VDZ-Zeitschriftentage: Was wäre Online ohne Print?

Dienstag, 17. November 2009
Wolfgang Blau, Chefredakteur von Zeit Online
Wolfgang Blau, Chefredakteur von Zeit Online

Die Chefredakteure der großen Magazine ringen nach wie vor um den richtigen Umgang mit dem Internet. "Print ist nach wie vor der Finanzmotor für guten Journalismus", bekannte Mathias Müller von Blumencron, selber jahrelang Chef von Spiegel Online und mittlerweile des gedruckten "Spiegel", auf den VDZ-Zeitschriftentagen in Berlin. Er glaube auch nicht, dass die digitalen Medien zumindest in den kommenden zwei Jahren die Umsatzverluste von Print ausgleichen könnten. Immerhin vage Hoffnungen knüpft Uli Baur, Chefredakteur des "Focus", an Paid Content "für besonders wertige Geschichten" im Netz, um die bestehende Quersubventionierung von Print zu Online etwas auszugleichen.

Wolfgang Blau dagegen, Chefredakteur des nach wie vor defizitären Holtzbrinck-Portals Zeit Online, ist niemand, der Fragen der Finanzierbarkeit überbetonen würde - Hauptsache, die User diskutieren intelligent unter sich und mit der Redaktion über Themen und Texte. "Der Ort des Diskurses ist das Netz, und das Netz generiert dadurch auch Nachrichten", so Blau. Warum aber muss eigentlich immer diskutiert werden über alle Artikel, fragte Axel Springers Cheflobbyist Christoph Keese keck: "In einer Theatervorstellung stehen Sie ja auch nicht auf und diskutieren über das Stück." Ein journalistischer Artikel könne immer nur der Anfang einer Diskussion sein, so Blau.

"Massive Rückkopplungen" seiner Leser beobachtet auch "Wirtschaftswoche"-Chefredakteur Roland Tichy: "Wir Journalisten haben die Hegemonie über die Leser verloren, wir erhalten direkt Reaktionen, Kritik und neue Informationen." Dies alles müssten Redaktionen selektieren, kommentieren und daher ein neues Selbstverständnis entwickeln - als "Knotenpunkte in einem Netzwerk". Dabei hält Tichy nichts von einem Gegeneinander der Medien; jede Gattung müsse ihre Stärken ausspielen. Daher dürften Zeitschriften nicht unbedingt schneller werden wollen, sondern sollten sich lieber auf die großen Text- und Bilderstrecken konzentrieren. "Es geht um den sinnlichen Aspekt einer schönen Doppelseite."

Doch nochmal Zeit-Online-Chef Wolfgang Blau. Eine Idee in Sachen Finanzierung von Web-Journalismus hat er nun doch: "Wir und unsere Verbände leiden manchmal unter Realitätsverlust und verrennen uns in Diskussionen über Google, Leistungsschutzrechte und andere Dinge. So reden wir das Internet schlecht und sorgen damit dafür, dass die Werbepreise tief bleiben." Das klingt ganz so, als hebele das Internet sogar die Gesetze von Angebot und Nachfrage aus. Denn nach dieser Lesart wäre nicht das schiere Überangebot an digitalem Inventar Schuld an den niedrigen Werbepreisen - sondern die Rhetorik der Branche. Dann wäre also Schönreden das Gebot der Stunde. rp
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