Streitschrift zum Weltfrauentag: Warum Quoten keine Lösung sind

Donnerstag, 08. März 2012
Die "Bild" verzichtet am Weltfrauentag auf ihre Kolleginnen
Die "Bild" verzichtet am Weltfrauentag auf ihre Kolleginnen

Quote konsequent: Nein, zu dem Aufreger-Thema dieser Tage ist noch nicht alles gesagt. Im Gegenteil, das entscheidende Argument gegen Zwangsquoten für bestimmte Personengruppen in den Führungsetagen privater Unternehmen ist bislang ziemlich unterrepräsentiert in allen Debatten. Aus gegebenem Anlass hat sich HORIZONT.NET entschlossen, das Thema konsequent quotiert zu kommentieren: Juliane Paperlein und Roland Pimpl haben jeweils dieselben Anteile beigetragen. Selbstverständlich wurde auch die Überschrift, sozusagen die Führungsebene des Textes, gemeinsam erstellt.

Da hat sich Axel Springers „Bild"-Zeitung ja eine witzige PR-Aktion ausgedacht: Zum Weltfrauentag am heutigen Donnerstag (8. März) bekommen alle Damen in der Redaktion einen zusätzlichen freien Tag zugeteilt - von der Führungskraft bis zur Sekretärin. Damit möchte Springer zeigen, welche wichtige Rolle Frauen bei der täglichen Zeitungs- und Website-Produktion spielen. Das Ergebnis darf man schon jetzt vorwegnehmen: eine sehr, sehr wichtige! Nun ja, da schickt „Bild" einen großen Teil seines Teams (es hätten statt der Frauen ja auch alle Rechtshänder, Menschen unter 40 Jahre oder Katholiken sein können) nach Hause - und was passiert? Der Rest der Redaktion merkt es! Und vielleicht auch die Leser. Ein wirklich überraschendes Ergebnis eines mutigen Experiments.

Aber immerhin: „Bild" wird auch am morgigen Freitag erscheinen, irgendwie. Spannend wäre es auch mal, am Weltmännertag (gibt's den überhaupt? Gedenktagquote!) alle Herren nach Hause zu schicken. Ob dann die Zeitung überhaupt erscheint? Schließlich haben sich vor allem in den Druckereien, bei jenen hippen Nachtschicht-Arbeitsplätzen an den lauten Rotationsmaschinen, längst wieder nur Männer-Seilschaften breit gemacht. Typisch.

Doch Spaß beiseite; Springers unweiblich produzierte „Bild"-Ausgabe ist schließlich nur ein netter Farbtupfer in der ansonsten so verbissen geführten Diskussion um Frauenquoten auch in der Medienbranche. Umso erstaunlicher ist es, dass der zentrale Punkt kaum genannt wird. BITTE UMBLÄTTERN

Männerrunde: In der Redaktionssitzung der "Bild"-Zeitung sind heute keine Frauen vertreten
Männerrunde: In der Redaktionssitzung der "Bild"-Zeitung sind heute keine Frauen vertreten


„Der Anteil der Frauen in der Bevölkerung, in der Wirtschaft oder im Unternehmen spiegelt sich nicht im Anteil der Frauen in den Führungsetagen wider" - so oder ähnlich lautet das Hauptargument der Quotenbefürworter. Das mag ja sein. Allein: Eine Firma, ein Verlag, ein TV-Konzern ist keine demokratisch-demografische Veranstaltung, sondern ein privates Wirtschaftsunternehmen, das irgendwem gehört: Alleineigentümern, einer Familie, Aktionären, institutionellen Anlegern, etwa Fonds - hinter denen am Ende wieder Menschen stehen. Großkopferte und Kleinsparer. Frauen und Männer.

Diesen Frauen und Männern gehören die Unternehmen, sie haben investiert, sie tragen das Risiko. Und nur sie sollten daher das Recht haben, über die Chefetagen ihrer Unternehmen zu bestimmen, ob nun direkt oder indirekt über Gesellschafter- und Hauptversammlungen. Privaten Unternehmen die Struktur ihrer Führungsebenen staatlich vorzuschreiben, wäre eine ähnliche Anmaßung wie Menschengruppen-Quoten im Privatleben, etwa beim Freundeskreis.

Tatsächlich gibt es viele gute Gründe für gemischte Teams, auch in den Chefetagen von Unternehmen. Vieles spricht dafür, dass solche Unternehmen im Markt mehr Erfolg haben als solche, die Frauen bewusst unterproportional beschäftigen und befördern. Das gleiche würde übrigens für Unternehmen gelten, die bewusst Rechtshänder, Menschen unter 40 Jahre oder Katholiken klein halten. Weil in all diesen Fällen bei der Personalauswahl nämlich andere Kriterien gelten würden als allein die - Qualifikation. Und deshalb wären solche Firmen auf Dauer im Markt unterlegen. Allerdings: Diese Schlüsse und die Konsequenzen daraus können und müssen allein die Eigentümer ziehen. Erstens deshalb, weil alles andere dem privaten Unternehmertum widerspricht, siehe oben. Und zweitens, weil niemand so gut wie die Unternehmensverantwortlichen selbst wissen, welche Personalauswahl am besten passt.

Denn das ist sicher: Eine Einheitsquote für alle Branchen, Firmengrößen, Rechtsformen und Hierarchieebenen (was ist eigentlich eine „Führungsposition"?) verkehrte den grundsätzlichen Vorteil gemischter Teams ins Gegenteil. Weil dann Quotenerfüllung vor Qualifikation käme. BITTE UMBLÄTTERN

Außerdem gibt es neben den Arbeitskraftnachfragern, also den Unternehmen, ja noch die Arbeitskraftanbieter - die Frauen selber. Was tun, wenn es bei einer Zwangsquote für manche Posten gar nicht genügend geeignete Bewerberinnen gibt? Soll man geeignete Frauen dann zwingen, diesen Job anzunehmen? Oder sollte eine ungeeignete Bewerberin den Zuschlag bekommen? Oder wohl oder übel doch ein Mann?

Die aktuelle Diskussion suggeriert, es gäbe für die Top-Etagen ebenso viele qualifizierte Frauen wie Männer, die bereit sind, mit vollem Einsatz in einer Führungsposition zu arbeiten. Doch das entspricht nicht der Realität.

Primär geht es in der Diskussion um die Mütter. Und von denen kehren nach wie vor viele nicht aus der Elternzeit zurück oder nicht in dem ursprünglich vereinbarten Umfang (Teilzeit statt Vollzeit) oder nicht zum vereinbarten Zeitpunkt (Was macht schon ein halbes Jahr mehr oder weniger?).

Frauen sind immer gut darin, zu erklären, warum sie nach der Geburt des ersten Kindes ihre Lebenspläne ändern und eben leider gar nicht mehr oder nur noch einige Stunden arbeiten möchten. Entscheidungen eines freien Geistes, der lieber Hausfrau ist - was völlig legitim wäre -, sind in dem eigentlich doch so toleranten Deutschland jedoch selten. Hört man all den Müttern auf dem Spielplatz zu, die trotz ihrer hohen Qualifikation zuhause sitzen, so sind sie auf einen Schlag angeblich komplett von der Außenwelt bestimmt: Schuld seien die fehlenden Betreuungsplätze, die Betreuung in einer städtischen Kita sei zu schlecht, die in einer Privaten zu teuer. Arbeit lohne sich doch gar nicht (zumindest nicht für ehegattensplittende Mütter, die Teilzeit arbeiten wollen). Das Kind leide psychisch unter der Trennung. Und was, wenn es krank wird? Die Liste ist lang. Ach, es sind so viele gute Gründe! BITTE UMBLÄTTERN

Frauen, die sagen: „Ich möchte gerne arbeiten, weil es mir immer Spaß gemacht hat und immer noch Spaß macht, und mehr Geld finde ich auch nicht schlecht", und die für all die scheinbar unlösbaren Probleme dennoch Lösungen gefunden haben: Diese Frauen stecken dagegen sofort in einer subtilen, von anderen Frauen forcierten „Rabenmutter"-Diskussion fest - die sie allerdings nur selten mit ebenso subtilen Argumenten kontern („Schade um die 100.000 Euro, die Dein Uni-Studium gekostet hat", „Warum holt Dein Mann eigentlich nicht die Kinder von der Kita und geht mit ihnen zum Zahnarzt"?).

Beim Thema Mutterschaft und Arbeit geht der Graben tief durch die Frauenwelt hindurch. Solange sich Mütter und Frauen aber selbst behacken, auf der Suche nach dem persönlichen Gleichgewicht zwischen Familie und Job, bringt eine Quote rein gar nichts. Man kann ewig rufen: nach mehr Betreuungsplätzen, Betriebskindergärten, besseren Arbeitsbedingungen, weniger Überstunden oder eben danach, qua Geschlecht und nicht qua Leistung befördert zu werden. Aber ist das wirklich eine intelligente, gebildeten Frauen angemessene Antwort auf die Malaise?

Die Frage nach der richtigen Work-Life-Balance kann nur jeder für sich entscheiden - Katholiken, Menschen unter 40 und eben Frauen. Auch einem Mann, der wegen eines Burnouts nur noch Teilzeit arbeiten will, wird es schwer fallen in Führungsebenen. Weil am Ende des Tages eben doch die tatsächlich und jeden Tag aufs Neue erbrachte Leistung zählt. Und zählen sollte. Juliane Paperlein / Roland Pimpl
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