: Sie habe der Produktionsfirma Vorschläge für Drehorte und Szenarien gemacht. "Bei den Verträgen handelt es sich um Standardverträge der Produktionsfirma. Zu Vertragsinhalten äußern wir uns grundsätzlich nicht."

Kandidatin Sarah H. hat sich zuerst über die Vertragsbedingungen geäußert (Foto: Sat 1/Willi Weber)
Kandidatin Sarah H. hat sich zuerst über die Vertragsbedingungen geäußert (Foto: Sat 1/Willi Weber)
Grund für die Aufregung sind Szenen wie die, in der die 27-jährige Sarah ihren beiden Verehrern ihre Barbiepuppen-Sammlung zeigt. Anschließend hält Sarah ein Buch mit gezeichneten Biographien der Puppen in die Kamera - inklusive einer Seite, auf der die Lieblingssexstellungen eines Barbie-Paares dargestellt sind. "Ich musste das tun", sagt die Kandidaten dazu gegenüber der "Rhein Zeitung".

Bei "Schwer verliebt" begeben sich Kandidaten mit Übergewicht auf die Suche nach einem Partner. Das Format ist ähnlich konzipiert wie "Bauer sucht Frau" oder "Schwiegertochter gesucht" und läuft sonntags um 19.00 Uhr auf Sat 1. Die Quoten sind ordentlich: Mit 11,2 bis 12,6 Prozent Marktanteil bei den 14- bis 49-Jährigen liegt das Format über dem Senderschnitt (10,0 Prozent im Oktober), insgesamt schalteten pro Folge etwa 3 Millionen Menschen ein.  sw
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