Spiegel-Chefredakteur Stefan Aust liest Verlagen die Leviten

Mittwoch, 07. März 2007
Stefan Aust
Stefan Aust

Deutliche Worte richtet "Spiegel"-Chefredakteur Stefan Aust an die deutschen Verlage: Im exklusiven HORIZONT-Interview kritisiert der streitbare Top-Journalist die Strategie zahlreicher Medienhäuser, Umsatzwachstum vor allem durch Line Extensions und neue Nischentitel erzielen zu wollen. Dahinter steckten "in vielen Fällen eher Milchmädchenrechnungen". Aust: "Verlage dürfen ihre Kernmarken nicht vernachlässigen zugunsten hochglänzender, aber möglicherweise erfolgloser Nebenprodukte". Denn man merke, "dass etwa das Papier von "Park Avenue" mit dem vom "Stern" bezahlt wird", stichelt Aust in Richtung des "Spiegel"-Gesellschafters Gruner + Jahr (25,5 Prozent). Doch sein Aufruf zur Vorsicht bei Line Extensions richtet sich vor allem an die eigene neue Geschäftsführung unter Mario Frank. Man müsse aufpassen, dass man den "Spiegel" nicht austauschbar mache, indem man unter seiner Marke zu viele Ableger gründe. Aust: "Wir dürfen den "Spiegel" weder inflationieren noch kannibalisieren, denn das wird sich langfristig rächen." Zudem dürfe man vom Hauptobjekt des Verlags keine Investitionsmittel abziehen - im Gegenteil: "Wir müssen uns Gedanken machen über den Wert des Heftes", sagt Aust mit Verweis auf die Copypreiserhöhungen der vergangenen Jahre: "Wenn man für ein Heft einen hohen Preis verlangt, muss man dem Käufer auch hinsichtlich der materiellen Ausstattung einen gewissen Wert in die Hand geben." Neue Hochglanzmagazine wie "Park Avenue" und "Vanity Fair" hätten in puncto Druck und Papier "die Maßstäbe beim Käufer verändert".

Austs Appelle sind auch vor dem Hintergrund der derzeit laufenden Wahl der Geschäftsführung der Mitarbeiter KG, mit 50,5 Prozent Hauptgesellschafter des "Spiegel", zu lesen. Sie endet am 20. März. Doch selbst wenn die bisherige Aust-kritische KG-Führung wiedergewählt werden sollte: Der 60-Jährige sieht "im Augenblick keinen Anlass, darüber nachzudenken", das Handtuch zu werfen. Sein Vertrag als Chefredakteur läuft bis Ende 2010; allerdings können er oder die Gesellschafter den Kontrakt noch in diesem Jahr vorzeitig zum Ende 2008 kündigen. Mit Blick auf seine Nachfolge rät Aust von der bisweilen diskutierten Doppelspitze - etwa mit der Chefredaktion von Spiegel Online - ab: "Für alles, wo "Spiegel" draufsteht, muss eine Person, nämlich der Print-Chefredakteur, der zuletzt Verantwortliche sein." rp

Das Interview mit Stefan Aust lesen Sie in der HORIZONT-Ausgabe 10/2007, die am Donnerstag, 8. März erscheint.



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