Strunz/Haider: Was die Personalie fürs "Hamburger Abendblatt" und Springer bedeutet

Freitag, 20. Mai 2011
Sein Abgang beim "Hamburger Abendblatt" war absehbar: Claus Strunz
Sein Abgang beim "Hamburger Abendblatt" war absehbar: Claus Strunz


Welch ein Timing: Gerade eben hatte Frank Mahlberg, der Geschäftsführer des "Hamburger Abendblatts", im Gespräch mit HORIZONT (Ausgabe 20/2011) die künftige Marschroute der Zeitung skizziert - Chefredakteur Claus Strunz saß dabei nicht mit am Tisch -, da ließ eine Personalmeldung die Mitarbeiter des „Abendblattes" und Medienschaffende aufhorchen: Strunz geht, Lars Haider kommt. Dass Strunz, seit Oktober 2008 Chefredakteur des Titels, in nächster Zeit seinen Posten verlassen könnte, das hatten einige nicht zuletzt bei Axel Springer auf dem Schirm.

Warum? Aus vier Gründen:

Erstens, weil Strunz selbst zuletzt den Eindruck erweckte zu glauben, seine „Abendblatt 3.0"-Mission („Lokales vertiefen, Regionales ausbauen, bundesweite Bedeutung stärken") erfüllt zu haben. In einem Interview suggerierte er, dass es nun an der Zeit sein könnte zu gehen - eben wenn es am vermeintlich schönsten ist. Und wenn es einen „Plan B" gäbe.

Zweitens, weil die Zahlen allerdings kaum nahe legen, dass vor allem Strunz' Heftrelaunch vom April 2010 ein Erfolg gewesen sein könnte: Seitdem sind, im Gegenteil, die Minusraten der Quartalsverkäufe von 4 auf über 6 Prozent gestiegen.

Drittens, weil sich für Leser und Redaktion zuletzt immer deutlicher gezeigt hat, dass der überregionale Anspruch des „Abendblatts" zugunsten des Regionalen, Lokalen und gar "Sublokalen" (Stadtteile!) zurückgeschraubt wird. Aus Verlagssicht ist das wohl vernünftig, schließlich liegen Kauf- und Leserbindungsgründe bei einem solchen Titel im Lokalen. "Eine verstärkte lokale und sublokale Ausrichtung in der Berichterstattung" eröffne neue Möglichkeiten, so Mahlberg Anfang der Woche und stellt die "Priorisierung" der Ausrichtung klar: "Dass das 'Abendblatt' in erster Linie die Zeitung für Hamburg und den Norden ist." Fragte sich nur, ob einem wie Strunz, der von Deutschlands Wochenend-Dickschiff "Bild am Sonntag" kommt und den es sichtlich vor die TV-Kameras zieht, die Baustelle in Barmbek und die Eichhörnchen in Eimsbüttel auf Dauer nicht zu klein vorkommen.

Und viertens, weil seit Wochen in der Redaktion hartnäckiger als früher Spekulationen kursieren, die in ihrer milden Beschreibung so lauten: Das „Hamburger Abendblatt" solle mehr überregionale Texte als bisher von der Berliner Springer-Gemeinschaftsredaktion "Welt"/"Berliner Morgenpost" übernehmen. Und in seiner wilden Beschreibung lautet das befürchtete Szenario: „Welt" /„Berliner Morgenpost" sollen den gesamten überregionalen Teil liefern - beim „Abendblatt" verbliebe nur noch die Lokalredaktion. Besonders die zweite Variante hätte Strunz wohl kaum geschmeckt, siehe oben. Doch tatsächlich man kann eine solche Konstruktion auch jenseits von Eitelkeiten für falsch halten. Oder sich mögliche Sparrunden, Umbauten und Stellenkürzungen einfach nicht mehr antun wollen.

Was sagte Geschäftsführer Mahlberg Anfang der Woche dazu? Wichtig sei, dass das "Abendblatt" den Ton und die Themen der Hamburger treffe - "unabhängig von der Organisation". Eine interessante Ergänzung, die oben erwähnte Szenarien nicht ganz vom Tisch fegt. Auch interessant in diesem Zusammenhang ist eine Personalie von Anfang 2010: Da kehrte Jan-Eric Peters als Chefredakteur zur "Welt"-Gruppe zurück. Peters, der vor fast zehn Jahren die Redaktionen von "Welt" und "Berliner Morgenpost" zusammengeführt hatte. Soll er nun beim "Abendblatt" Hand anlegen? Dagegen Mahlberg vor ein paar Tagen: Der Titel brauche Autonomie und Bezug zu Hamburg, auch bei überregionalen Geschichten. BITTE UMBLÄTTERN:


Der Neue beim "Hamburger Abendblatt": Lars Haider
Der Neue beim "Hamburger Abendblatt": Lars Haider
Strunz-Nachfolger Lars Haider, 41, ist ein Springer-Gewächs, hat beim „Abendblatt" volontiert, wurde stellvertretender Leiter des Lokalressorts, führte das Team der „Elmshorner Nachrichten" und war leitender Redakteur und schließlich stellvertretender Chef der „Berliner Morgenpost". Nach drei Jahren beim „Weser Kurier"/„Bremer Nachrichten" kehrt er nun, zum 1. Juli, zu Axel Springer, nach Hamburg und zum „Abendblatt" zurück - „aus privaten Gründen", schreibt der „Weser Kurier" in eigener Sache. Haider stammt aus Hamburg, auch seine Frau arbeitet beim „Abendblatt". Alte, neue Kollegen loben sein Gespür für - vor allem lokale und verbrauchernahe - Themen. Springer hebt Haiders Ausbeute beim Deutschen Lokaljournalistenpreis hervor. Die Freude in der Redaktion über den Chefwechsel habe überwogen, heißt es. Stimmen, die Haider als „harten Hund" bezeichnen, sind die Ausnahme.

Und nun Claus Strunz, 44. Man erinnere sich etwa an Thomas Garms. Im Februar 2009 trat der von seinem Chefposten bei Springers „Hörzu" ab, führte danach den luziden Titel „Vice President Business Development" - und hat den Verlag ein halbes Jahr später verlassen. Zweitens Christoph Keese: Im April 2008 gab er den mächtigen Chefsessel der gesamten „Welt"-Gruppe auf - und arbeitet seitdem als Konzerngeschäftsführer Public Affairs überaus umtriebig als Chef-Lobbyist des Hauses. Und drittens Pit Gottschalk. Im Januar 2009 verließ er seinen Chefredakteursposten bei "Sport Bild", wurde Leiter des Vorstandsbüros Zeitungen - und treibt seitdem übergreifende Projekte voran. Drei Springer-Chefredakteure, die ins Management wechselten, mehr (Keese, Gottschalk) oder weniger (Garms) nachhaltig.

Welchen Weg schlägt Strunz ein? Er wird ab Juli als Geschäftsführer des neu geschaffenen Bereiches TV- und Videoproduktionen Bewegtbildformate für alle digitalen Springer-Medienplattformen entwickeln. Springer betont Strunz' TV-Talkshow-Erfahrung. Ob der Posten nun eher eine stilvolle Zwischenstation ist auf dem Weg zu neuen Aufgaben außerhalb Springers - ob nun bei einem anderen Verlag oder gleich beim Fernsehen -, oder ob Strunz auf seiner neuen Position tatsächlich Meriten verdienen kann und soll, das dürfte vor allem davon abhängen, in welchen Dimensionen es mit Springers Bewegtbildgeschäft weitergeht.

Die Entwicklung bei Bild.de macht Mut: Die Royal Wedding schauten allein 3 Millionen Zuschauer im Livestream - also nicht mitgezählt die nachträglichen Abrufe - auf dem Portal. Zum Vergleich: Das Erste holte mit der Übertragung im TV 4,48 Millionen Zuschauer, das ZDF als Zweitplatzierter 2,48 Millionen. Das zeigt welches Potenzial Springer tatsächlich hat, in der schönen neuen Welt auch in Sachen Bewegtbild eine tragende Rolle zu spielen.

Doch Strunz neue, strategisch so wichtige Position wird durch zwei Faktoren beschränkt: Zum einen will Springer in absehbarer Zeit keine eigenen Rechte einkaufen, um damit den TV-Sendern auf Feldern wie Sport oder Serien Konkurrenz machen. Zum anderen ist Strunz neuer Posten in einer Matrix angesiedelt. Die Verantwortung für den Bereich Bewegtbild bleibt in den jeweiligen Redaktionen. Er soll nur übergordnet mit der Konzernbrille nach Synergien suchen.

Wirklich spannend würde es werden, wenn der Verlag tatsächlich einen zweiten Anlauf wagen sollte, den TV-Konzern Pro Sieben Sat 1 ganz oder teilweise zu übernehmen - was Springer immer dementiert. Dann könnten auf Strunz richtig große Aufgaben warten. Wenn nicht, dann erinnert der Posten eher an den des früheren RTL-Nord-Mannes Klaus Ebert, der von 2006 bis 2010 Springers "Mr. Bewegtbild" war. Gerade in diesem Fall dürfte die neue Position aber viel mit Springers wichtigstem Portal Bild.de zu tun haben. Und hier würden mit Strunz und "Bild"-Chef Kai Diekmann wieder zwei Medienmacher aufeinander treffen, die nicht im Ruf stehen, die größten Freunde zu sein. rp
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