"Seelenlose Redaktionsklempnerei": WAZ steht wegen Kahlschlag bei "Westfälischer Rundschau" am Pranger

Dienstag, 15. Januar 2013
Die WAZ Mediengruppe macht die Redaktion der "Westfälischen Rundschau" dicht
Die WAZ Mediengruppe macht die Redaktion der "Westfälischen Rundschau" dicht

Die Zeitungskrise, die Ende 2012 mit dem Aus für die "FTD" und der Insolvenz der "Frankfurter Rundschau" ihren vorläufigen Höhepunkt erreichte, scheint sich 2013 ungebremst fortzusetzen. Diesmal trifft es die "Westfälische Rundschau". Die im Jahr 1946 gegründete und in Dortmund beheimatete Tageszeitung aus der WAZ Mediengruppe wird ihren Lesern künftig keine eigenen Inhalte mehr liefern können. Grund: Die WAZ Mediengruppe macht die gesamte Redaktion der "Westfälischen Rundschau" dicht. Davon sind 120 Redakteure und Redaktionsmitarbeiter betroffen. Dagegen regt sich heftiger Protest. Der SPD-geführte Mitgesellschafter DDVG wirft der WAZ Mediengruppe " seelenlose Redaktionsklempnerei" vor.  Die Traditionszeitung, die zusammen mit den übrigen NRW-Titeln "Neue Ruhr/Neue Rhein-Zeitung", "Westdeutsche Allgemeine Zeitung" und "Westfalenpost" auf eine Gesamtauflage von rund 700.000 verkauften Exemplaren kommt, solle erhalten werden, teilt die WAZ Mediengruppe in einem Statement mit. Da die "Westfälische Rundschau" seit Jahren Millionenverluste schreibe, müsse diese nun aber "grundlegend saniert" werden, heißt es bei dem Essener Konzern.

Die Konsequenz ist, dass die WAZ Mediengruppe in dem Verbreitungsgebiet künftig auch mit anderen Verlagen zusammenarbeiten will. So werden die Ausgaben der "Westfälischen Rundschau" in Dortmund, Lünen und Schwerte ab Februar 2013 mit den lokalen Inhalten der "Ruhr Nachrichten" aus dem Verlag Lensing-Wolff beliefert. Zum gleichen Zeitpunkt werden auch die im Märkischen Kreis erscheinenden Ausgaben vom Märkischen Zeitungsverlag beliefert. Die Lokalteile im Verbreitungsgebiet Unna und Kamen werden künftig vom "Hellweger Anzeiger"  aus dem Rubens-Verlag bestückt. Die Berichterstattung aus Arnsberg und Hagen übernimmt vollständig die "Westfalenpost". Diese ist künftig auch für die lokale Berichterstattung für Wetter/Herdecke und Ennepe-Süd verantwortlich, wo eine Lokalredaktion aufgebaut werden soll. Die Mantelthemen der "Westfälischen Rundschau" werden komplett vom Content-Desk der WAZ Mediengruppe geliefert.

„Wir wissen, dass das für die Betroffenen und ihre Familien sehr hart ist, aber wir sehen im Interesse des gesamten Unternehmens leider keine andere Möglichkeit“, erklärt Manfred Braun, Geschäftsführer der WAZ Mediengruppe. „Wir werden alles daran setzen, diesen Arbeitsplatzabbau so sozialverträglich wie möglich zu gestalten“, ergänzt WAZ-Geschäftsführer Christian Nienhaus. Verlag und Betriebsrat haben laut Unternehmensangaben bereits eine Verlängerung eines bestehenden Sozialplans vereinbart. Darüber hinaus habe die Geschäftsführung zugesichert, frei werdende Stellen in Nordrhein-Westfalen bevorzugt mit Mitarbeitern der Westfälischen Rundschau besetzen zu wollen. „Angesichts des anhaltenden Anzeigen- und Auflagenrückgangs und der schlechten Geschäftsaussichten für das laufende Jahr mussten wir jetzt handeln“, sagt WAZ-Geschäftsführer Thomas Ziegler. Das sei die Voraussetzung dafür, um in neue Geschäfte investieren zu können.

SPD-Schatzmeisterin Barbara Hendricks (Foto: SPD)
SPD-Schatzmeisterin Barbara Hendricks (Foto: SPD)
Für Unverständnis sorgt die Ankündigung bei der Deutschen Druck- und Verlagsgesellschaft (DDVG)  in Hamburg. Die SPD-Unternehmensholding ist über die Westfälische Verlagsgesellschaft (WVG) mit 13,1 Prozent am Zeitungsverlag Westfalen beteiligt, der die "Westfälische Rundschau" herausgibt. "Die Entscheidung der WAZ ist nicht plausibel nachvollziehbar und erweckt den Eindruck einer seelenlosen Redaktionsklempnerei", erklärte die SPD-Schatzmeisterin Barbara Hendricks. "Auch ich als Generaltreuhänderin des Beteiligungsbesitzes der SPD erkläre hiermit, dass die Entscheidungen der WAZ gegen und ohne uns gefallen sind."

Die DDVG ist nach eigenen Angaben erst Ende November 2012 und "sehr rudimentär" darüber informiert worden, dass Einschnitte bei der Traditionszeitung geplant sind. "Trotz mehrfacher Nachfragen wurden uns keine näheren Informationen hierzu übermittelt", heißt es in einer Erklärung der DDVG. "Die von der WAZ ergriffenen Maßnahmen berühren den Kern der Westfälischen Rundschau und hätten der Zustimmung der Deutschen Druck- und Verlagsgesellschaft (ddvg) bedurft, die wir jedoch nicht erteilt haben", schießt die DDVG in Richtung WAZ. Durch das einseitige Vorpreschen der WAZ sei "eine gesellschaftsrechtlich äußerst schwierige Situation" entstanden. "Wir werden rechtlich prüfen, wie wir damit umgehen. Klar ist schon jetzt, dass das Vertrauensverhältnis zum Mehrheitsgesellschafter zerrüttet ist", heißt es in der Erklärung weiter.  mas
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