Spiegel will im digitalen Bildungsmarkt wachsen / "Spiegel TV ist kein Sanierungsfall"

Mittwoch, 26. Oktober 2011
Ove Saffe: "Schauen uns das eine oder andere Unternehmen an" (Foto: Olaf Ballnus)
Ove Saffe: "Schauen uns das eine oder andere Unternehmen an" (Foto: Olaf Ballnus)


Auf zu neuen Ufern: Die Spiegel-Gruppe will angesichts langfristig stagnierender oder gar rückläufiger Umsätze im publizistischen Kerngeschäft künftig mit Akquisitionen, Beteiligungen oder Eigengründungen im digitalen Bildungsmarkt wachsen. Dies kündigt Geschäftsführer Ove Saffe im Gespräch mit HORIZONT an. "Hier schauen wir uns das eine oder andere kleinere Unternehmen an, vor allem Start-ups, die dynamisch gewachsen sind und nun an Entwicklungsgrenzen stoßen, weil ihnen Bekanntheit und Marketingmöglichkeiten fehlen", so Saffe. Ihm schweben hier Geschäfte (Paid Content/Services, Werbung) vor, die unter ihren eingeführten Marken laufen; eine Umfirmierung in "Spiegel" oder "Manager Magazin" sei nicht das Ziel: "Es geht eher darum, dass ihre Zielgruppen gut zu den Zielgruppen unserer Medienangebote passen." Auch Media-for-Equity-Deals seien eine Option: Werbekunden bezahlen hier mit Firmenanteilen. "Spiegel" und Co würden ihre Flächen also nicht gegen Geld verkaufen, sondern für eine Art Wettschein auf die künftige Entwicklung der Start-up-Werbekunden. "Wir schauen uns die Unternehmen sehr genau an", entgegnet Saffe: "Wir wetten nicht, sondern wir investieren." Dass auch Bertelsmann mit seinem Milliarde-Topf in Bildung investieren will und die Preise treiben könnte, ficht Saffe nicht an: "Es gibt immer Wettbewerb, in dem man sich durchsetzen muss."

Und Corporate Publishing, das die meisten Verlage als Wachstumsfeld betrachten? „Wir sehen das eher als Nische. Und ein Haus wie der ,Spiegel‘ tut sich mit journalistischer Auftragsproduktion auch schwerer als andere", so Saffe.

Die Spiegel-Gruppe rechnet in diesem Jahr mit einem Umsatz von 325 Millionen Euro, das ist kaum mehr als 2010 (320 Millionen). Und 2012? "Möglicherweise müssen wir im nächsten Jahr auch Erlösrückgänge hinnehmen", so Saffe mit Blick auf die unsichere weltwirtschaftliche Lage. Die Umsatzrendite dürfte aktuell erneut zwischen 15 und 20 Prozent liegen. Rund zwei Drittel der Erlöse entfallen auf den „Spiegel" plus Ableger, das übrige Drittel teilen sich - in dieser Umsatzreihenfolge - das 2011 defizitäre Spiegel TV mit laut "Handelsblatt" 15 Prozent Anteil, (noch) knapp dahinter Spiegel Online und dann "Manager Magazin". Etwa 62 Prozent der "Spiegel"-Erlöse stammen aus dem Vertrieb, der Rest sind Anzeigenumsätze. Bis Jahresende rechnet Saffe mit höchstens stabilen Anzeigen- und leicht steigenden Vertriebserlösen - vor allem durch die Copypreis-Erhöhung zu Jahresanfang. Und im kommenden Jahr? „Derzeit planen wir beim ,Spiegel‘ keine Erhöhung. Beim ,Manager Magazin‘ sind wir vielleicht ein bisschen mutiger."

Seit wenigen Wochen residieren alle Aktivitäten und Firmen der Spiegel-Gruppe unter einem Dach in Hamburg. Während die meisten Verlage mittlerweile Eigentümer ihrer Gebäude sind, hat sich der "Spiegel" entschieden, auch das neue Haus wieder zu mieten. Kein Wunsch nach sicherem Anlagevermögen? „Wir haben das diskutiert, sind aber zu dem Schluss gekommen, dass es für die Spiegel-Gruppe sinnvoller ist, in ihre publizistischen Produkte zu investieren, anstatt Kapital in Immobilien zu binden", sagt Saffe: "Das ist nicht unser Geschäft."

Nach Umzugskosten (an denen sich der Vermieter offenbar beteiligt hat) und Mieterlassen (wegen der verspäteten Fertigstellung) wirke sich die Umsiedlung „per Saldo positiv" auf die Bilanz 2011 aus; danach reduzierten sich die Betriebskosten des ökologisch nachhaltigen Hauses deutlich, angeblich um die Hälfte.

In HORIZONT.NET erklärt Saffe das ausbleibende Mandantengeschäft, die TV-Vermarktung und die Baustelle Spiegel TV. Zum Interview:

"Spiegel TV ist kein Sanierungsfall"

Ove Saffe
Ove Saffe
Herr Saffe, 2009 hatten Sie erklärt, das Mandantengeschäft werde für Sie weiterhin eine wichtige strategische Rolle spielen. Ein Jahr später hat Ihr Vermarktungschef das relativiert und gesagt, Spiegel QC könne eines Tages auch ohne Mandanten dastehen. Nun ist es fast soweit, Sie haben fast alle namhaften Mandate verloren, in Print und Online. War's das jetzt?
Ove Saffe:
Wir betreiben dieses Geschäft aktuell akquisitorisch nicht aktiv. Wir führen aber immer wieder Gespräche, wenn potenzielle Mandanten auf uns zukommen. Doch derzeit - das wird sich auch wieder ändern - werden hohe Garantiesummen verlangt, da verzichten wir lieber.

Sie sagen, Vermarktung bleibe Kerngeschäft fürs Haus. Doch die Vermarktung Ihrer Pay-TV-Sender Spiegel TV Wissen und Spiegel Geschichte haben Sie aus der Hand gegeben, an die WDR Mediagroup. Warum?
Uns fehlt dort die kritische Größe. Außerdem herrschen in der Fernsehvermarktung eigene Usancen, und die Media-Agenturen haben eigene Ansprechpartner für TV. Deshalb können wir das gut aus unserem eigenen Geschäft ausgliedern. Die Mobile-Vermarktung haben wir ja auch vergeben, an G+J EMS. Wir haben andere Stärken.

Spiegel.TV, das Internetfernsehen der Spiegel-Gruppe, sowie das Bewegtbildangebot von Spiegel Online vermarkten Sie wiederum selbst. Nicht ganz leicht, da noch durchzublicken.
Hier geht es um unsere Angebote im Internet, wo wir über die notwendigen Reichweiten und über eigene Expertise verfügen.

Schauen wir in Ihre Produktionssparte Spiegel TV. Nach dem Verlust der Vox-Nachrichten und dem Aus der Pocher-Show haben Sie sich in diesem Jahr bereits von 38 Mitarbeitern getrennt. Und nun wird auch noch Kerners Magazin eingestellt - das könnte weitere über 30 Mitarbeiter den Job kosten. Ist Spiegel TV ein Sanierungsfall?
Überhaupt nicht. Spiegel TV hat Aufträge verloren, deshalb müssen wir gegensteuern.

Man könnte statt Stellenabbau auch versuchen, neue Produktionsaufträge zu akquirieren.
Das ist unser Ziel. Wir haben bei Spiegel TV viele hoch kompetente und motivierte Mitarbeiter. Durch neue Strukturen und Verantwortlichkeiten legen wir diese Kräfte jetzt frei.

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