Tiefe statt Breite: Stern.de baut Redaktion um und Stellen ab

Donnerstag, 02. September 2010
Stern-Geschäftsführer Thomas Lindner baut um
Stern-Geschäftsführer Thomas Lindner baut um

Das Nachrichtenportal Stern.de drückt die Reset-Taste und erfindet sich redaktionell neu: Die bisher zehn Ressorts werden Ende September aufgelöst und zu nur noch zwei Großressorts (Nachrichten, Wissen) zusammengelegt; dabei fallen auch Stellen weg. Inhaltlich will sich Stern.de auf die fünf bis sieben Top-Themen des Tages konzentrieren - und den Rest des Newsstroms nur als Meldung oder gar nicht mehr abbilden. Die ausgewählten Top-Themen dagegen sollen intensiver aufbereitet werden, teils auch mit Hilfe der Print-Redaktion. Dadurch erhofft man sich eine profilbildendere Choreographie und Interpretation des Tagesgeschehens - und eine Unterscheidung von anderen Nachrichtenportalen. Hartes Selektionskriterium soll stets die Tagesaktualität sein; eher zeitlose Geschichten werden auf Stern.de dann wohl nicht mehr auftauchen. "Wir geben die absolute Themenbreite auf zugunsten einer agileren Vertiefung der Top-Themen des Tages", textet Thomas Lindner, Geschäftsführer der G+J-Verlagsgruppe Stern/Geo/Art.

Doch die Umorganisation hat vor allem kaufmännische Gründe. Bisher ist nicht absehbar, dass Gruner + Jahrs Print-Flaggschiff im Internet jemals in die schwarzen Zahlen segelt. Wie bei vielen journalistischen Portalen stehen wegen Free-Content und niedriger Werbebuchungen und -preise aufgrund des Inventar-Überangebots im Netz auch bei Stern.de Erlöse und Kosten seit jeher im Missverhältnis. „Mit dem neuen Konzept möchten wir die journalistische Profilierung von Stern.de erhöhen und zugleich bei der Wirtschaftlichkeit weitere Schritte nach vorne gehen", formuliert Lindner.

Konkret: Etwa fünf Redaktionsstellen fallen weg. Dies soll in den kommenden Monaten durch Fluktuation geschehen; betriebsbedingte Kündigungen soll es keine geben. Damit schrumpft das Team um Stern.de-Chefredakteur Frank Thomsen auf etwas über 40 Personen. Zum Vergleich: 2008/2009 waren es noch rund 60 Köpfe.

Personalrückbau und inhaltliche Selbstbeschränkungen dürften es Thomsen und Lindner indes kaum leichter machen, ihre Ziele zu erreichen. Bei seinem Antritt bei Stern.de im August 2006 verkündete Thomsen, das Portal langfristig zum „führenden Onlinemagazin Deutschlands" ausbauen zu wollen. Um drei Jahre Internet-Erfahrung reicher klang Lindner im April 2009 schon deutlich bescheidener: "Wir sehen die gute Chance, uns nachhaltig an die Spitze des Verfolgerfeldes von Spiegel Online zu setzen."

Dort ist Stern.de noch nicht angekommen: Mit einer Nettoreichweite von monatlich 4,1 Millionen Usern rangiert das Portal hinter Sueddeutsche.de (5,7 Millionen), Welt.de (6,3) und Focus Online (7,5). Spiegel Online liegt derzeit (Internet Facts 2010-I) bei 9,4 Millionen und Bild.de bei 11 Millionen Usern. Auch bei den Visits rangierte Stern.de im Juli mit knapp 21 Millionen hinter Focus Online (27 Millionen), Sueddeutsche.de und Welt.de (beide rund 30 Millionen). Spiegel Online kommt auf 131 Millionen Visits, Bild.de auf 155 Millionen.

Man könnte die inhaltlichen Veränderungen bei Stern.de aber auch noch ganz anders sehen: Als beginnenden Rückbau des Gratisangebots im offenen Netz. Denn die Free-Inhalte von Stern.de sind nur einen Klick entfernt von künftigen kostenpflichtigen Digitalangeboten, etwa dem geplanten E-Magazin des "Stern" und Apps auf Tablet-Geräten. Da gilt es, die Angebote quantitativ und qualitativ sauber zu trennen, damit die Gratisinhalte den Bezahlangeboten nicht die Nutzer abgraben. "Es ist Aufgabe der Chefredaktion, die redaktionellen Inhalte kanalspezifisch für Print, fürs E-Magazine und fürs Web zu erstellen, auszuwählen und auszutarieren", sagte Geschäftsführer Lindner in diesem Frühjahr zu dem Thema. Und was Stern.de dabei betrifft, haben er und Thomsen durch Workshops mit Experten eines mittlerweile erkannt: "Stern.de muss Aktualität bieten, quasi als Markenauftrag." rp
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