UEFA schummelte bei Löws Balljungen-Neckerei

Freitag, 15. Juni 2012
Die Szene wurde bereits vor dem Spiel aufgezeichnet (Screenshot: Youtube)
Die Szene wurde bereits vor dem Spiel aufgezeichnet (Screenshot: Youtube)
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So entspannt hat man Jogi Löw selten bei einem wichtigen Spiel gesehen: In der 22. Minute des Spiels gegen die Niederlande sahen Millionen Fernsehzuschauer, wie der deutsche Bundestrainer einem Balljungen den Fußball unter dem Arm wegstupste und sich sichtlich über seinen Scherz amüsierte. Nun bestätigte die UEFA, dass die Szene bereits vor dem Spiel aufgezeichnet wurde. Über die Gründe kann man nur spekulieren. Als Jögi Löw nach dem Spiel von ZDF-Reporter Michael Steinbrecher auf die Szene angesprochen wurde, antwortete der Bundestrainer: "Das war irgendwie vor dem Spiel". Mittlerweile hat die UEFA gegenüber Stern.de bestätigt, dass sich die Szene bereits vor dem Spiel zugetragen hatte und aufgezeichnet wurde. Warum Löws Scherz dann im Spiel beim Stand von 0:0 von der UEFA ins sogenannte Weltbild, das alle Sender weltweit übernehmen, montiert wurde, ist unklar.

Eine Sprecherin des ZDF sagte gegenüber Stern.de lediglich: "Die Bilder kommen von einer Produktionsfirma, die im Auftrag der Uefa arbeitet. Wir haben da keinen Einfluss darauf." Der Sprecher der deutschen Nationalmannschaft wollte sich zu dem Vorgang nicht äußern.

Allerdings passt die manipulative Regie der von der UEFA beauftragten Produktionsfirma ins Bild: Die UEFA bemüht sich nach Kräften, das Bild einer perfekten und harmonischen Euro 2012 aus Polen und der Ukraine zu transportieren. Ein entspannter und zu Scherzen aufgelegter Trainer kommt da sehr gelegen. Bengalos oder Feuerwerkskörper in den Fanblöcken bekommen die Zuschauer dagegen nicht zu sehen. Auch die Transparente der Grünen-Abgeordneten, die beim Spiel gegen die Niederlande im Stadion auf die politischen Verhältnissen in der Ukraine aufmerksam machen wollten, wurden nicht von der Kamera eingefangen. Hätte der ZDF-Kommentator Bela Réthy die Szene nicht erwähnt, wäre die Aktion für die Fernsehzuschauer unsichtbar geblieben - im wahrsten Sinne des Wortes.

Bei Youtube hat sich der Clip von Löws Neckerei inzwischen zum Hit entwickelt: Die Szene wurde rund 20 mal bei dem Videoportal hochgeladen und insgesamt weit über eine Million mal angeklickt. Auch im polnischen Fernsehen wurde über Löws Scherz berichtet. Ob von der UEFA beabsichtigt oder nicht: Der kleine Trick der Regie hat seine Wirkung nicht verfehlt.

Update: Am Freitagnachmittag haben sich ARD und ZDF zu den Vorwürfen gegen die UEFA geäußert. Jörg Schönenborn, WDR-Chefredakteur Fernsehen und ARD-Teamchef Fernsehen für die UEFA EURO 2012 gibt sich diplomatisch: Die Kritik an der UEFA sei "insgesamt überzogen". Er betont allerdings: "Natürlich wäre für uns jede Form von Zensur oder Manipulation nicht tragbar. Gerade deshalb haben wir gegenüber der UEFA sehr deutlich gemacht, dass das deutsche Publikum erwartet, dass live drin ist, wenn live drauf steht. Live ist live und muss live bleiben."

ZDF-Chefredakteur Peter Frey wird in seiner Wortwahl deutlicher: "Wir haben bei der UEFA moniert, dass tatsächlich der Anschein erweckt wurde, es handele sich um Live-Bilder. Das entspricht nicht unseren journalistischen Standards. Wir erwarten von der UEFA, dass sie uns künftig darauf hinweist, ob sie während einer Live-Übertragung aufgezeichnetes Material verwendet." dh
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