TV-Wirkungstag: Internet übernimmt soziale Funktionen

Dienstag, 05. Mai 2009
Stephan Grünewald
Stephan Grünewald

Das Internet könnte soziale Funktionen übernehmen, die derzeit noch vom Fernsehen erfüllt werden. Zu dieser Erkenntnis kommt Stephan Grünewald, Geschäftsführer der Medienforscher von Rheingold in Köln. "Es gibt einige Gefährdungspunkte für das Fernsehen", sagt er auf dem 6. TV-Wirkungstag in Frankfurt vor rund 1000 Zuhörern. In Grünewalds Analyse erfüllt Fernsehen  im Moment sechs zentrale Funktonen:

1. TV als Realitätskompass sorgt für die gesellschaftliche Verankerung: "Tagesschau", "Monitor" oder auch "Richterin Barbara Salesch" geben dem Zuschauer Orientierung.

2. TV als Gefühlsapotheke hilft den Menschen in ihr jeweiliges Stimmungsprofil hineinzufinden. Sei es über Comedys, die den Alltag in ein freundlicheres Licht rücken oder über "Alarm für Cobra 11" bei der Action für Ablenkung sorgt.

3. TV als Sozialplazenta dient der Daseinsberuhigung. Einsamen Menschen kann Fernsehen ein Gefühl der Vertrautheit vermitteln, beispielsweise Serien wie "Gute Zeiten Schlechte Zeiten" und die "Lindenstraße" schaffen einen beruhigenden Background.

4. TV als Seelenkino hilft bei der Schicksalsregulierung. Existenzielle Grundprobleme werden durchgespielt. Der Zuschauer kann sich daran messen und Schlüsse für sein eigenes Leben ziehen. Zum Beispiel "Verliebt in Berlin" und "Dr. House" waren laut Grünwald deshalb so erfolgreich, weil sie den Menschen zeigen, dass man Erfolg haben kann, auch wenn man nicht perfekt ist.

5. TV als Lebensschule: "Super Nanny" und "Raus aus den Schulden" zeigen den Menschen, wie sie mit dem täglichen Leben zurecht kommen können.

6. TV als Volksbewegung dient der "ergriffenen Selbstübersteigerung" der Zuschauer. Große Events wie "Deutschland sucht den Superstar" oder Fußballspiele greifen den Wunsch der Menschen auf, über sich selbt hinaus zu wachsen.

Für all diese Funktionen sieht Grünewald Konkurrenz aus dem Internet heraufkommen. So ersetzt Video on Demand TV als Seelenkino, Social Networks befriedigen die Bedürfnisse, die TV als Sozialplazenta abgedeckt hat, und die Gefühlsapotheke wird via Youtube oder Youporn aufgefüllt.  pap
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