Sebastian Turners PR-Coup im "Handelsblatt"

Freitag, 14. September 2012
Gabor Steingart (l.) und Sebastian Turner (Foto: Handelsblatt.com)
Gabor Steingart (l.) und Sebastian Turner (Foto: Handelsblatt.com)

Unter Gabor Steingart hat das "Handelsblatt" journalistisch Fahrt aufgenommen. Die früher manchmal etwas dröge wirkende Wirtschaftszeitung ist frischer geworden. Auch scheut sich der polarisierende Chefredakteur nicht, in seinen Artikeln und Kommentaren klar Stellung zu beziehen. Das hat das "Handelsblatt" jetzt mehr oder weniger direkt auch im Stuttgarter Oberbürgermeister-Wahlkampf getan. An prominenter Stelle im Blatt - zwischen Politik- und Unternehmensberichterstattung - prangt ein doppelseitiger Bericht über das von der Zeitung ausgerichtete Deutschland-Dinner mit Sebastian Turner. Der frühere Scholz & Friends-Chef tritt bekanntlich als unabhängiger Kandidat für CDU, FDP und Freie Wähler bei den Stuttgarter OB-Wahlen am 7. Oktober an. Der mit allerlei Bildern - unter anderem von "Handelsblatt"-Verleger Dieter von Holtzbrinck - illustrierte Bericht "Ein Unternehmer auf dem Sprung" macht keinen großen Hehl daraus, wem die Sympathien der Zeitung bei der Wahl gehören. Nicht zuletzt, indem man es menscheln lässt, zum Beispiel mit einem Hinweis auf die Geburt von Turners Zwillingstöchtern und einem Bild von ihm mit Stofftieren für die Kleinen.

Doch auch die Inhalte dürfen nicht zu kurz kommen. Turner wird als unabhängiger Kandidat dargestellt, der vor allem die Nähe zu den Bürgern sucht. Und nicht vor unbequemen Aussagen zurückschreckt. Beispielsweise mit dem Aufruf zu mehr Toleranz in Stuttgart: "Weinfeste sollten für die, die keinen Alkohol trinken, auch Saft bereithalten." Eine gewagte Aussage in der traubenreichsten Region Deutschlands, findet das "Handelsblatt". Auch Turners wirtschaftspolitische Forderungen werden nicht unterschlagen, zum Beispiel in Bezug auf die Automobilindustrie. Stuttgart habe ein Klumpenrisiko rund um den Verbrennungsmotor, zitiert die Zeitung aus Turners Podiumsgespräch mit Steingart. "Wir müssen der Autoindustrie helfen, in eine neu Ära zu kommen", sagt der Kandidat.

Der Bericht schließt mit einer vorsichtigen, aber eindeutigen Prognose. Nachdem Baden-Württemberg bereits einen grünen Ministerpräsidenten habe, könnte ein grüner Oberbürgermeister - Turners härtester Widersacher ist "Polit-Profi" ("Handelsblatt") Fritz Kuhn von den Grünen - einer Mehrheit der sonst so konservativen Schwaben dann doch zu heftig werden.

Um es deutlich zu sagen: Dass das "Handelsblatt" einer Eigenveranstaltung mit einem bundesweit vergleichsweise unbekannten OB-Kandidaten in Stuttgart so viel Platz einräumt, kann man journalistisch gut finden oder nicht. Dass die Zeitung das aber an so prominenter Stelle tut und das auch noch mitten im Wahlkampf, hat einen faden Beigeschmack. Für Turner ist der Aufschlag jedenfalls ein echter PR-Coup. mam             
Meist gelesen
stats