"Unsinnige Idee": ADC-Chef Jochen Rädeker attackiert Amir Kassaei

Donnerstag, 14. Juni 2012
Jochen Rädeker (r.) lehnt den Vorschlag von Amir Kassaei für Einzelmitgliedschaften im ADCE ab
Jochen Rädeker (r.) lehnt den Vorschlag von Amir Kassaei für Einzelmitgliedschaften im ADCE ab

Zwischen dem frisch gekürten Präsidenten des Art Directors Club of Europe (ADCE) Amir Kassaei und dem deutschen ADC bahnt sich ein handfester Streit an. Knackpunkt ist die Ankündigung von Kassaei, den europäischen Dachverband auch für Einzelpersonen zu öffnen. "Diese Idee ist unsinning und wird von uns nicht mitgetragen", sagt der deutsche ADC-Chef Jochen Rädeker und kündigt ein Veto seines Clubs an, sollte Kassaei dieses "nicht mit uns abgesprochene" Vorhaben umsetzen. Der neue Europa-Verbandschef sieht das anders: "Der ADC Deutschland hat offensichtlich vergessen, dass die Mehrheit des Vorstands genau diese Idee mitentwickelt hat und umsetzen wollte, als ich dort noch Vorstandssprecher war." Kassaei stand von Herbst 2008 bis Sommer 2009 an der Spitze des deutschen ADC. Nach einem Streit über die Finanzlage des Verbands trat er zurück. Offiziell war von "unterschiedlichen Auffassungen über die Ausrichtung des Clubs" die Rede.

Kritiker warfen Kassaei damals vor, kein Interesse an kontinuierlicher Verbandsarbeit zu haben. In dieser Kerbe haut jetzt auch sein Nachfolger Rädeker. Zudem weist er auf die ungleich schwächeren Strukturen des europäischen Dachverbands gegenüber den nationalen ADC-Organisationen hin. Der scharf formulierte Widerstand erklärt sich wohl auch aus der Sorge, Mitglieder an den europäischen Club zu verlieren. Das Zugpferd Kassaei könnte tatsächlich manchen Kreativen locken. mam

Lesen Sie auf den folgenden Seiten, was Rädeker und Kassaei zu den Plänen für den ADCE sagen.
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Amir Kassaei übernimmt das Ruder beim ADC of Europe - auch auf Initiative des deutschen ADC. Was erwarten Sie sich von ihm? Wir sind positiv gespannt. Wenn sich jemand mit den Lautsprecherqualitäten von Amir für eine Sache engagiert, ist das zunächst mal nicht verkehrt. Also hat Deutschland im ADCE-Board die Kandidatur unterstützt.

Sie scheinen aber nicht restlos begeistert. Sehen Sie auch Probleme? Aus dem ADCE im Handumdrehen den "Club der Champions" zu machen, wird nicht einfach sein. Der ADCE hat zwar einen klangvollen Namen, ist im Gegensatz zu den Länder-ADCs aber auf organisatorischer Ebene praktisch nicht existent. Ein Schreibtisch, eine engagierte Halbtagskraft, ein Briefkasten in Barcelona - das war's. Ob der viel beschäftigte Tankerkapitän Kassaei im Nebenjob dieses Ruderboot hochseetauglich bekommt, bleibt abzuwarten. Mit flotten Sprüchen von der Kommandobrücke ist es jedenfalls nicht getan.

Sie spielen auf die Zeit an, als Kassaei Chef des deutschen ADC war? Stimmt. Beim ADC Deutschland ist Amir damals trotz ungleich leistungsfähigerer Strukturen krachend gescheitert, weil ihm der Atem für die Detailarbeit gefehlt hat.

Das ist doch aber Schnee von gestern. Was halten Sie von seiner Agenda für den europäischen Dachverband? Amirs Agenda orientiert sich in weiten Teilen an dem, was das deutsche ADC-Präsidium beim ADCE immer wieder angemahnt hat. Wenn er sich das jetzt auf die Fahnen schreibt und erfolgreich umsetzt, ist das gut für alle Kreativen in Europa.

Die Idee, den Verband für Einzelpersonen zu öffnen, lehnen Sie aber ab. Warum? Diese Idee ist unsinning und wird in der Tat nicht von uns mitgetragen. Das Thema war nicht mit uns abgesprochen, da gibt es ein klares Veto. Der ADCE wird von den nationalen Clubs finanziert und ist ihre Dachorganisation, keine Alternativ-Veranstaltung. Im Prinzip sind deshalb alle ADC-Mitglieder auf nationaler Ebene längst Mitglied im ADCE - ihnen gehört der Club. Und die nationale Selektion ist hart genug. mam
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Was reizt Sie an dem Präsidentenjob beim ADCE? Ich trete an, um den Integrationsprozess vonranzutreiben und den Verband mit meinen Kollegen im Board weiterzuentwickeln.

Was genau haben Sie vor? Mein Ziel ist die Integration aller europäischen Kreativen und Länder unter dem Dach des ADCE. Konkret verfolgen wir drei Punkte: 1. Wir wollen den ADCE zum "Club der Champions" machen mit den Besten der Besten in Europa. 2. Der ADCE soll die qualitative Messlatte für herausragende Kommunikation und Kreativität sein. 3. Wir wollen den ADCE als innovativen Ermöglicher etablieren, der die Interessen von Kreativen gegenüber Wirtschaft und Politik vertritt und Akzeptanz für ihre Arbeit schafft.

Sie haben in der Vergangenheit nicht immer positiv über den ADCE gesprochen (Stichwort: Relevanz). Was hat den Sinneswandel bei Ihnen verursacht? Man muss differenzieren. Der ADC of Europe als Club ist eine wichtige Institution, wenn sie ihr Potenzial ausschöpft. Ich will dabei mithelfen, dass das konsequent und auch zukunftsweisend geschieht. An meiner Position zum Thema Relevanz hat sich nichts geändert. Sie bezieht sich auf die bei Kreativwettbewerben ausgezeichneten Arbeiten - und das ist eine Sache der nationalen Clubs. Der Wettbewerb des ADCE ist die Zusammenfassung der nationalen Gewinner.

Beim deutschen ADC mussten Sie Ihre Mission abrechen - nicht zuletzt wegen Unstimmigkeiten innerhalb des Vorstands. Was stimmt Sie zuversichtlich, dass es diesmal besser klappt? Ich habe beim ADC Deutschland zwar meinen Posten zur Verfügung gestellt, aber wenn man sich die Geschehnisse um den Club in den letzten drei Jahren ansieht, dann haben sowohl mein Programm als auch mein konsequenter Rücktritt den ADC endlich bewegt, inhaltliche wie konzeptionelle Themen in Angriff zu nehmen.

Sind Sie als Network-Kreativchef ein besserer Politiker geworden? Ich kann vermitteln und Entscheidungen konsequent umsetzen - und zwar mit breiter Unterstützung. Wenn das Politik ist, dann ja.

Dann können Sie ja gleich damit anfangen, die Kollegen von Ihrem Plan zu überzeugen, den ADCE für Einzelmitgliedschaften zu öffnen. Der deutsche Club hat Widerstand angekündigt. Der ADC Deutschland hat offensichtlich vergessen, dass die Mehrheit des Vorstands genau diese Idee mitentwickelt hat und umsetzen wollte, als ich dort noch Vorstandssprecher war. mam 
             
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