Spiegel Mitarbeiter KG: Polarisierer Darnstädt und Steingart ohne Chance

Mittwoch, 21. März 2007
"Spiegel"-Chefredakteur Stefan Aust ist seinen schärfsten Kritiker losgeworden
"Spiegel"-Chefredakteur Stefan Aust ist seinen schärfsten Kritiker losgeworden

Die Stimmen sind ausgezählt: Wirtschaftsressortleiter Armin Mahler, Kulturredakteurin Marianne Wellershoff, Vertriebschef Thomas Hass, Controller Rainer Buss und die Dokumentarin Cordelia Freiwald sind nach HORIZONT-Informationen die neuen Geschäftsführer der Mitarbeiter KG beim "Spiegel". Diese ist mit 50,5 Prozent der Hauptgesellschafter des Hamburger Verlags, sie entscheidet also - neben Gruner + Jahr (25,5 Prozent) - maßgeblich über die Verlagsstrategie, den Etat sowie die Posten des Chefredakteurs und des Geschäftsführers. Anfang April bestimmen die fünf neuen KG-Chefs ihren Sprecher nebst Stellvertreter. Als Favoriten dafür gelten Mahler und Hass. Kernergebnis der seit Anfang Februar laufenden KG-Wahl: Der bisherige Sprecher der Geschäftsführung der Mitarbeiter KG, Thomas Darnstädt, ist nicht mehr im Gremium vertreten. Darnstädt galt - offenbar auch aus persönlichen Gründen - als scharfer Gegner von Chefredakteur Stefan Aust, der im Redaktionsalltag sein Chef ist. Darnstädt soll es angeblich auch gewesen sein, der die vorzeitige Ablösung des langjährigen "Spiegel"-Geschäftsführers Karl Dietrich Seikel betrieben hat - weil der Aust zuwenig Paroli geboten habe. Und es ist anzunehmen, dass Darnstädt in diesem Jahr auch für die vorzeitige Ablösung Austs zum Ende 2008 votiert oder diesen selber zur Kündigung veranlasst hätte. Nun kann man erwarten, dass Aust seinen bis Ende 2010 laufenden Vertrag erfüllen darf und will.

Doch trotz Darnstädts Abwahl kann sich Aust nicht ganz als Sieger fühlen, denn sein mutmaßlicher Wunschkandidat, der seinerseits polarisierende Berliner Redaktionschef Gabor Steingart, hat es ebenfalls nicht in die KG-Geschäftsführung geschafft. Steingart, dem Ambitionen auf die Nachfolge seines Mentors Aust nachgesagt werden, liegt verlagsstrategisch voll auf der Linie seines Chefs: Beide fordern etwa den weitgehenden Verzicht auf Line Extensions, weil sie befürchten, diese könnten den Haupt-"Spiegel" Auflage und Investitionsmittel kosten.

Auch der neue "Spiegel"-Geschäftsführer Mario Frank dürfte das Wahlergebnis mit einem lachenden und einem weinenden Augen betrachten: Einerseits bleiben ihm Steingart und dessen bisweilen polemisch formulierten Ansichten zur Verlagsführung erspart. Andererseits könnte "Spiegel"-Neuling Frank, dem manche Mitarbeiter mangelnde Magazinerfahrung und einen zu starken Stallgeruch des stets misstrauisch beäugten Mitgesellschafters G+J ankreiden, nach Darnstädts Demission nun ein wichtiger Rückhalt fehlen - denn Frank galt als Kandidat der bisherigen KG-Führung.

Abgesehen von diesen Implikationen, spiegelt die Ab- und die Nicht-Wahl der Polarisierer Darnstädt und Steingart vor allem die Sehnsucht der "Spiegel"-Mitarbeiter nach einer sachlichen Zusammenarbeit von KG, Verlagsgeschäftsführung und Chefredaktion wider: Der wiedergewählte Geschäftsführer Mahler, 52, hat sich bisher aus allen Querelen herausgehalten. Er gilt als besonnen, gewinnträchtigen Line Extensions gegenüber aufgeschlossen und - wie Aust - als ein Befürworter des bundesweiten Sonntagsvertriebs. Wellershoff, 43, möchte als Neuling in der KG-Geschäftsführung unternehmerisches Denken im Gremium stärken; man müsse den "Spiegel" als Marke begreifen.

Die Wahlsieger der Verlagsabteilungen, Hass und Buss, treten beide zum ersten Mal in die KG-Geschäftsführung ein. Bemerkenswert: Mit Buss sitzt nun ein Controller im Führungsgremium des "Spiegel"-Hauptgesellschafters. Freiwald, die den der Dokumentation zustehenden fünften Posten besetzt, war schon bisher Geschäftsführerin.

Seit 1974 gehört die Hälfte des Spiegel-Verlags den Redakteuren, Dokumentationsjournalisten und Verlagsangestellten. Jeder Mitarbeiter, der drei Jahre beim "Spiegel" arbeitet, kann sich als stiller Gesellschafter an der Mitarbeiter KG beteiligen. Derzeit sind es rund 800 Personen; diese wählen alle drei Jahre eine 5-köpfige ehrenamtliche Geschäftsführung. rp



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