Verlage schwanken im Web zwischen Hoffen und Bangen

Dienstag, 09. Juni 2009
"Reformunwilligkeit der Verlage": Matthias Müller von Blumencron
"Reformunwilligkeit der Verlage": Matthias Müller von Blumencron

Beim 3. Internationalen Mediendialog Hamburg ging es am Montag nicht nur um Copyrights im Internet. Auch die Frage, ob Qualitätsjournalismus im Web und anderswo noch finanzierbar ist, trieb die Diskutanten um. Man kreiste zwar um das Thema - doch Antworten hatte niemand. "Spiegel"-Chefredakteur Matthias Müller von Blumencron etwa wird einmal mehr nicht müde zu betonen, dass das Internet wegen der vielen möglichen Darstellungsformate das "journalistischste Medium" sei, das er sich vorstellen könne. Und dass die Marke "Spiegel" dank Print plus Web so viele Leser erreiche wie niemals zuvor. Den Verlagen in Deutschland attestiert er eine gewisse "Reformunwilligkeit" - viele Veränderungen müssten schneller erfolgen. In einem jedoch hätten die Verlage richtig gehandelt: Anders als in den USA hätten die hiesigen Printhäuser ihre Copy- und Abo-Preise hoch halten können, so dass nun die gedruckten Hefte den journalistischen Qualitätsanspruch finanzieren könnten. Und die Gratisinhalte im Internet gleich mit. Bei Spiegel Online jedenfalls will Müller von Blumencron "weiterhin kein Zahlhäuschen an den Eingang stellen"; die neuerliche Diskussion über Paid Content hält er für falsch. Gleichwohl ist die Werbekrise auch beim "Spiegel" längst angekommen: "Sparen ist ein Thema bei uns. Wir müssen unsere Produkte zu geringeren Kosten herstellen."

"Zeit"-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo gibt zwar zu, dass er die Antwort auf die Frage aller Fragen - die nach der Finanzierbarkeit von Qualitätsjournalismus im Web - auch noch nicht gefunden hat. Aber ins Netz investieren müsse ein Verlag trotzdem, trotz derzeitiger Verluste: "Wenn wir es nicht machen würden, dann würden am Ende nur die davon profitieren, die durchhalten." Umso mehr sei ein Verlag heutzutage auf neue Produkte und Geschäftsideen - die früheren Nebengeschäfte - zur Absicherung des "Kerngeschäfts Journalismus" angewiesen. Das scheint beim Zeit-Verlag ganz gut zu funktionieren. Laut di Lorenzo liegen die Geschäftszahlen in den ersten fünf Monaten des Jahres "über Plan". An einem Teil ihrer Misere seien die Verlage im Übrigen selbst Schuld: Er beklagt einen "beispiellosen Selbstbeschädigungsprozess", den sich die Verlage dadurch eingebrockt hätten, indem sie den Käufern ihrer Print-Produkte ein altmodisches Mediennutzungsverhalten vorgeworfen haben.

Gruner + Jahr-Vorstandschef Bernd Buchholz hält die Refinanzierung von Journalismus im Netz "aus heutiger Sicht für schwierig bis unmöglich". Auch deshalb, weil 90 Prozent der Internetnutzung über nicht-journalistische Inhalte erfolge. Umso wichtiger ist ihm, dass die Verlage beim Kampf um die übrigen 10 Prozent im Netz keine Konkurrenz von ARD und ZDF erhalten: Einmal mehr spricht sich Buchholz für eine "klare Begrenzung des öffentlich-rechtlichen Auftrags im Internet" aus.

Axel-Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner stimmt diesem Gedanken zwar theoretisch zu, hält es aber für "lebensfremd und wenig freiheitlich, den öffentlich-rechtlichen Sendern den Weg ins Internet zu verbieten". Er möchte, so wiederholt er seinen Vorschlag, ARD und ZDF stattdessen etwas anderes verbieten: Werbung. Von den sinkenden Auflagen auch der meisten Axel-Springer-Titel lässt sich Döpfner nicht kirre machen - und verweist auf steigende Online-Reichweiten und teils zweistellige Renditen mancher digitalen Angebote.

Ulrich Reitz, Chefredakteur der "WAZ"-Gruppe, kann dagegen nicht erkennen, dass die Rückgänge der Print-Umsätze durch die Online-Zuwächse kompensiert werden könnten. Aber immerhin kann er auch keine Kannibalisierung bei der Nutzung erkennen; Print und Online seien „zwei unterschiedliche Kulturprodukte". Und für Verlage seien die früheren Fabel-Renditen von 20 bis 30 Prozent daher zwar Vergangenheit - "doch 10 bis 15 Prozent dürften auch in Zukunft möglich sein". Die Umsatzrendite seines Hauses liege derzeit zwar unter 10 Prozent, sei aber "immer noch ganz ordentlich". Die Zusammenlegungen in den WAZ-Redaktionen haben nicht zum befürchteten „Einheitsbrei" geführt, sagt Reitz und meint, seine Blätter seien heute dank besserer Organisation „so vielfältig wie nie". Und über 30 Millionen Euro nehme der Verlag in die Hand, um bei den angekündigten Streichungen - jede dritte Redakteursstelle soll wegfallen - betriebsbedingte Kündigungen zu vermeiden. "Es sieht so aus, als ob uns das gelingt", so Reitz. rp
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