"Spiegel"-Chefredaktion signalisiert Sparbereitschaft / Zweite Chance für "Eines Tages"

Freitag, 05. Dezember 2008
Mathias Müller von Blumencron, Georg Mascolo (v.l.)
Mathias Müller von Blumencron, Georg Mascolo (v.l.)

Auch den "Spiegel" lässt die Wirtschafts- und Werbekonjunkturkrise nicht unberührt. 2009 werde "geschäftlich ein schwieriges Jahr - für alle Blätter", sagt Mathias Müller von Blumencron, neben Georg Mascolo Chefredakteur des Nachrichtenmagazins, im Doppelinterview mit der "FAZ". Müller von Blumencron weiter: "Wir werden sparsamer wirtschaften müssen". Dennoch gebe es keinen Einstellungsstopp. Dass sich die Chefredaktion des "Spiegel" derart zum Geschäftsgebaren äußert, kann als öffentliches Kooperationssignal an die Geschäftsführung um Ove Saffe gelesen werden, das dem Frieden im Haus dienen dürfte. Denn wenn Saffe die Journalisten zur Sparsamkeit aufgefordert hätte, hätte dies die Redaktion, die beim "Spiegel" seit jeher eine stärkere Stellung hat als in anderen Verlagen, wohl öffentlichkeitswirksam wenig goutiert.

In Verlagskreisen kursieren für die drei Magazine "Spiegel", "Stern" und "Focus" fürs kommende Jahr geschätzte Rückgänge beim Anzeigenumsatz zwischen 5 und 15 Prozent. Schon 2008 sieht es nicht besser aus: Bis Ende Oktober lag der "Spiegel" mit brutto 99 Millionen Euro (ohne Medienwerbung) 9,3 Prozent unter Vorjahr, netto dürften es zwischen 10 und 11 Prozent sein. Kein Trost ist, dass das Minus bei "Stern" und "Focus" wohl noch größer ist. Auf der anderen Seite sehen die "Spiegel"-Chefredakteure ihr Heft im Lesermarkt als Krisengewinnler: "Es ist eine Zeit für anspruchsvollen Journalismus", sagt Müller von Blumencron. Deswegen liege der "Spiegel" im Einzelverkauf im laufenden 4. Quartal "deutlich über dem Vorjahr". Dazu Mascolo: "Mir geht in diesen zugegeben schwierigen Zeiten zu häufig der Gedanke verloren, dass Krisen für Journalisten auch ,gute' Zeiten sind". Die Menschen wollten wissen und verstehen, was geschieht.

Anders als von "Spiegel"-Verlagsmanagern in der Vergangenheit mitunter erwogen, erteilt die Chefredaktion einer Fusion der Print- und Onlineredaktion eine klare Absage: "Wir werden die Redaktionen von ,Spiegel' und ,Spiegel Online' nicht zusammenlegen", sagt Mascolo. Ein "vibrierender Newsroom" fürs Internet und im selben Raum zugleich große Geschichten fürs Magazin zu produzieren - das funktioniere nicht. Auch noch nicht so ganz funktioniert hat "Eines Tages", der gedruckte Ableger des gleichnamigen Zeitgeschichte-Portals auf Spiegel Online. Im September war ein Testheft erschienen (Druckauflage: 200.000 Stück). Von "Eines Tages" seien weniger Hefte verkauft worden als erhofft, räumt Müller von Blumencron ein. Aber die Resonanz aus Kritiken und Marktforschung sei sehr gut gewesen: "Wir werden deshalb einen zweiten Versuch machen." rp
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