Verlagsbosse im Bundestag: Paid Content in vier bis fünf Jahren?

Donnerstag, 21. Februar 2013
Im Bundestag sind Gebühren für Verlagsangebote Thema (Foto: Marc Steffen Unger)
Im Bundestag sind Gebühren für Verlagsangebote Thema (Foto: Marc Steffen Unger)

Bekenntnis in Berlin: Die Zeitungs- und Zeitschriftenverlage in Deutschland sind der Einführung von Paid Content möglicherweise näher als gedacht. Diesen Eindruck vermittelt jedenfalls eine Randbemerkung von „Zeit"-Geschäftsführer Rainer Esser auf einer Bundestagsanhörung in Berlin. Auf dieser wurde auch die Ausweitung der bisherigen TV-Gebühren auf weitere Medienkanäle erörtert - zum Beispiel auf Verlagsangebote.
In Sachen Paid Content sind sich die Verleger "alle einig": „Zeit"-Chef Rainer Esser
In Sachen Paid Content sind sich die Verleger "alle einig": „Zeit"-Chef Rainer Esser
Berlin, Paul-Löbe-Haus neben dem Bundestag, Sitzungssaal E 300, Mittwochnachmittag: Der Parlamentsauschuss für Kultur und Medien hat fünf Verlagsbosse und einen Wissenschaftler eingeladen - zum öffentlichen Expertengespräch zur Zukunft des Qualitätsjournalismus und der Print-Vielfalt. Die Abgeordneten blicken „angesichts von Insolvenzen und schließenden Redaktionen mit Sorge auf die deutsche Presselandschaft", heißt es in der Einladung.

Und so sitzen sie nebeneinander im Halbrund und erklären dem Ausschuss teils anschaulich und nüchtern, teils grundsätzlich und dramatisch den allseits bekannten Forderungskatalog der Verlage: Mathias Döpfner (Axel Springer), Rainer Esser (Zeit-Verlag), Julia Jäkel (Gruner + Jahr), Ulrich Lingnau („Freie Presse", Chemnitz) und Christan Nienhaus (WAZ-Gruppe).

Die Forderungen: Leistungsschutzrecht; Beschränkung öffentlich-rechtlicher presseähnlicher Digitalaktivitäten; Schutz des Grosso-Systems; Schutz gegen die „Datenkraken aus dem Silicon Valley" (Esser); keine weiteren Werbeverbote und -gebote etwa bei Autoanzeigen (Jäkel: „Wenn das kommt, dann gibt es Magazine wie ,Geo‘ bald nicht mehr"); keine strengeren Datenschutzregeln, die Verlagen die Gewinnung neuer Abos fast unmöglich machen (Jäkel: „Wenn das kommt, dann gibt es Magazine wie ,Eltern‘ bald nicht mehr"); mehr kartellpolitische Toleranz bei Kooperationen kleinerer Verlage - auch, um die Presse nicht „im Würgegriff des großen TV-Duopols" (Esser) alleine zu lassen; die Verpflichtung für private TV-Sender, regionalisierte Werbung nur mit regionalen Programminhalten zu senden.

Und dann, als Teil seiner Antwort auf die Politikerfrage nach Handlungsoptionen, sagt „Zeit"-Chef Esser: „In erster Linie müssen wir jetzt Paid Content einführen, da sind wir uns alle einig. Und wenn wir uns alle einig sind und bestimmte Bezahlinhalte einführen, dann wird das in vier bis fünf Jahren funktionieren." Ein Statement, das erstaunt und erfreut. Denn bisher waren die Verantwortlichen bei Zeit Online - anders als die bei Axel Springer, die ihren Worten sogar schon Taten folgen ließen (Welt Online) - eher nicht durch übertriebene Entschlossenheit oder gar Zuversicht in Sachen Paid Content aufgefallen.

Ach ja, die Wissenschaft. Mit am Tisch sitzt Stephan Weichert, Journalistikprofessor an der Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation in Hamburg. Er ermuntert die Verlage, sich neben der Hauptfinanzierung über Verkaufs- und Werbeumsätze gedanklich mit drei potenziell komplementären Erlöswegen anzufreunden: der Ausdehnung der TV-Gebühren auf weitere Medienkanäle wie etwa auf Verlagsangebote (Haushaltsabgabe als „Kultur-Flatrate"), Stiftungen/Mäzenatentum und Crowdfunding (massenhafte Kleinspenden). Diese Zusatzwege könnten als "stimulierende Faktoren" und Leistungsanreize wirken, so Weichert. Bei den Verlagsbossen stoßen seine Vorschläge jedoch auf harsche Ablehnung. „Subventionen machen faul und abhängig - und beides wollen wir nicht sein", erklärt Esser. rp

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