Stefan Raabs "Absolute Mehrheit" im HORIZONT-Check: Phrasen-Bingo für Politik-Novizen

Montag, 12. November 2012
Talkshow oder Spielshow? "Absolute Mehrheit" will beides sein
Talkshow oder Spielshow? "Absolute Mehrheit" will beides sein


Pro Sieben jubelt über den gelungenen Auftakt der politischen Talkshow "Absolute Mehrheit" mit Stefan Raab. 1,28 Millionen Zuschauer von 14 bis 49 Jahren bescherten dem ansonsten politikscheuen Entertainmentsender einen Marktanteil von 18,3 Prozent in der jungen Zielgruppe – wohlgemerkt am späten Sonntagabend, wo die große Mehrheit nach "Tatort" oder Sonntagsfilm bereits im Bett liegt. Die erste Folge führte aber sowohl die Stärken als auch die Schwächen des Konzepts klar vor Augen: Die Politiker versuchten das Publikum mit möglichst griffigen Phrasen auf ihre Seite zu ziehen – nicht das stärkste Argument zählte, sondern der flotteste Spruch.
Mit "Absolute Mehrheit" will Stefan Raab vor allem jungen Menschen politische Themen nahebringen. Dementsprechend populäre Themen hatte der Moderator im Gepäck: Diskutiert wurde die Reichensteuer, (Müssen Reiche mehr zahlen, damit Steuergerechtigkeit herrscht?), die Energiewende (Ist die Energiewende schuld am teuren Strom?) und die Gefahren sozialer Netzwerke (Müssen Kinder und Jugendliche vor sozialen Netzwerken geschützt werden?). Drei Themen innerhalb von 90 Minuten – einem Thema auf den Grund gehen kann man in dieser kurzen Zeit natürlich kaum.

Bereits die Einspieler, in denen die jeweiligen Themen vorgestellt wurden, machten deutlich, wie der Hase läuft: Die Themen wurden jeweils auf eine nackte These zugespitzt, für Fakten oder Erklärungen blieb kaum Zeit. Die anwesenden Politiker, Wolfgang Kubicki (FDP), Michael Fuchs (CDU), Thomas Oppermann (SPD), Jan van Aken (Die Linke) und die Unternehmerin Verena Delius, hatten sich indes gut auf die Spielregeln der Show vorbereitet und versuchten, das Publikum mit möglichst prägnanten Aussagen auf ihre Seite zu ziehen – mitunter irritierend frenetisch bejubelt von einem Studiopublikum, das die Sendung offenbar in erster Linie als Spielshow interpretierte.

Stefan Raab machte die Diskussion sichtlich Spaß
Stefan Raab machte die Diskussion sichtlich Spaß
Raab selbst, der sich den Gesetzmäßigkeiten politischer Talkshows immerhin äußerlich unterworfen hatte und statt in Jeans und Turnschuhen mit schwarzem Anzug auftrat, präsentierte sich inhaltlich gut vorbereitet und heizte die Diskussion mit kenntnisreichen, aber ebenfalls stark zugespitzten Fragen nach Kräften an. Ein echter Austausch von Argumenten kam so allerdings kaum zustande – was, wenn man ehrlich ist, allerdings auch sehr überrascht hätte. Wo selbst bei Günther Jauch, Sandra Maischberger und Frank Plasberg meist nur altbekannte Positionen repetiert werden, konnte man bei "Absolute Mehrheit" kaum eine erhellendere Diskussion erwarten – allerdings blieb die Sendung in dieser Hinsicht auch nicht sehr weit hinter den etablierten Talkshows von ARD und ZDF zurück.

Immerhin kann man "Absolute Mehrheit" zugute halten, dass ihr Prinzip die Teilnehmer zu möglichst klaren, eindeutigen Positionen zwingt – auch wenn nicht selten flotte Sprüche echte Argumente ersetzten. Die schwächste Figur in dieser Disziplin machten bezeichnenderweise die Vertreter der großen Volksparteien CDU und SPD, die sich am schwersten taten, ihr eingeübtes Politikerdeutsch in griffige Sätze zu übersetzen.

Insgesamt erinnert das Abstimmungsprinzip von "Absolute Mehrheit" ein wenig an politische Diskussionen in der Schule, bei denen am Ende auch gerne geheim abgestimmt wird, welche Position die Mehrheit bekommt. Hier wie dort überzeugen selten die besten Argumente – sondern die Beliebtheit ihrer Vertreter. Bei Stefan Raab hatte am Ende übrigens der schlagfertige FDP-Mann Wolfgang Kubicki die Nase vorn, auch wenn er mit 41,4 Prozent der Stimmen die "Absolute Mehrheit" ebenfalls klar verfehlte.

Inhaltlich ist "Absolute Mehrheit" also sicherlich keine Bereicherung der hiesigen Talkshow-Landschaft. Wenn es Pro Sieben und Raab mit der Sendung allerdings gelingt, junge Menschen an Politik heranzuführen, ist das absolut begrüßenswert – zumal sich Pro Sieben und Sat 1 ansonsten weitgehend aus ihrer Funktion als Faktoren der politischen Meinungsbildung verabschiedet haben. In der Zielgruppe der 14- bis 29-Jährigen erreichte die Talkshows übrigens eine halbe Million Zuschauer – und damit mehr als alle sechs Plauderrunden der ARD in der vergangenen Woche zusammen. Mission erfüllt. dh
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