Spiegel TV am Scheideweg: Potentes Produktionsunternehmen oder kleines Inhouse-Studio?

Mittwoch, 21. Dezember 2011
Spiegel TV verliert Produktionsauftrag für Nachrichtensendung von D-Max
Spiegel TV verliert Produktionsauftrag für Nachrichtensendung von D-Max

Zum Ende eines für sie aufreibenden Jahres gibt es für Spiegel TV, die zuletzt arg gebeutelte Fernsehproduktionstochter der Spiegel-Gruppe, nochmals einen Stich in die Seite: Die Hamburger verlieren den Produktionsauftrag für die werktägliche Nachrichtensendung des Discovery-Männersenders D-Max. Ab Januar übernimmt dies die RTL-Tochter Info Network.

Zwar dürfte der Verlust des dreiminütigen News-Formates, das im Spartensender nach 23 Uhr läuft, keine allzu großen neuen Löcher in die Bilanz von Spiegel TV reißen - doch der Fall illustriert die Situation: Seit vielen Jahren verliert Spiegel TV Produktionsaufträge, teils wegen wachsender Konkurrenz von allen Seiten, teils wegen Einstellung der jeweiligen Sendungen. Das begann 2004 mit dem Aus des Vox-Erotikmagazins „Wa(h)re Liebe", setzte sich 2006 fort mit dem Verkauf des bis dato verlagseigenen Informationssenders XXP und war zuletzt mit dem Verlust von Vox- und ZDF-Sendeplätzen sowie der Einstellung der Sat1-Shows von Oliver Pocher und Johannes B. Kerner noch nicht zu Ende - siehe jetzt D-Max.

Das Problem: Lange Zeit vertrauten die Verantwortlichen - allen voran Karl Dietrich Seikel (Geschäftsführer der Spiegel-Gruppe bis Ende 2006), sein Kurzzeit-Nachfolger Mario Frank (bis April 2008) sowie die Spiegel-TV-Geschäftsführer Stefan Aust (bis Sommer 2007; bis Anfang 2008 als Herausgeber) und ab 2006/2007 Fried von Bismarck (bis Mai 2011), Cassian von Salomon (bis September 2011) und Dirk Pommer - darauf, dass sich durch den Bedarf an Bewegtbildern im Internet quasi von alleine neue Betätigungs- und Erlösquellen auftun.

Voller Hoffnung darauf verzichteten die Verantwortlichen stets auf Stellenabbau, wie er sonst bei privaten TV-Produktionsfirmen bei Auftragsverlusten üblich ist; dort arbeitet man zudem mehr mit freien Mitarbeitern. Wohl noch schwerer wiegt, dass sich Spiegel TV nicht - oder zumindest nicht erfolgreich - um Neugeschäft kümmerte, das die Auftragsverluste hätte kompensieren können. Dieses offenkundige Versäumnis wog umso schwerer, seit Stefan Aust, Gründer und langjähriger Chef von Spiegel TV und ein umtriebiger Marktkenner ohnegleichen, als Print-Chefredakteur Ende 2007 vom gesamten „Spiegel"-Hof gejagt wurde. ... BITTE UMBLÄTTERN

Spiegel-TV-Geschäftsführer Dirk Pommer
Spiegel-TV-Geschäftsführer Dirk Pommer
Im September 2008 übernimmt Ove Saffe die Geschäftsführung der Spiegel-Gruppe. Da hatte man dort längst erkannt: Der Bedarf an Bewegtbildern steigt durchs Internet - doch mit den Erlösen ist das leider schwieriger. Saffe dürfte Spiegel TV schnell als Baustelle identifiziert haben. Doch er setzt erstmal andere Prioritäten. Es gilt, den Print-„Spiegel" (der etwa zwei Drittel der Gruppenerlöse und einen noch größeren Anteil der Erträge einspielt) durch die damals beginnende Finanzkrise zu steuern. Spiegel TV dagegen trägt mit rund 45 Millionen Euro (Schätzung für 2011) nur etwa 14 Prozent zum Gesamtumsatz bei - jedoch in der Vergangenheit kaum Gewinne. In diesem Jahr schreibt die Sparte sogar erneut Verluste.

Statt nach den geplatzten Internet-Hoffnungen nun wieder im klassischen TV-Geschäft die Akquisition neuer Aufträge anzutreiben, verstärkt Saffe zunächst das Controlling, vielleicht in der Hoffnung, dass mehr Transparenz bei den Kosten zugleich deren Senkung evoziert. Das Führungstrio von Bismarck/von Salomon/Pommer lässt er vorerst weiter werkeln. Erst Ende 2010 greift Saffe durch: Zunächst werden rund 40 Stellen gestrichen, durch das „Kerner"-Aus fallen weitere 55 Stellen weg. Plötzlich muss alles ganz schnell gehen. So schnell, dass Saffe sogar riskiert, dass die Feierlichkeiten zum Einzug in den neuen Verlagspalast jüngst von Negativ-Schlagzeilen über Kündigungen bei Spiegel TV überschattet werden.

Bisher hat es auch Saffe in seinen drei Jahren an der Spiegel-Spitze nicht geschafft, den dringend notwendigen Wandel seiner TV-Sparte von einer Produktions-Unit für einzelne Reportageformate, Spiegel-Online-Clips und hauseigene Imagefilme zu einem marktfähigen Auftragsproduzenten einzuleiten. Der beste Hebel dafür wäre, statt reaktiv Stellen abzubauen (unterm Strich sinkt die Zahl der TV-Vollzeitstellen durch alle Maßnahmen auf rund 150) eher neue Aufträge zu akquirieren. „Das ist unser Ziel", sagte Saffe Ende Oktober gegenüber HORIZONT.NET. Spiegel TV habe viele hoch kompetente und motivierte Mitarbeiter: „Durch neue Strukturen und Verantwortlichkeiten legen wir diese Kräfte jetzt frei."... BITTE UMBLÄTTERN

Matthias Schmolz
Matthias Schmolz
Die neuen Strukturen: Im Juni 2011 übernahm „Spiegel"-Verlagsleiter Matthias Schmolz die TV-Geschäftsführung von Fried von Bismarck, der sich gen Ruhestand verabschiedete und dem bei Spiegel TV kaum jemand einen nennenswerten Gestaltungsehrgeiz nachsagte. Und Co-Chef von Salomon verließ das Unternehmen im Herbst „in gegenseitigem Einvernehmen". Aus der alten Führungsriege blieb allein Dirk Pommer übrig, der Spiegel TV nun gemeinsam mit Schmolz leitet. Außerdem wurden in der Ebene darunter die Zuständigkeiten neu verteilt, ebenso in der TV-Chefredaktion.

Schmolz und Pommer als Vorreiter für Neugeschäft? Manch einer in TV-Mitarbeiter- und auch Gesellschafterkreisen (die Hälfte des „Spiegel" und damit auch Spiegel TV gehört den Verlagsmitarbeitern, vertreten durch eine KG-Geschäftsführung) soll da leise Zweifel hegen. Pommer gilt als versierter TV-Produktionsfachmann, Schmolz als besonnener Verlags- und Verwaltungsmanager. Neben Spiegel TV hat er noch viele weitere Aufgaben in der Gruppe. Sind das die bestmöglichen Voraussetzungen, um im umkämpften TV-Produktionsgeschäft Netzwerke zu knüpfen, kreativ Projekte anzuschieben und Aufträge an Land zu ziehen?

So verwundert es kaum, dass manche im Haus und im Markt wissen wollen, dass 2010/2011 immer wieder mal mögliche externe Nachfolger für von Bismarck sondiert worden seien. Kenner des TV-Marktes, heißt es. Doch offenbar tat man sich hier schwer. Kandidaten bei den Öffentlich-Rechtlichen seien nicht bereit gewesen, bestens abgesicherte Jobs aufzugeben. Chefs privater Produktionen hingegen wollten nicht angestellt arbeiten. Anderen sei unklar geblieben, ob Spiegel TV nun einen obersten Journalisten oder Kaufmann suche. Und ob es in Hamburg eher ums Sanieren oder ums Expandieren gehe. Schmolz jedenfalls, so sagen es „Spiegel"-Leute, die die Lage gut kennen, habe sich um den Zusatzjob bei Spiegel TV nicht gerissen. Und gehe ihn nun aber sehr gewissenhaft an.

In diesen Tagen und Wochen wird das erst Recht gelten. Umso schneller sollten er und - vor allem - Saffe nun entscheiden und ansagen, wo es hingehen soll mit Spiegel TV. rp

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