Spiegel TV offenbar vor weiterem Stellenabbau

Freitag, 16. November 2012
Matthias Schmolz muss offenbar weitere Stellen streichen
Matthias Schmolz muss offenbar weitere Stellen streichen

Bad News on Air: Spiegel TV, die Fernsehproduktionstochter der Spiegel-Gruppe, steht offenbar erneut vor Stellenstreichungen. Man werde im kommenden Jahr um eine weitere Sparrunde samt "Personalanpassungen" nicht herumkommen, sagte TV-Geschäftsführer Matthias Schmolz nach Angaben von Teilnehmern auf der Betriebsversammlung am Donnerstagnachmittag. Grund dafür seien unverschuldete Auftragsverluste. Konkret: Im kommenden Jahr würden Umsätze in Höhe von 3 Millionen Euro wegbrechen, so Schmolz den Angaben zufolge. Unter anderem durch ein reduziertes Volumen bei den Magazinformaten auf Vox (Umsatzverlust: 1,4 Millionen Euro) und die wahrscheinliche Nicht-Fortsetzung der ZDF-Sendung "Lanz kocht" oder eines Nachfolgeformats in 2013 (eine entsprechende Anfrage von HORIZONT.NET beim ZDF blieb bisher unbeantwortet).

Noch ist offenbar nicht klar, wie viele Stellen bei Spiegel TV wegfallen könnten; die Spekulationen und Befürchtungen reichen von einstellig bis mehrere Dutzend. Derzeit beschäftigt Spiegel TV rund 150 Vollzeitmitarbeiter.

Eine Verlagssprecherin will alle genannten Umsatz- und Stellenzahlen sowie die Aussagen zu den TV-Formaten und -Sendern nicht kommentieren. Nur soviel: Schmolz habe die Mitarbeiter darüber informiert, dass Spiegel TV die Ziele für das Geschäftsjahr 2012 in fast allen Sparten erreichen werde. Nur im Bereich Co- und Auftragsproduktionen seien Einschnitte zu erwarten, weil von Spiegel TV produzierte Formate voraussichtlich nicht fortgeführt beziehungsweise deutlich reduziert würden. „Das führt zu Erlösverlusten, die Spiegel TV ausgleichen muss", so die Sprecherin.

Über die Ausgestaltung entsprechender Maßnahmen habe Schmolz auf der ordentlichen Betriebsversammlung nichts sagen können, denn Geschäftsführung und Verlagsleitung befänden sich mitten in den Etatberatungen für das Geschäftsjahr 2013, die voraussichtlich Ende November abgeschlossen seien. „Vorher können wir uns zur Geschäftsentwicklung in der Spiegel-Gruppe und den Unternehmenstöchtern wie Spiegel TV nicht konkret äußern", so die Sprecherin. Dies habe Schmolz auf der Betriebsversammlung sehr deutlich gemacht.

Nach Informationen von HORIZONT.NET soll es am 27. November eine außerordentliche Betriebsversammlung geben - einen Tag nach der Gesellschafterversammlung der Spiegel-Gruppe, auf der mögliche Entscheidungen wohl abgesegnet werden.

Im Mai war Schmolz im Interview mit HORIZONT optimistisch: „Wir gehen für 2012 von schwarzen Zahlen aus." Im vergangenen Jahr hatte Spiegel TV, mit einem Jahresumsatz von über 40 Millionen Euro zumindest damals größer als Spiegel Online, auch wegen Restrukturierungskosten durch Abfindungen erneut Verluste geschrieben. Der Bereich Co-/Auftragsproduktionen habe sich nun aber konsolidiert und jetzt gute Chancen zu wachsen, so Schmolz im Mai. Die massiven Stellenstreichungen der vergangenen Jahre hielt er für beendet: „Die Strukturanpassungen sind abgeschlossen", so Schmolz damals. Nun gelte es, die Prozesse weiter zu optimieren und mit neuen Formaten weitere Aufträge zu gewinnen. Insofern ist die aktuelle Entwicklung ein herber Rückschlag.

Seit vielen Jahren verliert Spiegel TV Produktionsaufträge, teils wegen wachsender Konkurrenz von allen Seiten, teils wegen Einstellung der jeweiligen Sendungen. Das begann 2004 mit dem Aus des Vox-Erotikmagazins „Wa(h)re Liebe", setzte sich 2006 fort mit dem Verkauf des bis dato verlagseigenen Informationssenders XXP und war zuletzt mit dem Verlust von Vox- und ZDF-Sendeplätzen sowie der Einstellung der Sat1-Shows von Oliver Pocher und Johannes B. Kerner noch nicht zu Ende. Seit Ende 2010 fielen dadurch bis jetzt rund 95 Stellen weg.

Das Grundproblem: Lange Zeit vertrauten die Verantwortlichen - allen voran Karl Dietrich Seikel (Geschäftsführer der Spiegel-Gruppe bis Ende 2006), sein Kurzzeit-Nachfolger Mario Frank (bis April 2008) und seit September 2008 Ove Saffe sowie die Spiegel-TV-Geschäftsführer Stefan Aust (bis Sommer 2007; bis Anfang 2008 als Herausgeber) und ab 2006/2007 Fried von Bismarck (bis Mai 2011), Cassian von Salomon (bis September 2011) und Dirk Pommer - darauf, dass sich durch den Bedarf an Bewegtbildern im Internet quasi von alleine neue Betätigungs- und Erlösquellen auftun. Voller Hoffnung darauf verzichteten die Verantwortlichen lange auf Stellenabbau, wie er sonst bei privaten TV-Produktionsfirmen bei Auftragsverlusten üblich ist; dort arbeitet man zudem mehr mit freien Mitarbeitern.

Hinzu kommt, dass sich Spiegel TV nicht - oder zumindest nicht erfolgreich oder nicht genug - um Neugeschäft kümmerte, das die Auftragsverluste hätte kompensieren können. Dieses offenkundige Versäumnis wog umso schwerer, seit Stefan Aust, Gründer und langjähriger Chef von Spiegel TV und ein umtriebiger Marktkenner ohnegleichen, als Print-Chefredakteur Ende 2007 vom gesamten „Spiegel"-Hof gejagt wurde.

Allerdings: Auch Aust hätte kaum etwas ausrichten können gegen die riesige Konkurrenz auf dem Markt der TV-Produktionen und die „sehr engen Budgetkorsetts" (Schmolz im Mai) der Auftraggeber - trotz des steigenden Bedarfs an Bewegtbildern durchs Internet. rp
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