"The Daily": Multimediale Wundertüte aus dem Hause Murdoch

Mittwoch, 02. Februar 2011
Mit The Daily präsentiert Murdoch eine reine iPad-Zeitung
Mit The Daily präsentiert Murdoch eine reine iPad-Zeitung

Murdochs „The Daily" wird als eines der interessantesten und innovativsten Experimente  im Medienjahresrückblick 2011 gelistet werden. Zur Nachahmung eignet sich die erste, ausschließlich für das iPad entwickelte Zeitung aber nur bedingt. 1. Die Grundidee, das Geschäftsmodell. Klotzen, nicht kleckern. Wer 30 Millionen Dollar in eine iPad-App investieren möchte, mehr als 120 Journalisten weltweit für ein Projekt einsetzen will, beste Drähte zu Apple hat und sich als „globalste Medienunternehmen der globalen Medienhäuser" (News Corp-CEO James Murdoch auf dem DLD) positioniert, dem sei dringend ein Werkstattbesuch in New York empfohlen. Allen anderen sollte ein intensiver Blick in Murdochs neueste Wundertüte genügen.

Jesse Angelo präsentiert den "Daily"-Titel
Jesse Angelo präsentiert den "Daily"-Titel
Bezahlbar ist sie allemal. Lächerliche 14 US-Cent kostet „The Daily" am Tag, 99 US-Cent pro Woche. Ein Premium-Produkt zum Discounter-Preis soll Murdoch helfen, in Print ans Internet verloren gegangene Leser wieder zu gewinnen und die Generation von Always-on-Mobilen für Nachrichten zu begeistern. Rupert Murdoch bei der Präsentation am Mittwoch: „Es gibt eine Generation, die Nachrichten weder in einer Zeitung noch im Fernsehen verfolgen, aber sich dennoch permanent mit Medien beschäftigen."

Ein Lied auf  iTunes kostet auch 99 Cent. Das ist viel Geld für ein komprimiertes Musikstück, für ein Wochenabo sind das Peanuts. Jeder Espresso im Café kostet mehr. Mit wie viel Abonnenten News Corp rechnet, fragte „Bild"-Chefredakteur Kai Diekmann James Murdoch in München. Nichts Genaues weiß man nicht, antwortete der Sohn von Patriarch Rupert Murdcoh im übertragenen Sinne. Ein Wochenabo sei eine schwierige Angelegenheit, auf dem iPad allemal. Der Kampfpreis soll Masse und Reichweite bringen. Die Chancen dafür stehen nicht schlecht: „The Daily" ist international angelegt, Launchpartner sind unter anderem Pepsi, HBO und Land Rover. Rupert Murdoch ist optimistisch, dass das Angebot ein großer Erfolg bei den Lesern wird: „Der laufende Betrieb kostet weniger als eine halbe Million Dollar pro Woche - das ist ein überschaubares Investment."

2. Das Design. „Salon"-Mitbegründer Scott Rosenberg kann beruhigt sein. Die Befürchtung des „Veteran des Web-Journalismus" (Spiegel Online), „The Daily" sei eine Totgeburt, weil keine Verbindung zum Web hergestellt wird und Twitter und Facebook nicht möglich seien, war unbegründet. „The Daily ist keine Insel", so das Statement während der Launch-Präsentation. Ein erster, flüchtiger Blick auf die App zeigt: Das Team um Editor Jesse Angelo hat sich mächtig ins Zeug gelegt.  „The Daily" soll täglich mehr als State of the Art liefern, wie es beispielsweise „The Project" des Medienunternehmers Richard Branson liefert, oder die zu Recht hoch gelobte iPad-App der „Frankfurter Rundschau". Es gibt 360-Graf-Fotos, Videos, brilliante Bilder. Die Nutzerführung stimmt. „The Daily" hat das Zeug, dem Wort Lesen eine neue Bedeutung zu geben.

3. Apples Rolle. Steve Jobs ist krank, Apples Internet Vice President Eddy Cue übernahm die Lobsprechung der Zusammenarbeit mit Murdoch: „Das ist die erste Tageszeitung exklusiv für das iPad, das eine neue Generation von Medien etabliert hat." Medienangebote, so die Message des Apple-Managers, seien enorm wichtig für das iPad. Cue: „Es gibt 9000 Nachrichten-Apps für iPad, iPhone und iPod, die insgesamt 200 Millionen mal downgeloaded wurden." Ob Apple, wie sich derzeit abzeichnet, die Verlage zwingt, ihre Angebote ausschließlich über iTunes zu vertreiben, ließ Cue offen: „Dazu möchte ich jetzt nichts sagen - wir werden demnächst ein Announcement machen. Auf jeden Fall wollen wir, dass unsere Kunden möglichst einfach an ihre Apps rankommen." Das klingt, als ob Apple bei seiner harten Position bleibt, was wir schon an anderer Stelle kommentiert haben - schwere Zeiten für Medienhäuser, es sei denn man hat Geld, viel Geld, gute Connections zu Apple und den Willen, einen globalen Medienmarkt zu beackern. vs
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