"Tagesschau-App schlimmer als Gratis-Zeitung“: Döpfner und Schirrmacher wettern gegen ARD

Montag, 20. September 2010
Die ARD hält an ihren App-Plänen fest
Die ARD hält an ihren App-Plänen fest

Unter dem Titel „Der Preis des Internets“ lieferten sich Vertreter der Verlage und öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten beim Zeitungskongress 2010 des Bundesverbands Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) erneut eine hitzige Debatte über die Expansion von ARD und ZDF in der digitalen Welt. Stein des Anstoßes war die Ankündigung des ARD-Vorsitzenden Peter Bougoust auf dem Podium, dass die iPhone-App der Tagesschau noch in den nächsten Monaten starten soll.
ARD-Chef Peter Bougoust pocht auf öffentlichen Auftrag
ARD-Chef Peter Bougoust pocht auf öffentlichen Auftrag
„Wir haben den gesellschaftlichen Auftrag, auf allen elektronischen Geräten als Faktor der Meinungsbildung zu fungieren. Daher müssen wir auch Apps anbieten“, begründet ARD-Chef Peter Bougoust den Schritt.

Für Mathias Döpfner, der als Vorstandsvorsitzender von Axel Springer derzeit die iPad- und iPhone-Angebote des Medienkonzerns stark ausbaut, um unter anderem das Geschäftsmodell Paid Content in der digitalen Welt zu etablieren, ist das ein rotes Tuch. „Wenn ARD und ZDF eine bundesweite, kostenlose Tageszeitung herausbringen würden, wäre das weit weniger schlimm, als eine kostenlose App“, warnt der Verlagsmanager. Wenn Printhäuser auf diesem Gebiet durch gebührenfinanzierte Anbieter Konkurrenz bekämen, zerstöre das ihre wirtschaftliche Perspektive langfristig.

Springer-Boss Mathias Döpfner fürchtet um Geschäftsmodell der Zukunft
Springer-Boss Mathias Döpfner fürchtet um Geschäftsmodell der Zukunft
Auch „FAZ“-Herausgeber Frank Schirrmacher, der für Ende Oktober den Start der ersten „FAZ“-App angekündigt hat, zeichnet eine düstere Zukunftsaussicht angesichts der Digital-Pläne von ARD und ZDF: „Wenn wir so weiter machen, wird es bald keine finanzierbare freie Presse mehr geben.“ Der Dreistufen-Test sei lediglich ein „Verwaltungsmonstrum“ ohne erkennbaren Effekt.

Dabei verweist er auf alte NDR-Dokumente, die eigentlich im Zuge dieses Prüfungsverfahrens hätten gelöscht werden sollen und dennoch jüngst unter der Adresse Depub.org online wieder aufgetaucht sind. Wer dahinter steckt, ist bislang unklar. Dass die Vorsitzende des NDR-Rundfunkrats, Dagmar Gräfin Kerssenbrock, dies als Beispiel für „kreative Anarchie im Internet“ lobt, wertet er als einen Affront.

Nach Meinung von Boudgoust ist die von den Verlagen angeprangerte Wettbewerbsverzerrung nur „konstruiert“. Wie der Dreistufen-Test gezeigt habe, verfüge beispielsweise das Angebot Tagesschau.de ohnehin nur über einen Marktanteil von 3,7 Prozent. „Würde man dies auf die Verlage aufteilen, wäre der Effekt für jedes einzelne Unternehmen gleich Null.“ Die echte Konkurrenz käme sowieso von Internetriesen wie Google und Yahoo. A propos: Dass sich in nächster Zeit etwas auf dem Schlachtfeld Leistungsschutzrecht tut, ist derzeit nicht in Sicht. Wie Max Stadler, parlamentarischer Staatssekretär bei der Bundesministerin der Justiz, erklärte, sei man noch mitten im Stadium der Diskussion.

Dabei ist es bezeichnend, dass er die Bundesjustizministerin vertrat, die eigentlich auf dem Podium hätte sprechen sollen. Statt auf dem Zeitungskongress nimmt Sabine Leutheusser-Schnarrenberger heute an einer Anhörung ausgerechnet zum Google-Dienst Street View teil. Offenbar ist das auch ein „Preis des Internets“. bn
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