Trash-TV: Die Macher über ihre Erfolgsformate

Donnerstag, 04. Oktober 2012
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Wer sich als Bildungsbürger gruseln will, findet im Nachmittagsprogramm von RTL und Sat 1 reichlich Gelegenheit dazu. Das Genre "Scripted Reality" bringt zum Teil schlimme Ergebnisse, die vor Peinlich- und Geschmacklosigkeiten strotzen. Die Frage ist, ob die Programmchefs es nicht übertreiben und zu viele solcher Formate ins Programm heben. HORIZONT.net hat bei RTL, Sat 1, Vox und RTL 2 nachgefragt.

Holger Andersen, Programmdirektor RTL 2

Formate (Auswahl): „Berlin - Tag & Nacht", „Die Geissens", „Die Kochprofis", „Frauentausch", „Extrem schön", „Zuhause im Glück"

Welche Bedeutung haben Reality-TV-Formate für RTL 2?
Sie haben eine große Bedeutung, weil sie mehrere Vorteile verbinden: RTL 2 kann schnell und effizient die Versorgung mit eigenproduzierten Programmen gewährleisten und dabei gleichzeitig experimentierfreudig sein. Tatsächlich hat es bei aufwendig produzierter Fiction oder teuren Shows ja lange Zeit keine echten Innovationen mehr gegeben. Aufgrund hoher Kosten scheuen die Sender inhaltliche oder konzeptionelle Risiken. Bei Reality-Formaten darf auch mal etwas schiefgehen. Hinzu kommt, dass erfolgreiche Programmmarken wie „Berlin - Tag & Nacht", „Die Geissens" und viele weitere dem Sender ein Alleinstellungsmerkmal liefern und ihn im Wettbewerb identifizierbar machen, wie es Lizenzprogramme kaum können.


Auf welche Trends setzen Sie in den nächsten Jahren? Es gibt keine Genre-Varianten, die RTL 2 zur Gänze abschreiben würde. Es kommt immer auf das einzelne Format an. Neben notwendigen Innovationen stehen auch immer lange laufende Klassiker, die selbst nach vielen Jahren keine Ermüdungserscheinungen zeigen. Beispiele sind „Die Kochprofis", „Frauentausch", „Extrem schön", „Zuhause im Glück". Wir werden auch in Zukunft alle Formen des Genres besetzen. Besonders interessant sind für uns derzeit Scripted-Reality-Formate wie „Die Zollfahnder" und „Privatdetektive" sowie die Doku-Serien „Berlin - Tag &
Nacht" und „X-Diaries". Ende 2012 und 2013 wird RTL 2 viele neue eigenproduzierte
Reality-Formate starten. So haben wir gerade angekündigt, mit „Köln 50667" ein weiteres Format auf Sendung zu bringen.


Was sind die entscheidenden Komponenten für ein erfolgreiches Reality-Format? Das lässt sich nicht generell sagen, da die Unterformen des Genres sehr unterschiedlich sind - auch was den Grad der Inszenierung angeht. Es ist wichtig, hier mit offenen Karten zu spielen, denn der Erfolgsfaktor, der alle Reality-Formate verbindet, ist Authentizität. Das vor allem erwarten die Zuschauer. Das bedeutet zum Beispiel bei Doku-Soaps: Die Personen und Situationen sind echt und aus dem wirklichen Leben. Bei Scripted-Formaten wiederum sind zwar Charaktere und Handlungsabläufe inszeniert, aber sie müssen glaubhaft sein. Eben nicht das, was in deutschen TV-Serien und -Filmen üblicherweise zu sehen ist: schöne Menschen, die in Altbauvillen leben und druckreif daherreden.
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Sascha Naujoks, Senior Vice President Reality TV, Pro Sieben Sat 1

Formate (Auswahl): „Julia Leischik sucht: Bitte melde dich", „The Biggest Loser", „Die strengsten Eltern der Welt", „Schwer verliebt". Außerdem diverse Talkshows, Gerichtsshowsund Crime Soaps zwischen 10 und 19.30 Uhr.


Wie lautet die strategische Ausrichtung von Sat 1 im Bereich Reality-TV? Das Genre Reality ist schon seit über zehn Jahren vor allem für die Zeit zwischen 10 und 19.30 Uhr ein fester Bestandteil im Sat-1-Programm. Zudem haben wir vor einem Jahr Doku-Soaps am Sonntagvorabend eingeführt und unter anderem mit „The Biggest Loser" die ersten großen Erfolge erzielen können. Bisher haben Reality-Formate also hauptsächlich in der Daytime und der Access Prime ihren Platz. Mittelfristig wollen wir damit natürlich auch in die Primetime.

Stimmen Sie der These zu, dass Reality-TV seinen Zenit überschritten hat? Nein, im Gegenteil. Reality-Formate sind seit einem Jahrzehnt nicht mehr aus dem deutschen Fernsehen wegzudenken. Und auch in anderen TV-Märkten ist das Genre beim Publikum nach wie vor sehr beliebt und wird sogar noch ausgebaut. Reality muss sich - wie die anderen Programmfarben auch - stetig weiterentwickeln. Eine dieser neueren Entwicklungen ist die Reality-Soap. Hier dürften in der nächsten Zeit einige Formate den deutschen TV-Markt bereichern. Nahezu jedes Format kommt aber irgendwann in die Jahre, das ist ein ganz natürlicher Prozess und betrifft nicht nur Reality-Formate, sondern eigentlich alle Genres. Die Frage ist: Wie kann man bei bestimmten Formaten diesen Trend verlangsamen und was sind die Trends von morgen? Dann gibt es auch Formate, die wie guter Wein reifen und von Staffel zu Staffel mehr Zuschauer erreichen. Ein gutes Beispiel hierfür ist „The Biggest Loser", das in der letzten Staffel neue Marktanteilsrekorde erreicht hat.


Wie sehen Ihre Pläne für die kommenden Monate aus? Wir müssen Sat 1 im Reality-Bereich breit aufstellen, denn die Zuschauerbedürfnisse ändern sich. Wir beobachten die Trends im In- und Ausland und haben uns bereits einige Erfolgsformate sichern können. Zudem entwickeln wir gemeinsam mit deutschen Produzenten neue Formate in allen Subgenres. Unter anderem arbeiten wir an vielversprechenden neuen Sendungen von und mit Julia Leischik. Am 15. Oktober starten wir mit den neuen Folgen von „Pures Leben" um 17 Uhr. Hier wird Sat 1 eine Pionierrolle im Bereich der Daily Scripted Reality übernehmen. So testen wir unter dieser Dachmarke verschiedene Farben für neue Dailys, unter anderem den ersten täglichen Liebesroman. Zudem drehen wir derzeit unter anderem neue Staffeln unserer beliebten Doku-Soaps „Julia Leischik sucht", „Die strengsten Eltern der Welt" und „The Biggest Loser". Neue Folgen gibt es in diesem Jahr auch von „Liebesalarm" mit Andrea Goepel und „Schwer verliebt" mit Britt Hagedorn. Daneben arbeiten wir für die Daytime und Access Prime an neuen Ideen, die wir nach und nach testen und weiterentwickeln.


Was sind die entscheidenden Erfolgsfaktoren für ein Reality-TV-Format? Die Zuschauer müssen mit den Protagonisten mitfiebern können: mitleiden, aber sich vor allem natürlich auch mitfreuen können. Die Geschichten müssen klar und verständlich und spannend erzählt sein. Am Ende muss es unseren Zuschauern ein wenig besser gehen, die Alltagsnöte idealerweise vergessen sein. Zudem brauchen erfolgreiche Formate starke Hosts. Hier setzen wir in Sat 1 auf einen ausgewogenen Moderatoren-Mix von altbekannten und neuen Sendergesichtern.
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Jan-Peter Lacher, Bereichsleiter Programmplanung RTL

 
Formate (Auswahl): „Raus aus den Schulden", „Rach, der Restauranttester", „Christopher
Posch - Ich kämpfe für Ihr Recht", „Helena Fürst - Anwältin der Armen"; „Bauer sucht Frau", „Schwiegertochter gesucht", „Entführt - gib mir mein Kind zurück", „Undercover Boss"


Welche Rolle spielt Reality-TV für Ihren Sender? In unserem Programmmix ist
neben Show, Information, Fiction, Comedy und Sport auch der Bereich Real Life eine wichtige Programmfarbe. Die Bandbreite des Genres reicht von konkreten Hilfestellungen im Alltag (zum Beispiel „Raus aus den Schulden") über leichtere zwischenmenschliche Themen (zum Beispiel „Bauer sucht Frau") bis hin zu hoch emotionalen Ansätzen (zum Beispiel „Vermisst"). Entscheidend sind immer die Themen selbst und die aktuelle Relevanz für die Zuschauer, aber natürlich auch die Glaubwürdigkeit, Kompetenz und Authentizität von Charakteren wie Peter Zwegat, Christian Rach oder Christopher Posch.


Reality-TV hat seinen Höhepunkt überschritten. Richtig? Nein, wie der Zuspruch auch deutlich zeigt. Wie in anderen Programmgenres auch wechseln sicher die Themen in ihrer Bedeutung für das Publikum. Auch die Umsetzung entwickelt sich weiter. Unsere Aufgabe ist es, den Zuschauerbedürfnissen zu folgen, inhaltlich und in der Form der Darstellung. Was hat zuletzt gut funktioniert, welche Formate blieben hinter den  Erwartungen zurück? Wir freuen uns über den Erfolg der gerade abgelaufenen Staffel des eher jungen Formats „Undercover Boss" und auch das von uns entwickelte Format mit Christopher Posch hat gezeigt, dass der Schritt von 19.05 Uhr in die Primetime richtig war. Auch schon lange laufende Formate wie „Schwiegertochter gesucht" oder „Rach, der Restauranttester" finden weiterhin großen Zuspruch, da wir sie ständig weiterentwickeln. Und wir sind sehr gespannt auf die neuen Themen und Ansätze, die wir in dieser Saison imBereich Real Life auf den Bildschirm bringen werden. Formate wie „Helfer mit Herz" oder „Jugendliebe" haben sich in den letzten Monaten als angreifbar erwiesen, sodass wir auch hier in die Weiterentwicklung und kritische Auseinandersetzung mit den Themen gehen.


Woran arbeitet RTL aktuell im Bereich Reality-TV? Wir produzieren momentan das Format „Rach deckt auf", in dem es um das Angebot in Schulkantinen, unseren Umgang mit Lebensmitteln und auch um Lebensmittellügen und -skandale geht. Daneben kehren wir das bisher gängige Coaching-Prinzip komplett um: In „Die Zuschauer" hilft nicht ein Experte mit Rat und Tat, sondern es sind die Zuschauer - 50 komplett verschiedene Menschen, die einem Einzelnen bei einer wichtigen Entscheidung ihre Lebenserfahrung zur Verfügung stellen. Gespannt sind wir auch auf „Ärztepfusch? Dr. Gardain mischt sich ein" - ein hoch aktuelles Format, bei dem es um möglichen Ärztepfusch und den richtigen Umgang mit Patienten geht.


Wie lauten die Erfolgsfaktoren für Reality-Formate? Die Relevanz des Themas für die Zuschauer, unbedingt glaubwürdige, authentische und kompetente Coaches sowie eine moderne, handwerklich hochwertige Umsetzung.
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Kai Sturm, Chefredakteur Vox

Formate (Auswahl): „Das perfekte Dinner", „Mieten, Kaufen, Wohnen", „Der Hundeprofi", „Shopping Queen"; Personality-Dokus mit Daniela Katzenberger und Harald Glööckler


Stimmen Sie der These zu, dass Reality-TV seinen Zenit überschritten hat? Das sehen wir überhaupt nicht so. Bei richtiger Pflege und Weiterentwicklung dieser Programmfarbe wird sie noch lange Teil des Spektrums bei Vox sein.


Welche Formate funktionieren aktuell besonders gut?
Die „Shopping Queen" mit Guido Maria Kretschmer ist eine Neuprogrammierung, über die wir sehr glücklich sind. Mit „4 Hochzeiten und eine Traumreise" wollen wir diesen Weg weitergehen. Aber auch mit handwerklich gut gemachten nacherzählten Geschichten sind wir erfolgreich. Unser Markenzeichen ist dabei, dass Experten aus den einzelnen Fachgebieten die nacherzählten Fälle einordnen und Tipps für den Zuschauer geben. Das können Juristen sein, Psychologen oder auch Polizeibeamte wie in „Schneller als die Polizei erlaubt."


Auf welche Trends setzen Sie für die nächsten Jahre? Wir sind sehr breit aufgestellt. Sie finden bei Vox Personality-Dokus mit Harald Glööckler oder Daniela Katzenberger, Coaching-Formate mit Martin Rütter oder Panagiota Petridou oder auch Magazine wie „Prominent!" und „Auto Mobil". Diese Bandbreite könnte man als Trend beziehungsweise Strategie bei uns sehen und nicht die Spezialisierung auf eine Formatgattung. Dem Zuschauer bieten wir so ein sehr facettenreiches Programm in einer voxigen Tonalität.


Was zeichnet Ihrer Meinung nach ein gutes Reality-TV-Format aus, das beim Publikum ankommt? Das kann man so pauschal gar nicht beantworten, weil so viele verschiedene Formate unter diesen Sammelbegriff fallen, die alle eine eigene Dramaturgie und ihren ganz eigenen Charakter haben. Wichtig ist vor allem gutes Handwerk, eine Erzählweise, die authentisch und spannend ist - und bei Vox gehört auch immer ein humoriges Augenzwinkern dazu.
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