"Spiegel": Blumencron und Mascolo sollen Chefredakteure werden

Donnerstag, 17. Januar 2008
Beim "Spiegel" endet die Ära Aust
Beim "Spiegel" endet die Ära Aust

Es scheint vollbracht: Der „Spiegel" hat eine neue Chefredaktion als Nachfolge für Stefan Aust gefunden. Der HORIZONT-Medienmann des Jahres 2007, Mathias Müller von Blumencron, bisher Spiegel Online-Chef, und Georg Mascolo, einer der Chefs des Berliner „Spiegel"-Büros, werden künftig als Doppelspitze das Nachrichtenmagazin leiten. Möglicherweise sollen sie ihr Amt bereits am 1. Februar antreten. Darauf hat sich offenbar die Mitarbeiter KG, der Mehrheitsgesellschafter des „Spiegel" (50,5 Prozent), in dieser Woche geeinigt.
Der 25,5-Prozent-Gesellschafter Gruner + Jahr soll seine notwendige Zustimmung signalisiert haben. Ein Gesellschafterbeschluss ist aber noch nicht gefallen; dies soll in der kommenden Wochen geschehen. Das Votum der Augstein-Erben (24 Prozent) ist formal ohne Belang.

Bildet Doppelspitze mit Georg Mascolo: Mathias Müller von Blumencron
Bildet Doppelspitze mit Georg Mascolo: Mathias Müller von Blumencron
Noch unklar ist, ob Martin Doerry, bislang stellvertretender Chefredakteur, auf seinem Posten bleibt, künftig das Berliner Büros leitet - oder das Blatt verlässt. Der zweite bisherige Stellvertreter, Joachim Preuß, hat bereits erklärt, das er den „Spiegel" mit Aust verlässt. Ebenfalls noch nicht bekannt ist, welche formale Funktion Blumencron künftig bei Spiegel Online haben und welche Rolle sein bisheriger Stellvertreter Wolfgang Büchner spielen wird. Eine Spiegel-Sprecherin bestätigte alle Spekulationen bisher nicht.

 Mit der vermutlichen  Entscheidung geht eine wochenlange, quasi öffentliche und damit fast absurde Suche nach einer Nachfolgelösung für den vorzeitig geschassten Aust zuende. Dies dürfte dem Nimbus des „Spiegel" im Leser- und Werbemarkt kaum genutzt haben; andererseits belegte das Presseecho das herausragende öffentliche Interesse am Nachrichtenmagazin aus Hamburg.

Mathias Müller von Blumencron

Mathias Müller von Blumencron, Jahrgang 1960, begann nach Jurastudium und Volontariat 1989 als Redakteur bei „Capital". Ein Jahr später wechselte der gebürtige Hamburger als Korrespondent (Zürich, Berlin) zur „Wirtschaftswoche". 1992 kam Blumencron zum „Spiegel" ins Ressort Deutschland II und wurde dort 1996 stellvertretender Leiter. Im Oktober 1996 ging er als Wirtschaftskorrespondent nach Washington, ab 1998 berichtete er aus New York. Seit Dezember 2000 ist der heute 47-Jährige Chefredakteur von Spiegel Online.

Die Entscheidung für Blumencron, 47, würde den Willen der Gesellschafter zeigen, das gedruckte Heft, dessen Auflage der scheidende Chefredakteur Aust über Jahre stabil auf höchstem Niveau halten konnte, enger mit dem nicht minder erfolgreichen Online-Ableger zu verzahnen - sowohl hinsichtlich der Arbeitsabläufe als auch der Markenführung. Dafür hat Blumencron vor wenigen Wochen im HORIZONT-Interview bereits die Richtung vorgezeichnet: Während der gedruckte „Spiegel" die Leser einmal wöchentlich mit „aktuellen, exklusiven und hintergründigen Geschichten" erreiche, müsse Spiegel Online diese Themen „weiterdrehen und aktuell nachlegen", so Blumencron.

  Beim Näherrücken zwischen „Spiegel" und Spiegel Online könnten sich die Hamburger vorstellen, künftig auf den Namenszusatz „Online" zu verzichten. „Ich möchte nicht ausschließen, dass wir dieses Label später einmal aufgeben und damit bereits im Produktnamen dokumentieren, dass beide Medien weiter zusammenwachsen", so Blumencron.

Georg Mascolo

Georg Mascolo, 42, wechselte 1991 von Spiegel TV zum Nachrichtenmagazin. Dort leitete er später das Deutschland-II-Ressort, das für das Geschehen im Land und in den Bundesländern jenseits der Hauptstadt-Politik zuständig ist. Später ging er für den „Spiegel" als Korrespondent nach Washington. Seit Juli 2007 leitet er, gemeinsam mit Dirk Kurbjuweit das einflussreiche Berliner Büro des Blattes.

Der Zusammenlegung der Redaktionen indes erteilt er eine Absage: Ein gemeinsamer Newsroom ergebe wenig Sinn, weil sich die Art und die Intensität der Geschichten und damit die Arbeitsweise der Print- und Online-Redakteure zu sehr unterschieden. Blumencron: „Hier ist mehr Koordination als Fusion angebracht." Dennoch weiß Blumencron, dass er künftig noch manche Brücke zwischen Print und Online wird bauen müssen: Das Verhältnis zueinander werde „immer besser - wobei es noch deutlich besser sein könnte". Abgesehen davon sei es „absurd, die unterschiedlichen Medienkanäle gegeneinander auszuspielen. Print, Online und TV sind die tragenden journalistischen Säulen der Marke ,Spiegel‘, wobei das Heft immer noch den Ton angibt".
Dabei könne Print auch von Online lernen: „Manche Printmedien müssten die Onlinewelt als Thema ernster nehmen", so Blumencron. In Ergänzung zu Online mit seinen Multimedia-Features und Verlinkungen „sollten sich Zeitungen und Magazine daher durch mehr inhaltliche Tiefe, optische Ruhe und Opulenz von der eher hektischen Onlinewelt unterscheiden - wobei auch die Gestaltung der Internetmedien etwas mehr Ruhe vertragen könnte", so Blumencron.


Georg Mascolo, 42, stand bisher weniger im Rampenlicht „Spiegel"-interner Grundsatzdiskussionen. Er gilt als Top-Journalist und -Rechercheur und war bereits früher von Aust als einer seiner möglichen Nachfolger ins Gespräch gebracht worden. Dieser hatte Mascolo 1991 zu Spiegel TV geholt.
Mitte November 2007 war überraschend bekannt geworden, dass die Gesellschafter des „Spiegel" auf Betreiben der Mitarbeiter KG den Vertrag mit Stefan Aust, seit 1994 erfolgreicher, aber intern auch umstrittener Chefredakteur, vorzeitig zum Ende 2008 kündigen, anstatt ihn 2010 regulär auslaufen zu lassen. „Wir sind der Meinung, dass der ,Spiegel‘ einen Modernisierungsschub braucht. Wir wollen mehr junge Leute an das Blatt binden. Dazu braucht es eine frische, neue Kraft", lautete die Begründung der Mitarbeiter KG für Austs Demission.
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