VDZ: Europäisches Wettbewerbsrecht lässt deutsches Grosso-System zu / Gespräche mit Bauer

Donnerstag, 10. Mai 2012
"Konstruktive Gespräche": VDZ-Geschäftsführer Stephan Scherzer
"Konstruktive Gespräche": VDZ-Geschäftsführer Stephan Scherzer


Zuversicht im Vertrieb: Der Verband Deutscher Zeitschriftenverleger (VDZ) sieht gute Chancen für die gewünschte gesetzliche Erlaubnis des vom Bauer-Verlag zunächst gekippten Verhandlungsmonopols des Grosso-Verbandes - obwohl im neuen Entwurf zur Novelle des Gesetzes gegen Wettbewerbsbeschränkungen (GWB), anders als erhofft, nichts davon steht. „Im Kabinettsentwurf zur 8. GWB-Novelle konnte der entsprechende Regelungsvorschlag schon aus zeitlichen Gründen nicht mehr berücksichtigt werden", sagt VDZ-Hauptgeschäftsführer Stephan Scherzer im Interview mit HORIZONT.NET. Jetzt arbeite man mit dem Grosso-Verband daran, den gemeinsamen Vorschlag ins parlamentarische Gesetzgebungsverfahren zu integrieren. „Bisher sehen wir dazu im Bundestag mehr Befürworter als Gegner", so Scherzer.

Allerdings hat sich das Bundeskartellamt mit Verweis aufs europäische Kartellrecht skeptisch dazu geäußert, das deutsche Grosso-System gesetzlich schützen zu können. „Eine solche zentrale Verhandlungsmöglichkeit ist auch nach europäischem Wettbewerbsrecht wegen ihrer Vorteile für die Pressevielfalt gerechtfertigt", entgegnet Scherzer.

Im Gespräch mit HORIZONT - seinem ersten Interview überhaupt in seiner neuen Funktion - spricht Scherzer außerdem über Leistungsschutzrecht und Shitstorms, über Google und über den Streit mit den öffentlich-rechtlichen Sendern. Abonnenten lesen es in der HORIZONT-Ausgabe 19/2012, die am Donnerstag dieser Woche erscheint. Exklusiv in HORIZONT.NET spricht Scherzer über den Grosso-Streit und über seinen Umgang mit dem Bauer-Verlag. rp

"Es gibt mehr Gemeinsamkeiten mit Bauer als Gegensätze"

Herr Scherzer, seit Januar sind Sie Hauptgeschäftsführer des VDZ. Was wollen Sie anders machen als Ihr Vorgänger?
Stephan Scherzer: Die Medienlandschaft verändert sich in großem Tempo. Unsere Branche, die Verlagshäuser, managen diesen Wandel hervorragend. Sie entwickeln sich zu integrierten Medienhäusern, es geht um die Orchestrierung von Content auf allen Plattformen. Dieser Wandel spiegelt sich gut in meinem bisherigen Berufsweg. Ich kenne das wichtige Print-Geschäft seit über 20 Jahren, und meine vier Jahre im Silicon Valley haben mir einen tiefen Einblick in die DNA der digitale Welt ermöglicht. Aus diesem Grund hat mich das VDZ-Präsidium engagiert. Es ist mir wichtig, den Verband so weiterzuentwickeln, dass er mit den Herausforderungen der Medienwelt auf Augenhöhe ist und damit den Mitgliedern eine leistungsfähige Interessenvertretung garantiert.

Die Bauer Media Group ist Ende 2010 im Vertriebsstreit aus dem VDZ-Fachverband ausgetreten und fehlt seither auch als Beitragszahler. Sprechen Sie auch mit Bauer?
Ich habe in den vergangenen Monaten über 100 Gespräche mit Verlagsinhabern, Managern und Industrievertretern geführt. Auch mit den führenden Köpfen aus dem Hause Bauer habe ich gesprochen.

Und - gibt es Hoffnung auf Rückkehr in den Fachverband?
Das Gespräch war konstruktiv, auch mit Blick auf eine Fortsetzung. Bauer ist ein großes, international erfolgreiches Verlagshaus. Nach meinem Eindruck waren wir uns einig, dass es mehr Gemeinsamkeiten mit Bauer gibt als Gegensätze. Im Marktforschungsbereich arbeiten die großen Häuser ja bereits konstruktiv zusammen.

Der Grosso-Streit schwelt derweil weiter. VDZ und Grossisten erhoffen sich eine gesetzliche Erlaubnis des Verhandlungsmonopols des Grosso-Verbandes. Doch im neuen Entwurf zur GWB-Novelle steht davon nun nichts. Was macht Sie so sicher, dass da noch etwas kommt?
Das Grosso steht für Pressevielfalt und garantiert auch kleinen und mittelständischen Verlagen die effiziente und kundenorientierte Distribution ihrer Titel. Diesen neutralen Pressevertrieb, in dem der Geldbeutel weitgehend kein Parameter für die Präsenz von Presse ist, müssen wir erhalten. Die Verlegerverbände sehen die koordinierten Verhandlungsergebnisse zu Konditionen und Leistungen als einen Garant von Transparenz und Neutralität, und deshalb wollen wir die Möglichkeit solcher Verhandlungen auf Verbandsebene erhalten. Im Kabinettsentwurf zur 8. GWB-Novelle konnte der entsprechende Regelungsvorschlag schon aus zeitlichen Gründen nicht mehr berücksichtigt werden. Jetzt arbeiten wir mit dem Grosso-Verband daran, unseren gemeinsamen Vorschlag im Rahmen des parlamentarischen Gesetzgebungsverfahrens zu integrieren. Bisher sehen wir dazu im Bundestag mehr Befürworter als Gegner.

Und dann hat sich noch das Bundeskartellamt mit Verweis aufs europäische Kartellrecht skeptisch dazu geäußert, das deutsche Grosso-System gesetzlich schützen zu können.
Man muss schon genau sehen, was vorgeschlagen ist: Auch wir wollen keine gesetzliche Festschreibung des Grosso-Systems, sondern allein den Erhalt der Möglichkeit, Grosso-Konditionen zwischen Verlegern und Grossisten branchenweit vereinbaren zu dürfen. Diese zentrale Verhandlungsmöglichkeit ist unverzichtbar, wollen wir das seit Jahrzehnten für alle Zeitschriften faire und zugangsoffene Pressegrosso erhalten. Eine solche zentrale Verhandlungsmöglichkeit ist auch nach europäischem Wettbewerbsrecht wegen ihrer Vorteile für die Pressevielfalt gerechtfertigt. Dass der Bundestag sich dazu bekennt und eine entsprechende Regelung erlässt, ist dringend angezeigt. Interview: Roland Pimpl
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