"Sichtbare Qualitätsverbesserung": Chefin des DuMont-Reporterpools zieht positive Bilanz

Donnerstag, 19. August 2010
Brigitte Fehrle
Brigitte Fehrle

Ende April hat der Kölner Verlag M. DuMont Schauberg seine umstrittene Redaktionsgemeinschaft gegründet, die die Abotitel des Verlags ("Frankfurter Rundschau", "Berliner Zeitung", "Kölner Stadt-Anzeiger" und "Mitteldeutsche Zeitung" in Halle) enger miteinander verzahnen soll. Seitdem liefert unter der Leitung von Brigittel Fehrle ein 16-köpfiges Team in Berlin für die Zeitungen Beiträge zum Thema Politik. Ein neun Mann starkes Team in Frankfurt steuert die Wirtschaftsberichterstattung bei. HORIZONT.NET hat exklusiv mit Chefredakteurin Fehrle darüber gesprochen, welche Chancen aber auch Risiken die veränderte Struktur in sich birgt. bn

Brigitte Fehrle: "Sichtbare Qualitätsverbesserung"

Ende April ist die DuMont Redaktionsgemeinschaft an den Start gegangen. Wie sieht Ihre erste Bilanz aus?
Brigitte Fehrle:
Die sichtbare Qualitätsverbesserung ist für mich wirklich das frappierenste an dem ganzen Projekt. Es fließt viel mehr journalistische Energie in die beiden Blätter, weil sich die Zahl der Autoren verdoppelt hat. Dank dieser Ressourcen gab es kein Thema in den letzten Monaten, das wir nicht hätten aufgreifen können. Den Qualitätsschub haben auch die Stammredaktionen in Berlin und Frankfurt sehr früh wahrgenommen. Selbst die größten Kritiker haben anerkannt, dass wir bessere Texte im Blatt haben.

Allerdings bemängeln viele Experten, dass die publizistische Vielfalt leidet. Was entgegnen sie denen? 
Einige Journalisten-Kollegen und Profi-Leser sagen natürlich, dass sie in Zukunft nur noch einen der beiden Titel lesen werden. Dagegen kann ich nur sagen, dass wir keine Zeitung für die Profis machen, sondern für die normalen Leser und hier sind die Überschneidungen bei unseren Tageszeitungen sehr gering. Ich kenne nur einen Leserbrief aus der "Berliner Zeitung", in dem jemand geschrieben hat, dass er beide Blätter abonniert hat und nun eines davon abbestellen will.

Wie wird die Redaktionsgemeinschaft außen wahrgenommen? Müssen Sie gegenüber ihren Ansprechpartnern in der Politik noch ausführlich erklären, für wen Sie arbeiten?
Eigentlich nicht mehr. Inzwischen hat sich herumgesprochen, wer wir sind. Wenn ich also sage, ich arbeite für die DuMont Redaktionsgemeinschaft, dann wissen die meisten, dass wir für die "Frankfurter Rundschau" und "Berliner Zeitung" schreiben, und auch die "Mitteldeutsche Zeitung" und der "Kölner Stadt-Anzeiger" von uns profitieren. Am Anfang haben wir eine Imagebroschüre herausgegeben, auf die wir sehr viel positive Resonanz bekommen haben.

Heißt das, dass Sie aufgrund der geballten Auflagenstärke heute leichter an Interviews mit den wichtigen Persönlichkeiten der Politik herankommen?
Ich würde nicht sagen leichter, denn auch früher hatte die "Berliner Zeitung" und die "Frankfurter Rundschau" alle wichtigen Leute bekommen. Allerdings geht es heute wesentlich schneller. Alle vier DuMont-Abotitel inklusive "Kölner Stadt-Anzeiger" und "Mitteldeutsche Zeitung" in Halle erreichen zusammen eine Auflage von 750.00 Exemplaren. Vier Ballungszentren in Deutschland sind darüber abgedeckt. Für jemanden, der eine Botschaft platzieren möchte, ist das ein unschlagbares Argument. So haben wir zum Beispiel sehr früh einen Termin mit dem ehemaligen Präsidentschaftskandidaten Joachim Gauck bekommen.

Inwiefern beeinträchtigt es die Außenwahrnehmung, dass die Redaktionsgemeinschaft in den Zeitungen nie als Quelle genannt wird, sondern Exklusiv-Geschichten abwechselnd der "Berliner Zeitung" und der "Frankfurter Rundschau" zugeschrieben werden?
Kurze Zeit haben wir mal darüber nachgedacht, die DuMont Redaktionsgemeinschaft als eigene Marke zu positionieren. Aber das ist schwer, vor allem dann wenn die Marke nirgendwo sichtbar ist. Außerdem haben wir ein anderes Ziel: Wir wollen keine DuMont-Zeitung machen, sondern die beiden bestehenden Titel stärken. Daher haben wir uns entschieden, einmal das eine Blatt, mal das andere als Quelle anzugeben. Das heißt natürlich, dass wir im Medientenor Nachteile haben, aber das nehmen wir in Kauf. Wichtiger ist uns, dass wir in der "Tagesschau" oder im Deutschlandfunk zitiert werden.

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Sehen Sie dennoch Nachteile in der neuen Struktur, zum Beispiel in dem enorm hohen Abstimmungsbedarf?
Wenn man einen Nachteil nennen müsste, ist das die geringere Flexibilität. Trifft plötzlich nachmittags eine wichtige Eilmeldung ein, würde man normalerweise mit dem Chefredakteur eine kurze Stehkonferenz im Büro abhalten, um zu besprechen, wie man am besten darauf reagiert. Die Sache ist dann meist in Minuten erledigt. Wenn in der DuMont Redaktionsgemeinschaft eine Eilmeldung eingeht, muss das mit den Zentralen in Berlin und Frankfurt besprochen werden. Gerade wenn das nachmittags passiert, wenn wir ohnehin unter Zeitdruck stehen, ist höchste Konzentration gefordert.

Der Abstimmungsaufwand wird in Zukunft nicht geringer, denn irgendwann sollen ja auch der "Kölner Stadt-Anzeiger" und die "Mitteldeutsche Zeitung" voll in die Struktur integriert werden.
Im Wirtschaftsteil ist die Vollintegration bereits vollzogen. Das heißt, mein Stellvertreter Robert von Heusinger, der den Bereich Wirtschaft in Frankfurt leitet, konferiert täglich mit den Redaktionen in Halle und Köln. Für den Politik-Bereich, den ich hier in Berlin verantworte, ist das ebenfalls angedacht. Wir werden hierbei Schritt für Schritt vorgehen.

Welche weiteren Veränderungen wird es noch geben?
Ab diesem Monat wird die Redaktionsgemeinschaft zusätzlich zu den Printtexten auch für die Internetauftritte der "Berliner Zeitung" und "Frankfurter Rundschau" arbeiten. Das kann ein nachrichtlicher Text sein, aber auch ein Kommentar, eine Analyse oder ein Interview. Demnächst kommt ein Kollege aus Frankfurt nach Berlin, mit dem wir die Details besprechen. Und dann kann es auch schon losgehen. Wir fühlen uns im Team inzwischen so gefestigt, dass wir diese zusätzliche Aufgabe ohne große Probleme übernehmen können.

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Eine Reportage über den Reporterpool lesen Sie in der aktuellen HORIZONT-Ausgabe 33/2010, die am 19.08.2010 erscheint.


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Im Gesellschaftervertrag steht, dass die DuMont Redaktionsgemeinschaft auch die Aufgabe hat, journalistische Inhalte an Dritte - also an Nicht-DuMont Blätter - zu liefern. Ist da noch etwas im Busch?
Ich beabsichtige derartige Dinge nicht und kenne auch keine Pläne aus dem Konzern, die in diese Richtung gehen. Eine Belieferung an Dritte steht unserer Arbeitsweise im Übrigen entgegen. Wir verstehen uns nämlich nicht als externer Dienstleister, sondern als konzeptioneller Bestandteil der "Berliner Zeitung" und "Frankfurter Rundschau" - irgendwann kommen auch der "Kölner Stadt-Anzeiger" und die "Mitteldeutschen Zeitung" hinzu. Unser Anspruch ist es, die Tageszeitungen passgenau zu beliefern und das lässt sich nicht auf beliebig viele Titel ausdehnen. Da die vier Tageszeitungen zu einer Familie gehören, funktioniert das, aber bei Außenstehenden wird das schwierig. Dann wird man tatsächlich zu einem reinen Dienstleister, was sich jedoch nicht mit unserem Selbstverständnis verträgt. Interview: bn

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