"Spiegel": Redakteure wählen langjährigen KG-Geschäftsführer ab

Mittwoch, 20. Februar 2013
Stühlerücken bei der Mitarbeiter KG des Spiegel Verlags
Stühlerücken bei der Mitarbeiter KG des Spiegel Verlags

Wahlsensation, Favoritensturz, Zeitenwende - diese Vokabeln würde der „Spiegel" (oder zumindest Spiegel Online) verwenden, schriebe er über eine politische Wahl mit überraschendem Ergebnis. Genau das ist jetzt gerade im eigenen Haus passiert: Armin Mahler, der dienstälteste Geschäftsführer der Mitarbeiter KG des Spiegel Verlags, ist im neuen Gremium nicht mehr vertreten. Das könnte Folgen haben für den Kurs des Hauses. Zur Erinnerung: Seit 1974 gehört über die Hälfte (50,5 Prozent) des Spiegel-Verlags den Redakteuren, Dokumentaren und Verlagsangestellten - über die so genannte Mitarbeiter KG. Jeder, der drei Jahre beim „Spiegel" arbeitet, kann sich als stiller Gesellschafter beteiligen. Derzeit sind es rund 760 Personen; diese wählen alle drei Jahre eine 5-köpfige ehrenamtliche Geschäftsführung. Dabei entsenden Verlag und Redaktion je zwei Vertreter, die Dokumentation einen. Das Quintett entscheidet - neben G+J (25,5 Prozent) - maßgeblich über die Strategie, den Etat sowie die Posten der Chefredakteure und des Geschäftsführers.

Vor drei Wochen begann die neue Wahlrunde, und nun sind alle Stimmen ausgezählt. Nach Informationen von HORIZONT.NET hat auf Seiten der Redaktion der neue Gegenkandidat das Rennen gewonnen: Gunther Latsch aus dem Deutschland-Ressort. Die beiden amtierenden Geschäftsführer (Wirtschaftsressortleiter Armin Mahler und „Kultur Spiegel"-Chefin Marianne Wellershoff) haben weniger Stimmen erhalten, und außerdem gleich viel. In diesem Fall sieht die KG-Satzung das Losverfahren vor - das Wellershoff gewonnen hat. Das bedeutet, dass Mahler, der dienstälteste KG-Geschäftsführer (seit 2004), abgewählt ist. Wellershoff, seit 2007 KG-Chefin, ist hingegen wieder mit dabei.

Weniger spannend war die Wahl auf Seiten der Verlagsangestellten, denn hier kandidierten nur die beiden bisherigen KG-Geschäftsführer: Vertriebschef Thomas Hass und Controller Rainer Buss. Aus der Dokumentation hat sich Anne-Sophie Fröhlich gegen Thomas Riedel durchgesetzt. Vorgänger Jan Kerbusk war nach einem verlagsinternen Jobwechsel nicht mehr angetreten.

Was bedeutet es nun, dass Latsch seinen Kollegen Mahler aus der KG-Leitung gekickt hat? Erstmal nichts Akutes, denn drei von fünf Geschäftsführern sind ja die Alten. Aber die KG-internen Diskussionen dürften sich verändern - und irgendwann wohl auch der Kurs, den man (neben G+J) dem Spiegel-Verlag und seinem Geschäftsführer Ove Saffe nahelegt.

Denn glaubt man einzelnen Stimmen aus der Redaktion, hatte sich Latsch intern als KG-Geschäftsführer beworben, der das Quintett nicht nur als Aufsichtsgremium interpretiert, sondern auch bisweilen operativ auf die Arbeit der Verlagsgeschäftsführung einwirken wolle. Dies ist spannend vor dem Hintergrund, dass Saffe, dessen Vertrag die bisherige KG-Spitze erst im Herbst um weitere fünf Jahre verlängert hatte, der Spiegel-Gruppe nun einen Sparkurs verordnet - auch beim Personal, und wohl auch in der Redaktion.

Allein dieser Gedanke gilt besonders bei alteingesessenen Redakteuren als Sakrileg, mindestens jedoch als Angriff auf die Blattqualität. Dass Latsch nun mehr Stimmen erhalten hat als Mahler und Wellershoff, darf man also auch als Opposition gegen den von der bisherigen KG-Spitze gestützten Saffe-Sparkurs werten. Das ist kein Wunder und wäre auch nicht weiter bemerkenswert, wenn hier „nur" Mitarbeiter votiert hätten. Beim „Spiegel" sind die Mitarbeiter aber eben auch Gesellschafter. Das Jahr verspricht also auch an der Ericusspitze ein spannendes zu werden - gerade in wirtschaftlich schwierigeren Zeiten. rp
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