"Topmodels" im HORIZONT-Check: Warum die Heidi-Klum-Maschinerie ins Stottern gerät

Freitag, 24. Februar 2012
Die Jury: Thomas Hajo, Heidi Klum und Thomas Rath (v.l.; Foto: ProSieben/Oliver S.)
Die Jury: Thomas Hajo, Heidi Klum und Thomas Rath (v.l.; Foto: ProSieben/Oliver S.)


Zum mittlerweile siebten Mal sucht Heidi Klum mittlerweile nach „Germany’s next Topmodel“ – und langsam scheint es dem Publikum zu reichen: Die Quoten der Auftaktsendung sind so schlecht wie seit Jahren nicht mehr. Schuld daran ist die Absehbarkeit der Show - und die neue Seriosität, die die deutsche Castinglandschaft ergriffen hat.

Problem 1: Wo sind die Überraschungen?

Alles schon mal gesehen“ – das ist das schale Gefühl, das von der ersten Folge der Topmodel-Suche gestern Abend übrig bleibt. Wirkliche Überraschungen blieben aus, stattdessen wiederholten sich Szenen aus den vergangenen Staffeln: Das aufgesetzte „Hallo“ und übertriebene Lachen von Heidi Klum, das beinahe so wirkt, als sitze an ihrer Stelle ein Roboter auf dem Jurystuhl. Die (oft schlechten) Witze von Thomas und Thomas, die immerhin bereits zum zweiten Mal neben Heidi sitzen dürfen. Die Superlative des Moderators, der „die schönsten Mädchen" und "die beste Jury“ anpries. Und mit Melek, die nach krankheitsbedingtem Ausscheiden in diesem Jahr erneut teilnehmen durfte, gab es sogar ein Wiedersehen mit einer der ehemaligen Kandidatinnen. Insgesamt eine Mischung, die eher langweilte als für Spannung sorgte.

Auch bei den Charakteren fehlte es an Überraschung: Wie gehabt gibt es mit Sara eine (vor-)laute, anstrengende Kandidatin, die ihre Brüste lobt und allen Teilnehmerinnen Mediengeilheit unterstellt (vergleiche Staffel drei, Gina-Lisa). Dank Michelle Luise auch mit dabei: Ein wunderschönes Mädchen, das jedoch schon fast unerträglich gut gelaunt ist (vergleiche Staffel sechs, Amelie). Und dann wäre da noch Shawny, die sogleich als "Rockerin" abgestempelt wurde (vergleiche Staffel vier, Larissa). Sicherlich, unter den 51 Kandidatinnen gibt es eine Menge wahnsinnig gutaussehender Mädchen – aber ein echtes Persönlichkeits-Highlight fiel auf den ersten Blick nicht auf.

Highlight: Die Modenschau mit den Kreationen von Guido Maria Kretschmer (Foto: Pro Sieben)
Highlight: Die Modenschau mit den Kreationen von Guido Maria Kretschmer (Foto: Pro Sieben)
Das bedeutet jedoch nicht, dass die Sendung gar kein Highlight hatte: Die Modenschau, bei der die Kandidatinnen für Designer Guido Maria Kretschmer laufen durften, war eindeutig ein Lichtblick. Jedoch war es nicht das unglaubliche Talent der Mädchen, das diesen Teil der Show so besonders machte, sondern die atemberaubend schönen Kleider, die sie am Leibe trugen. Denn auch hier überwog die Absehbarkeit: Natürlich gab es ein Mädchen, das nicht laufen konnte, aber trotzdem eine Runde weiter durfte, und auch der große Stolperer fehlte selbstverständlich nicht.

Problem 2: Castingshows gewinnen an Seriosität

Heidi-Konkurrentinnen Karolina Kurkova und Eva Padberg (Foto: VOX/Lado Alexi)
Heidi-Konkurrentinnen Karolina Kurkova und Eva Padberg (Foto: VOX/Lado Alexi)
In den vergangenen Wochen hat sich dank Shows wie „The Voice of Germany“ (Pro Sieben/Sat 1) und „X Factor“ (Vox) zudem gezeigt, dass sich bei der Suche nach Gesangstalenten Qualität und Seriosität auszahlt: Hier stand das Talent der Teilnehmer, nämlich ihre Stimme, im Vordergrund – und nicht ihre persönliche Lebensgeschichte der Kandidaten. Krawallsendungen wie „Deutschland sucht den Superstar“ hingegen verlieren an Zuschauern – und an Ansehen.

Ähnlich sieht es nun auch im Modelbereich aus: Mit „Das perfekte Model“ (Vox) hat Heidi Klum erstmals Konkurrenz bekommen. Eva Padberg und Karolina Kurkova zeigen, wie man es besser machen kann: Sie beschäftigen sich wirklich mit den Kandidatinnen, statt nur aufzutauchen, wenn die Entscheidung über Weiterkommen oder Heimfahren ansteht. Sie üben mit den Mädchen, geben Tipps, zeigen Nähe. Heidi Klum hingegen bleibt auf Abstand – und gibt sogar gegen Ende der ersten "Topmodel"-Folge zu, sich bei so vielen Mädchen nicht einmal die Namen richtig merken zu können.

So bekommt man als Zuschauer das Gefühl, dass bei „Germany’s next Topmodel“ die Inszenierung der Kandidatinnen im Vordergrund steht – und nicht die Suche nach einem Mädchen, das tatsächlich im Anschluss an die Sendung auf internationalen Laufstegen zu sehen sein könnte. Wenn Sara mit Ratte auf der Schulter das Casting betritt und Laura beim Fußballtraining gezeigt wird, um anschließend bescheinigt zu bekommen, wie ein Kerl zu laufen, geht es nicht um Qualität und Seriosität – sondern um den größtmöglichen Show-Effekt. In den vergangenen Jahren mag das kein Problem gewesen sein, aber mittlerweile wissen die Zuschauer, dass es auch anders geht - und zwar besser.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, warum sich Pro Sieben trotz Primetime-Sieg nicht über die Quoten von "Germany's freuen wird

Schöne Mädchen - aber erinnert sich in zwei Jahren noch wer an sie? (Foto: ProSieben/Oliver S.)
Schöne Mädchen - aber erinnert sich in zwei Jahren noch wer an sie? (Foto: ProSieben/Oliver S.)

Problem 3: Die Quoten sinken

Sicher: Mit drei Millionen Zuschauern spielen die Topmodels noch immer in der oberen Liga mit. Mit einem Marktanteil von 17,5 Prozent bei den 14- bis 49-Jährigen sicherte sich die Sendung gestern den Primetime-Sieg - und legte dennoch den schlechtesten Staffelstart seit 2006 hin. Auch im Vergleich zum Auftakt der letzten beiden Staffeln, die insgesamt nicht allzu erfolgreich liefen, hat sich die Pro-Sieben-Show in diesem Jahr nochmal verschlechtert: 2011 schaffte es Heidi bei der ersten Folge auf 18,5 Prozent Marktanteil und selbst die bislang schlechteste fünfte Staffel startete noch mit 18 Prozent.

Seit dem Rekorderfolg der vierten Staffel, die durchschnittlich 24,2 Prozent der jüngeren Zuschauer erreichte, befindet „Germany’s next Topmodel“ im Sinkflug. Der bisherige Tiefpunkt war die fünfte Staffel, die im Schnitt 18,1 Prozent Marktanteil bei den 14- bis 49-Jährigen holte. 2011 erholte sich das Format ein wenig und erreichte durchschnittlich 18,9 Prozent der jüngeren Zuschauer. Doch auch wenn die Quoten sinken, darf man trotzdem nicht vergessen, dass das Format weiterhin zu den erfolgreichsten bei Pro Sieben gehört. Zum Vergleich: 2011 erreichte Pro Sieben einen Senderschnitt von 11,7 Prozent in der Zielgruppe – und Heidis Modelsuche lag selbst zu schlechten Zeiten stets darüber.

Fazit

Dennoch: Von ehemaligen Erfolgswerten ist die Show weit entfernt und das nicht nur quotenmäßig. Die Siegerinnen verschwinden mittlerweile in der Versenkung – wer waren noch mal Alisar oder Jana? – während Lena Gercke (Staffel eins) und Sara Nuru (Staffel vier) immerhin noch ab und an in Werbekampagnen oder auf Laufstegen auftauchen. Überraschungen in den (zu stark inszeniert wirkenden) Folgen sowie bei den Persönlichkeiten der Kandidatinnen bleiben aus und auch von der Nähe der Jury zu den Modelaspirantinnen ist nichts zu sehen. Im Umfeld von Shows wie „The Voice“ und „Das perfekte Model“ fällt das natürlich auf – und so wirkt Heidis Topmodel-Suche immer mehr wie ein Relikt aus der Hochzeit der Castingshows, das die Qualitätsoffensive und die Entwicklung hin zu mehr Seriosität verpasst hat. sw

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