"Spiegel"-Chefredaktion: Heftiger Gegenwind für Georg Mascolo

von Roland Pimpl
Freitag, 20. April 2012
"Der Spiegel": Neues Gebäude, neuer Streit
"Der Spiegel": Neues Gebäude, neuer Streit

Wann ist ein „Spiegel"-Chefredakteur so richtig im Amt angekommen? Antwort: Wenn er den Status des Umstrittenen erreicht. Wenn er sich interne Feindschaften erarbeitet hat. Und wenn Ablösungsgerüchte die Runde machen. So gesehen, ist Georg Mascolo, seit Anfang 2008 Chefredakteur des Nachrichtenmagazins, spätestens jetzt auf seinem Posten heimisch geworden. Denn die Diskussionen um die Amtsführung haben mittlerweile eine Qualität erreicht, die an die spannendsten Zeiten unter seinem Vorgänger Stefan Aust erinnert. Das jüngste Gerücht ist schnell erzählt: Angeblich gab es Gespräche zwischen „Spiegel"-Geschäftsführer Ove Saffe und zwei der drei Gesellschafter - der Mitarbeiter KG, der 50,5 Prozent des Verlags gehört, und Gruner + Jahr (25,5 Prozent) - über eine mögliche Ablösung von Mascolo oder eine Neuordnung der Chefredaktion, der gleichrangig auch Mathias Müller von Blumencron als Digital-Chef angehört. Eine „Spiegel"-Sprecherin dementiert dies klar.

Laut einer alternativen Gerüchtevariante sprechen die Gesellschafter direkt miteinander über dieses Thema. Dies dementieren sowohl die Mitarbeiter KG als auch G+J. „Es gab und gibt keine Gespräche der Mitarbeiter KG mit wem auch immer über eine Neubesetzung der ,Spiegel‘-Chefredaktion", erklärt KG-Geschäftführer Armin Mahler, im Hauptjob Leiter des Wirtschaftsressorts, auf Anfrage von HORIZONT.NET. Die nächste reguläre (halbjährliche) Gesellschafterversammlung findet laut Verlagskreisen angeblich im Mai statt.

Also außer Gerüchten nichts gewesen? Doch. Georg Mascolo, der seit Anfang 2011 nach oft kolportierten inhaltlichen und atmosphärischen Disharmonien mit Müller von Blumencron die alleinige Verantwortung für den Print-„Spiegel" trägt (bis dato waren beide gemeinsam für Print und Online zuständig), weht in seinem Eckbüro im neuen „Spiegel"-Prachtbau an der Hamburger Ericusspitze der Wind heftig entgegen - und zwar aus gleich vier Richtungen.
BITTE UMBLÄTTERN: Die Sache mit Paid Content

1 - Die Sache mit Paid Content

Zoff unter Chefredakteuren? Mathias Müller von Blumencron (l.) und Georg Mascolo
Zoff unter Chefredakteuren? Mathias Müller von Blumencron (l.) und Georg Mascolo
Neulich gab es dem Vernehmen nach eine jener Konferenzen beim „Spiegel", an denen wie üblich Mascolo, Müller von Blumencron, Saffe und noch etliche weitere Führungskräfte teilnahmen. Meetings, bei denen die Redaktionsseite bei Diskussionen mit den Kaufleuten normalerweise an einem Strang ziehen sollte. Doch an jenem Tag war alles anders: Glaubt man den Berichten, sind Mascolo und Müller von Blumencron massiv aneinander geraten.

Zwei Weltsichten prallten da wohl aufeinander: Mascolo möchte die bröckelnde Print-Auflage dadurch schützen, dass das erfolgreiche Kostenlos-Portal Spiegel Online eher früher als später eine Bezahlschanke herunterlässt. Müller von Blumencron, dessen Erfolg an der Reichweite als Basis für Werbefinanzierung gemessen wird, ist naturgemäß dagegen. Der Glaubenskrieg der Branche, er findet auch beim „Spiegel" statt - und durch die immer wieder kolportierten Animositäten zwischen beiden Chefredakteuren sogar heftiger als anderswo.

So heftig, dass sich dann, so erzählt man sich im Haus, auch Geschäftsführer Ove Saffe gezwungen sah einzugreifen - und sich klar zu positionieren. Saffe, der eher als jemand gilt, der sich lieber später als früher auf eine Richtung festlegt. Er entschied offenkundig: Der Verlag führt keinen Paid Content ein, (nur) um Print zu schützen. Sondern nur, erst und vielleicht dann, wenn Bezahlinhalte eines Tages mal ein eigenes Geschäftsmodell hergeben.

Stattdessen lautet die Online-Devise: vermarktbare Reichweite durch Gratisinhalte. Fast ein Drittel der Werbeerlöse der Marke erzielt man bereits durch Spiegel Online (2011: geschätzt 40 Millionen Euro), das ist ein zweistelliges Prozent-Plus gegenüber 2010. Allerdings weiß niemand, ob das in Zukunft so bleibt, wenn das Web und schlechter vermarktbare mobile Angebote auch jenseits der Medien immer alltäglicher werden. Denn je mehr das digitale Inventar wächst, desto stärker sinken dort die Werbepreise. Und bei aller Euphorie über die derzeit wachsenden Web-Werbeerlöse sollte man die (Print- und App-) Vertriebserlöse nicht vergessen: beim „Spiegel" zuletzt geschätzt 135 Millionen Euro. Paid Content.

Dennoch, Mascolo hat sie in dieser Frage wohl alle gegen sich, je schärfer er seine Pay-Forderungen formuliert: den Hauptgesellschafter Mitarbeiter KG, Saffe, Müller von Blumencron sowieso. Nur einige der mächtigen (Print-) Ressortleiter, die auf ihn hoffen als letzte Bastion des Credos, dass alle „Spiegel"-Produkte Geld kosten müssten, hat er hier angeblich auf seiner Seite.
BITTE UMBLÄTTERN: Die Sache mit der Produktabgrenzung

2 - Die Sache mit der Produktabgrenzung

Print-Verfechter: Georg Mascolo
Print-Verfechter: Georg Mascolo
Die Abo-Verkäufer des „Spiegel" wissen davon ein Lied zu singen. Immer häufiger hören sie: „Warum soll ich den ,Spiegel‘ kaufen, es gibt doch kostenlos Spiegel Online." Die lesende Öffentlichkeit nimmt beide als ein Gesamtangebot wahr, je mehr und je früher Spiegel Online Inhalte aus dem Heft ins Netz hebt (was der Verlag wohl auf Mascolos Betreiben zuletzt stark zurückgefahren hat) und je mehr eigene klassische Magazingeschichten Spiegel Online bringt.

Dass hinter den Print-Inhalten bei der Recherche wesentlich mehr Aufwand, Genauigkeit und so genannte „Qualität" steckt, das scheint immer mehr Lesern egal zu sein. Oder schlimmer: Oberflächlichkeiten, Boulevardisierung und Fehler, die sich mitunter bei Spiegel Online einschleichen, dürften Leser auch dem Heft zurechnen. Mascolo kann das alles kaum Recht sein, und er dürfte daraus auch keinen Hehl machen. Jedoch: Strategische Produkttrennung und kommunikative Markenabgrenzung - sind das Fragen, die allein die offenkundig zerstrittenen Chefredakteure unter sich ausmachen sollten? Oder sind jetzt eher Geschäftsführung und Gesellschafter gefragt, weil Verlag und Branche an einem Wendepunkt stehen?
BITTE UMBLÄTTERN: Die Sache mit der Auflage und der Blattqualität

3 - Die Sache mit der Auflage und der Blattqualität

Der Mann fürs Web: Mathias Müller von Blumencron
Der Mann fürs Web: Mathias Müller von Blumencron
Bei allen beschriebenen Diskussionen im Hause „Spiegel" stärken der stetig schleichende - genretypische - Auflagenrückgang in Print und der parallele Reichweitenzuwachs im Netz Mascolo nicht gerade den Rücken. Auch wenn Mediendienste da bisweilen Äpfel und Birnen vergleichen: „Landlust" (verkaufte IVW-Auflage 1. Quartal 2012: 1.010.873 Hefte, plus 26 Prozent) überholt den „Spiegel" (933.394 Hefte, minus 3,5 Prozent)? Naja, „Landlust" erscheint nur alle zwei Monate, der „Spiegel" dagegen verkauft seine Hefte jede Woche. Und das Web-Portal hat bereits mehr Leser als das Magazin? Nein, denn die Agof-Zahl (11,3 Millionen Unique User) bezieht sich auf einen Monat (Januar 2012), während der Agma-Wert bei Print (MA 2012/I: 6,3 Millionen Leser) auf eine Wochenausgabe rekurriert.

Dennoch: Die Nervosität steigt, zumal auch interne Kritik an Titelgeschichten und Cover-Gestaltung laut wird. Dies jedoch gab es schon bei Stefan Aust, dem latente Neoliberalität unterstellt wurde. Mascolo hingegen wird mitunter eine Rechthaber-Attitüde vorgeworfen, jedoch ohne Austs Mut, Themen und Titel im Blatt auch mal gegen den Strich zu bürsten.
BITTE UMBLÄTTERN: Die Sache mit den Frauen und dem Führungsstil

4 - Die Sache mit den Frauen und dem Führungsstil

 
Will keine Bezahlschranke: Geschäftsführer Ove Saffe
Will keine Bezahlschranke: Geschäftsführer Ove Saffe
Man und Mann glaubt es kaum: Das Thema Frauenförderung wird beim „Spiegel" noch aufgeregter debattiert als anderswo. Die Frauenfraktion wirft Mascolo vor, er blockiere versprochene Projekte. Auch damit stünde er ganz in der Tradition seines Vorgängers: Es gibt nicht wenige MitarbeiterInnen, die Austs unfreiwillige Demission Ende 2007 auch mit seiner Opposition gegen allzu explizite Frauenförderung erklären. Und mit einem angeblich rüden Führungsstil und Umgang mit Mitarbeitern. Auch über Mascolo hört man dies bisweilen.
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