Til Schweiger und die Medien: Anatomie einer zerrütteten Beziehung

Freitag, 08. März 2013
Til Schweiger hat ein schwieriges Verhältnis zur Kritik (Foto: NDR)
Til Schweiger hat ein schwieriges Verhältnis zur Kritik (Foto: NDR)
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Das mediale Echo auf die Verpflichtung von Til Schweiger als Hamburger "Tatort"-Kommissar war enorm – noch nie wurde schon im Vorfeld so viel und ausführlich über einen neuen "Tatort" geschrieben. Dabei zeugt die Berichterstattung von einem tief gespalteten Verhältnis zwischen Schweiger und den Medien. Für viele Kritiker ist der Regisseur und Schauspieler ein rotes Tuch – die entsprechenden Reflexe auf seine neue Rolle ließen nicht lange auf sich warten. Allerdings ist Schweiger an der Situation alles andere als unschuldig.
Til Schweiger und die Medien werden in diesem Leben keine dicken Freunde mehr. Seit Ende 2011 bekannt wurde, dass der Schauspieler die Nachfolge von Mehmet Kurtulus als Hamburger Tatort-Ermittler antritt, wurde jede noch so kleine Information zu dem neuen Krimi begierig aufgesogen und ausgewalzt. Selbst Schweigers beiläufige Kritik an dem antiquierten Vorspann der Reihe sorgte für einen mittelschweren Sturm im Blätterwald.

Bei der ARD beobachtet man das enorme Medienecho mit gemischten Gefühlen: "Mit unserem ersten Til Schweiger-"Tatort" haben wir eines schon erreicht: Die Leute reden darüber", schreibt NDR-Intendant Lutz Marmor in der Pressemappe zum "Tatort: Willkommen in Hamburg", schränkt aber ein: "So willkommen war der erfolgreiche Kinomann Schweiger beim ehrwürdigen Tatort zumindest in der Kritikerzunft nicht allen." Drehbuchautor Christoph Darnstädt wird deutlicher: "Das Maß an Vorverurteilungen und Beißreflexen, die auf Til Schweiger und das Projekt niedergeprasselt sind, finde ich erschreckend."

Spiegel Online veröffentlichte nach der ersten Pressevorführung in Hamburg ein Interview mit Schweiger, dem die Antipathie zwischen Star und Interviewer deutlich anzumerken war: "Glückwunsch, Herr Schweiger. Nachdem Sie zu einem der mächtigsten Männer des deutschen Kinos aufgestiegen sind, machen Sie sich jetzt auch noch in der ARD breit", eröffnete Christian Buß das Gespräch, um den Krimi kurz darauf als "Aufguss Ihrer Kinofilme 'Schutzengel' und 'Kokowääh'" zu schmähen. Schweiger reagierte verständlicherweise patzig.

Ein wesentlicher Grund für das angespannte Verhältnis von Schweiger und der "Kritikerzunft" sind die Reaktionen auf Schweigers erste alleinige Regiearbeit "Barfuss": Die Tragikomödie aus dem Jahr 2005 wurde vom Feuilleton genüsslich zerpflückt – der Regiedebütant reagierte dünnhäutig und verweigert Film-Journalisten seitdem die in der Branche üblichen Pressevorführungen. Einige Journalisten wiederum zahlen Schweiger seine Verweigerungshaltung seitdem ebenso kleinmütig mit Ignoranz und/oder vorhersehbar vernichtenden Besprechungen heim.

Erst kürzlich bekräftige Schweiger seine Haltung bei einer Podiumsdiskussion mit dem Argument, er müsse seine Filme "vor diesen Angriffen schützen, wenigstens bis einen Tag nach der Premiere". Kritik sei für ihn ein Serviceinstrument "so wie bei den Restauranttipps für die beste Pizza im Stadtmagazin". Dass sich ernstzunehmenden Kritikern bei solch einer Interpretation ihres Jobs die Nackenhaare aufstellen, ist nachvollziehbar. Hoffnung auf eine Entspannung des schwierigen Verhältnisses besteht wohl nicht: "Das Kind ist in den Brunnen gefallen", räumte Schweiger ein.

Erschwerend kommt sicherlich hinzu, dass die Grenzen zwischen der Privatperson Schweiger und seinen Rollen fließend sind. Der Archetypus seiner Figuren ist seit einigen Jahren stets der gleiche: Außen hart, innen zart. Typen, die verzweifelt versuchen, Beruf und Privatleben unter einen Hut zu bringen. Fast immer ist eines von Schweigers Kindern mit an Bord, auch für den "Tatort" stand Tochter Luna mit vor der Kamera. Auf die Frage, wie die familiäre Situation der "Tatort"-Figur Nick Tschiller, eines alleinerziehenden Vaters, entstanden ist, antwortete Schweiger: "Ich würde mal sagen das liegt auf der Hand." Dass er angesichts dieser engen Verquickung von Rolle und Privatleben Kritik an seinen Filmen und schauspielerischen Leistungen persönlich nimmt, verwundert nicht.

Dem Erfolg des "Tatort: Willkommen in Hamburg" wird das schwierige Verhältnis von Til Schweiger und den Medien indes nicht im Wege stehen, auch wenn alle Beteiligten versuchen, die hohen Erwartungen zu bremsen. "Das Projekt ist keineswegs eine Nummer sicher", mahnt NDR-Intendant Marmor. Alles andere als eine Zuschauerzahl im zweistelligen Millionenbereich wäre allerdings eine große Enttäuschung - vor allem für Til Schweiger. dh

Auch für den "Tatort" stand Tochter Luna mit Til Schweiger vor der Kamera (Foto: NDR)
Auch für den "Tatort" stand Tochter Luna mit Til Schweiger vor der Kamera (Foto: NDR)
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