TV-Zuschauer ziehen Fiction der Realität vor

Mittwoch, 10. Oktober 2001

Rasch abgeflacht ist das Interesse der deutschen Zuschauer an Krisenberichten im TV. Zwar erreichten einzelne Nachrichtenspecials zum US-Angriff auf Afghanistan am Sonntag noch 20 Prozent Marktanteil, doch wollten genauso viele Zuschauer den RTL-Blockbuster "Der Staatsfeind Nr. 1" in der Prime Time sehen.

Schon um 20.15 Uhr waren die Privaten zur Programmnormalität zurückgekehrt - die Terroranschläge in den USA hatten Mitte September noch eine ganze Woche lang TV- und Werbealltag außer Kraft gesetzt. "Bilder von einem Flugzeug, das ins World Trade Center fliegt, haben eine andere Dimension als Nachtfotos mit undeutlichen Blitzen", hat RTL-Chefredakteur Hans Mahr erkannt. Zudem sei "Afghanistan den Menschen nicht so nah wie New York".

Auch bei der Konkurrenz will man "Sondersendungen nur noch zeigen, wenn es TV-taugliche Bilder und Informationen gibt", räumt Sat-1-Sprecherin Kristina Faßler ein. Am Sonntag haben die Berliner deshalb auf den "Deutschen Fernsehpreis" gesetzt und - trotz lauer Quote - die Sat-1-Specials zum Gegenschlag der USA getoppt.

Mit "Mission Impossible", das zur gleichen Zeit bei Pro Sieben lief, konnte das aufgezeichnete Event allerdings nicht konkurrieren. Auch die Münchner hatten diesmal auf Gemeinschaftsprogramm mit der Newsschwester N 24 verzichtet - "weil es die Nachrichtenlage über den erwarteten Gegenschlag nicht hergab", wie Konzernsprecher Torsten Rossmann betont.

Dabei kommt der Mangel an Bildern den Privaten jedoch nicht ungelegen. Denn angesichts der Marktlage wären weitere Werbeverluste nur schwer zu verkraften. Für die von wirtschaftlichen Zwängen nicht ganz unabhängigen Programmplanung spricht auch, dass ARD und ZDF am Sonntag genügend Material hatten, um die Prime Time mit Specials zu füllen.

Immerhin hatte schon der Werbeverzicht in der Woche nach dem 11. September die Privaten rund 20 Millionen Mark gekostet. Und die mittelfristigen Folgen des Terrors, der bereits zurückhaltende Kunden, weiter verunsichert hat, sind noch nicht abzusehen. Immerhin 9,6 Millionen Mark brutto wären RTL kurzfristig abhanden gekommen, wenn der Blockbuster nicht ausgestrahlt worden wäre. Das werbefreie News-Spezial, das statt "Notruf" am Vorabend gelaufen ist, hat den Sender 300.000 Mark brutto gekostet.
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