Traum von Freiheit Die beherzte Geschichte der "Emotion"-Verlegerin Katarzyna Mol

Freitag, 01. Juni 2012
Die Autobiographie von Mol ist im Ludwig Verlag erschienen
Die Autobiographie von Mol ist im Ludwig Verlag erschienen

Intime Einblicke: Wer mit 38 Jahren eine Autobiographie veröffentlicht, der ist entweder ein Show-Mensch mit einer gewissen Hybris - oder hat wirklich etwas zu erzählen. Bei Katarzyna Mol gilt letzteres. Die Zeitschriftenverlegerin ("Emotion", "Hohe Luft") war 1981, als 7-Jährige, mit ihrer Mutter, der als Mitglied der verbotenen Gewerkschaft Solidarnosc in Polen die Verhaftung drohte, nach München geflohen. Beide konnten kein Wort Deutsch. Die beiden beißen sich durch, Katarzyna Mol studiert Jura, promoviert, geht zu Gruner + Jahr, ist dort maßgeblich an der Entwicklung und am Launch des Anfang 2006 gestarteten Frauenmagazins "Emotion" beteiligt, durchlebt damit unter dem Dach des Großverlags mehr Tiefen als Höhen - und kauft G+J den Titel Ende 2009 im Rahmen eines Management-Buy-out (MBO) beherzt ab. Gründet Ende 2011 zusätzlich noch das Philosophiemagazin "Hohe Luft", heiratet, bekommt ein Kind, schreibt ihr Buch. Da kommt keine Langeweile auf.

Bei der Lektüre ihres Buches ("Mit dem Herz in der Hand"), für das Mol den Ludwig-Verlag aus der Bertelsmann-Buchsparte Random House gewinnen konnte, ebenfalls nicht. Für Medienleute besonders spannend sind jene Kapitel und Passagen, in denen sie ihre Zeit bei G+J schildert, das Hoffen und Bangen vor ihrem MBO - und ihre Befindlichkeiten und Gedanken jetzt als Verlegerin.

"Jeden Tag spüre ich, dass ich nun nicht mehr Verlagsmanagerin im Großkonzern mit vielen Möglichkeiten zum Delegieren bin, sondern mich mit vielen operativen Dingen auseinandersetzen muss, bis hin zur monatlichen Sicherstellung der Gehälter", schreibt Mol. Und läuft es mal nicht so rund, "erinnere ich mich immer daran, dass ich selbst mehr Verantwortung und Selbstbestimmung wollte und genau wusste, dass das auch mit mehr Risiko verbunden ist". Doch mittlerweile fühlt sie sich "beflügelt und darin bestärkt, dass uns bald der Durchbruch gelingen wird. Und so geht es in kleinen Schritten voran."

Kurze Rückblende 2007/2008: "Emotion" bleibt im Anzeigen- und Vertriebsmarkt weit hinter dem Business-Plan zurück. Bei den G+J-Chefs spürt Mol "einen Mangel an Überzeugung von dem Potenzial der Marke ,Emotion‘", die Unsicherheit dort wachse. Vielleicht fehle der Mut zu warten, bis sich das Blatt seinen Leserstamm erschlossen hat: Heutzutage würden schnelle Erfolge erwartet; "das Herz des Verlegers wird zu oft von dem des Kaufmanns übertönt".

Mol schreibt weiter: "Aufgrund vieler politischer Faktoren und des Einflusses einzelner Personen im Konzern, die sich für oder gegen die Zeitschriften des einen oder anderen Geschäftsführers oder Verlagsleiters stark machen", habe sie schnell gespürt: "Der Kampf ums Überleben beginnt." Und dann der Herbst 2008: Der damalige CEO Bernd Kundrun bereitet die G+J-Mitarbeiter in einem Brief, der schnell öffentlich wird, auf schwierige Zeiten und mögliche Titeleinstellungen vor. Die Fachpresse - auch HORIZONT - spekuliert über vielleicht betroffene Titel. Ganz oben auf diesen "Todeslisten": "Emotion", "Park Avenue" (kurz darauf eingestellt) und "Healthy Living" (2010 eingestellt). Mol beschreibt eindringlich diesen Nackenschlag: "Kein Anzeigenkunde möchte auf ein sterbendes Pferd setzen". Neu gewonnene Kunden fordern vom G+J-Vorstand für "Emotion" eine Bestandsgarantie - sonst wollen sie ihre Buchungen für 2009 zurückziehen. Doch diese Garantie kommt nicht. Der Wendepunkt: Bitte weiterscrollen ...


Kam 1981 als 7-Jährige nach Deutschland: Katarzyna Mol
Kam 1981 als 7-Jährige nach Deutschland: Katarzyna Mol

Ende November 2008: Mol sitzt nachts in der Küche ihrer Eltern - da wird ihr klar, "dass ich nicht mehr für etwas kämpfen möchte, über das andere entscheiden, die nicht wirklich wissen, was sie wollen". Gemeint ist wohl der damalige G+J-Vorstand, Kundrun und Deutschland-Boss Bernd Buchholz. Und auch von ihrem direkten Chef (gemeint ist der auch von ihr hoch geschätzte damalige Frauentitel-Geschäftsführer Volker Breid), für den sie bis dato fast zehn Jahre gearbeitet und von dem sie viel gelernt habe, müsse sie sich jetzt emanzipieren: "Das politische Geschick, das ein Konzern von einer Führungskraft erwartet, konnte er mir vielleicht nicht beibringen." Nein, sie möchte keine Konzernkarriere. In ihr reift der Plan: Anstatt dass G+J „Emotion" einstellt oder verkauft, möchte sie den Titel übernehmen.

Ende April 2009: Termin beim neuen CEO Buchholz (Kundrun war zum Jahreswechsel 2008/09 abgetreten). Mol schildert das Gespräch so, dass man Buchholz förmlich reden hört („Ich finde Deinen Vorschlag wirklich sportlich"). Und ob sie es ernst meine. Ja, meint sie. Buchholz gibt ihr zwei Monate Zeit, Geldgeber zu finden. Parallel sucht G+J eigene, andere Investoren. „Am Ende ist es dann ganz einfach: Das bessere Angebot gewinnt", so Buchholz.

Und Mol sucht. Sie braucht über eine Million Euro. Ohne nennenswertes eigenes Kapital und Kreditsicherheiten. Spricht zunächst vergeblich vor bei Banken („In diesem Moment wäre ich gerne eine Tochter aus reichem Hause"), Privatinvestoren, Kapitalbeteiligungsgesellschaften - und das mitten im Medien- und Print-Krisenjahr 2009. Am Ende wird sie es schaffen.

Bis ihr MBO unterzeichnet wird, gibt es noch zwei Rückschläge: Zunächst will ein Verlag - gemeint ist offenbar Klambt - mit „Healthy Living" und „Emotion" G+J gleich zwei „Problemfälle" abkaufen; Mol wäre aus dem Spiel gewesen. Und dann gibt es noch eine anonyme Verleumdung eines Insiders, der die Übernahme verhindern will. Am 18. November kann G+J den Täter überführen; einen Tag später kommt die entscheidende Kreditzusage (für den Fall, dass diese nicht gekommen wäre, war die G+J-Pressemitteilung zur Einstellung von "Emotion" bereits vorbereitet). Am 20. November unterzeichnet Mol den Kaufvertrag. Und ist nun Verlegerin. Kurz danach positioniert sie "Emotion" bereits um. Und dankt am Ende ihres Buches G+J "für den Mut, dem MBO zuzustimmen".

Das alles liest sich hoch spannend - und macht doch nur einen kleinen Teil ihres Buches aus. Dessen Untertitel trifft den Kern und das Herz des Lesers: "Eine Geschichte über die Freiheit, das Glück, meine Mutter und mich". Mol schildert teils frappierend privat ihr entfremdetes Verhältnis zum labilen, früh verstorbenen Vater; die Flucht aus Polen; die ersten Schritte im fremden Deutschland; später ihre Selbstzweifel, Gedanken-Karusselle, Traurigkeitsschübe und Albträume als Heranwachsende und Studentin; Phantasien und später Männergeschichten zwischen Freiheitsdrang und Gefallenwollen; den Tod Angehöriger; den eigenen Krankenhausaufenthalt mitten im Launch von "Emotion"; die Annäherung an ihren heutigen Mann ("Gala"-Anzeigenleiter Jonas Wolf); kleine Niederlagen und Versagensängste - und, immer wieder, Vergleiche mit ihrer "fleißigen Übermutter": "Ich frage mich, ob ich ihr jemals das Wasser reichen kann." Vielleicht ist das ihr Hauptantrieb: Ihre bewunderte Mutter nicht zu enttäuschen.

Das zentrale Anliegen ihres Buches: Menschen Mut zu machen, an sich zu glauben und unbeirrt den eigenen Weg zu gehen. "Alles ist möglich, wenn man voller Überzeugung dafür kämpft", schreibt Mol. Bei diesem Kampf wünscht man ihr weiterhin viel Glück und Erfolg, schon vor der Lektüre ihres Buches. Und jetzt, danach, umso mehr. rp

Meist gelesen
stats