Umfrage zur Ad Blocker-Debatte: "Beide Seiten müssen abrüsten"

Montag, 03. Juni 2013
Das Thema Adblocker treibt die Branche weiter um (Bild: Vege/Fotolia)
Das Thema Adblocker treibt die Branche weiter um (Bild: Vege/Fotolia)


Die Anti-Kampagne der sechs Nachrichtensites ist – zumindest vorerst – vorbei, doch die Diskussion um Ad Blocker geht unvermindert weiter. Weil mittlerweile derart viele Nutzer diese Werbeverweigerungsprogramme aktiviert haben, dass im Durchschnitt bei rund einem Viertel aller Seitenaufrufe keine Werbung mehr ausgeliefert wird. Bei Technikportalen liegt die Blockierquote oft sogar über 50 Prozent. Auf diese Weise verlieren werbefinanzierte Websites massiv Vermarktungsinventar – und damit ihre einzige Einnahmequelle.
In den Ausgaben 21/2013 und 22/2013 hat HORIZONT das Phänomen Ad Blocker bereits ausführlich analysiert. Jetzt erörtern die Verantwortlichen der großen Portale, unter anderem Spiegel-Online-Chefin Katharina Borchert oder Heiko Genzlinger von Yahoo - in HORIZONT.NET zwei Fragen: Befürchten sie ein Wettrüsten mit Ad Blockern? Und was ist von einem Modell à la Spotify und GMX zu halten, wonach User sich aussuchen können, ob sie Werbung akzeptieren, um Inhalte gratis zu nutzen – oder für ein werbefreies Angebot zahlen?

Kathrina Borchert, Geschäftsführerin Spiegel Online - auch im Namen der Mitinitiatoren Süddeutsche.de, Zeit Online, Faz.net, RP Online

Kathrina Borchert
Kathrina Borchert
Ein technisches Wettrüsten ist aus der jetzigen Sicht unproduktiv und lässt sich als Newssite-Betreiber nicht gewinnen. Und eine Bezahlschranke für Nutzer von Ad Blockern ist aus unserer Sicht derzeit keine Option. Auch nach möglicher Einführung von Bezahlschranken wird es weiterhin Werbung geben, da diese auch dann ein wichtiges Standbein zur Finanzierung redaktioneller Qualitätsinhalte sein wird.

Jan Oetjen, Vorstand United Internet Media

Jan Oetjen
Jan Oetjen
Jüngste Initiativen lassen darauf schließen, dass es hier schon seit einiger Zeit Auseinandersetzungen gibt. Eine solche Technikspirale ist vermutlich wenig sinnvoll – weder für die Nutzer noch für die werbungtreibende Industrie. Die richtige Antwort kann nur die Förderung von Werbeakzeptanz durch mehr nutzerorientierte Qualität in der digitalen Werbung sein, also hochwertige Werbemittel und wirkungsstarke Kreationen in Kombination mit intelligenter, Relevanz erhöhender und beim Werbedruck reduzierbarer Media-Aussteuerung. An diesen Themen arbeiten wir bereits seit Jahren – jetzt auch gemeinsam mit Partnern im Rahmen der 4Q-Initiative. Und Freemium-Angebote setzen wir bei Web.de und GMX seit über zehn Jahren um: Wir bieten den Nutzern unserer Dienste seit Anbeginn die Wahl zwischen kostenlosen Angeboten mit Werbung und kostenpflichtigen Premiumangeboten mit Zusatzleistungen und ohne Werbung.

Heiko Genzlinger, Geschäftsführer Yahoo Deutschland

Heiko Genzlinger
Heiko Genzlinger
Wir sind überzeugt, dass einem über Werbung finanzierten Premiumangebot die Zukunft gehört. Für Werbefreiheit zu bezahlen, ist ein praktikabler Ansatz, der ja auch in einzelnen Produkten wie Yahoo Mail bei uns Anwendung findet. Die große Masse der Nutzer akzeptiert für ein kostenfreies hochwertiges und relevantes Angebot auch Werbeeinblendungen. Hier schließt sich vielmehr die Fragestellung an, wie Werbung gestaltet sein muss und wie Marken und ihre Produkte in ein Content-Angebot integriert werden können, so dass Werbung vielmehr informativ, relevant, ansprechend oder auch unterhaltsam ist und in jedem Fall nicht als störend empfunden wird.

Markus Letzner, COO Chip Online

Markus Letzner
Markus Letzner
Ich würde hier nicht direkt von einem Wettrüsten sprechen. Allerdings reagieren Ad Blocker mittlerweile sehr schnell auf Veränderungen der Webseiten und stellen sich dementsprechend darauf ein. Unser Anspruch ist, hochqualifizierte Inhalte gratis im Web zur Verfügung zu stellen, und Ad Blocker bedrohen natürlich den freien Zugang zu den Daten. Allerdings sind nicht alle unsere Geschäftsmodelle betroffen; für den Chip Online Preisvergleich etwa sind Ad Blocker kein direktes Thema. Mittelbar wiederum schon, wenn redaktionelle Beratungsleistung irgendwann nicht mehr gewährt werden kann.

Jens Ihlenfeld, Geschäftsführer Golem.de

Jens Ihlenfeld
Jens Ihlenfeld
Ich glaube nicht, dass ein Wettrüsten zwischen Site-Betreibern und Vermarktern sinnvoll ist. Es kann nicht das Ziel sein, Nutzern gegen ihren ausdrücklichen Willen mit technischen Tricks Werbung vorzusetzen und dann zu erwarten, dass sie darauf positiv reagieren. Vielmehr müssen beide Seiten abrüsten, zu einem Miteinander kommen. Nach unserer Erfahrung steht ein sehr großer Teil der Nutzer werbefinanzierten Angeboten sehr positiv gegenüber. Das hat sich auch im Rahmen des Aufrufs gezeigt, auf den wir allein rund 3.300 Kommentare erhalten haben. Und auch bei einer Umfrage mit rund 20.000 Teilnehmern, die wir in diesem Rahmen durchgeführt haben, hat sich die große Mehrheit für ein werbefinanziertes Modell ausgesprochen und erklärt, dabei auf Ad Blocker zu verzichten. Natürlich gibt es auch einige, die auch die bei uns verwendeten Werbeformen für zu aufdringlich halten und sich gegen jede Form von Animation aussprechen. Das ist aber, soweit wir das beurteilen können, eine eher kleine Gruppe, von der ein großer Teil seine Zahlungsbereitschaft zum zum Ausdruck gebracht hat.
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