Verkaufsgerüchte um G+J: Was dran ist - und was nicht

Montag, 13. Mai 2013
Über den Verlag am Hamburger Baumwall machen wieder einmal Gerüchte die Runde
Über den Verlag am Hamburger Baumwall machen wieder einmal Gerüchte die Runde


Steht Gruner + Jahr, einst Europas größter Magazinverlag, vor dem Verkauf? In Teilen oder gar komplett? Der Branchendienst "New Business" berichtet über entsprechende Gerüchte, nennt mögliche Käufer (Funke-Gruppe/WAZ, Hearst oder Mondadori in Deutschland; Bauer, Burda oder Hearst im Ausland) und beruft sich auf "Branchenbeobachter" und "Insider" unter anderem auf der Party nach der Verleihung der Henri-Nannen-Preise Ende April.
Ähnliche Gerüchte, teils auch verquickt mit der Eigentümerstruktur bei G+J, wabern seit Jahren als Running Gag durch die Medienberichterstattung: Mal wollten angeblich die Jahrs ihren 25,1-Prozent-Anteil verkaufen, mal Bertelsmann sein 74,9-Prozent-Paket (Ende 2007). Oder stattdessen dazukaufen (2001). Oder dazukaufen, um sodann komplett zu verkaufen (Anfang 2007). Oder so, irgendwie. Passiert ist nichts. Auch nicht im vergangenen Sommer: Da hatte Bertelsmann tatsächlich versucht, die Jahrs herauszukaufen - am Ende vergeblich. Anschließend verkündeten beide Parteien, G+J "gemeinsam weiterentwickeln" zu wollen.

Und heißt das - nach dem Aus des Großteils der Wirtschaftspresse, Relaunches der wichtigsten Titel, einem Komplettumbau des Vorstands und einer neuen (Digital-) Strategie - nun (Teil-) Abwicklung? Sind die kolportierten Gerüchte mehr als nur teils plausible, teils phantasievolle Planspiele von Partygängern aus der Medienszene, die alle - wer hat das nicht? - eine Meinung zu G+J haben? Nein, mehr ist es wohl kaum. Allerdings ist es hoch wahrscheinlich, dass in den kommenden Monaten und Jahren weitere Umbauten und Einschnitte folgen werden, inklusive der Trennung von einzelnen Titeln. Insofern ist jeder auf der halbwegs sicheren Seite, der über (Teil-) Verkäufe spekuliert und eine möglichst lange Konjunktivliste potenzieller Käufer nennt. Klar, irgendetwas davon könnte schon einmal passieren, irgendwann einmal.

Hilfreich bei der Abschätzung dieser Frage ist ein Blick auf die gerade erst verkündete G+J-Strategie. Künftig will man sich auf so genannte "Communities of Interest" (CoI) konzentrieren. Darunter versteht der Verlag Titel-, Website- und Produktgruppen in Interessengebieten, in denen man mehr über Themen, Leser und User wisse und über mehr Inhalte verfüge als andere. Konkret hat G+J dafür Kochen ("Essen & Trinken", Chefkoch.de), Living ("Schöner Wohnen"), Family ("Eltern", Urbia.de) und Beauty & Mode ("Brigitte") auserkoren. Um diese Inhalte herum will G+J nicht nur Werbevermarktung, Paid Content und Paid Services betreiben, sondern auch - das ist neu - E-Commerce, inklusive Akquisitionen. Hinzu kommt das Thema Agenda Setting rund um das Flaggschiff "Stern".

Ein wesentlicher Bestandteil dieser Strategie, die im Einklang mit Hauptgesellschafter Bertelsmann beschlossen wurde (dessen Strategievorstand Thomas Hesse hatte sie bereits im Dezember 2012 in einem Interview vorgezeichnet), sind starke (Print-) Marken als Kern der CoI. Es wäre also, vorsichtig formuliert, eher kontraproduktiv, das Zeitschriftengeschäft oder wesentliche Teile davon abzustoßen. Das heißt im Umkehrschluss aber auch: Titel, die keiner der genannten CoI zuzuordnen sind und um die herum sich keine CoI aufbauen lässt - etwa, weil bei dazu passenden Community- und/oder E-Commerce-Modellen für G+J der Zug abgefahren ist -, könnten eines Tages tatsächlich zur Disposition stehen.

Ähnliches könnte für Teile des Auslandsgeschäfts gelten: Verkaufen (wie Polen neulich an Burda) oder neue Joint-Ventures. Entsprechende Dauergerüchte werden durch die Tatsache, dass G+J nun keinen Auslandsvorstand mehr hat, eher befeuert denn erstickt. Doch egal ob Inland oder Ausland: Selbst bei den für G+J plausibelsten Party-Planspielen müsste es immer einen zahlungswilligen und -kräftigen Käufer geben. Ob dies etwa für die Funke-Gruppe gilt - unklar. Deren Sprecher war bisher nicht zu erreichen.

Beim G+J-Hauptgesellschafter Bertelsmann erinnert man auf Nachfrage lediglich an einen Satz des CEO Thomas Rabe als G+J-Aufsichtsratchef aus der Pressemitteilung zur CEO-Ernennung von Julia Jäkel ("Aufsichtsrat und Gesellschafter unterstützen die Transformation ohne Vorbehalte") und verweist ansonsten auf G+J. Dessen Sprecher wiederum will "Spekulationen nicht kommentieren". rp

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